Obwohl es in fast allen Zeitungen anders stand, ist Prokon womöglich gar nicht pleite. Das Management des Windkraftbetreibers hat zwar einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt, dem aber das Gericht bisher nicht entsprochen hat. Es hat nur einen vorläufigen Insolvenzverwalter eingesetzt, was nicht sagt, dass es zu einem Insolvenzverfahren kommt.

Der Hamburger Anwalt Dietmar Penzlin hat den Job angenommen und muss versuchen, die Vermögenswerte im Interesse der Gläubiger der Firma zu sichern. Und er prüft, ob Prokon zahlungsunfähig ist. Das ist schwierig. Nach allem, was man weiß, ist Prokon niemandem Geld schuldig geblieben. Die Mitarbeiter erhielten pünktlich ihre Löhne und Gehälter, die Beiträge an die Sozialkassen wurden abgeführt und die Lieferanten bezahlt. Die Banken kassierten ihre Zinsen. Auch die rund 75.000 Kleinanleger, die bei Prokon Geld investiert haben, hatten nichts zu klagen. Im Gegenteil: Mit Ausschüttungen von bis zu acht Prozent wurden sie üppig bedient. Seit 18 Jahren hat bei Prokon kein Anleger Geld verloren.

Das Problem ist, dass ein Teil der Geldgeber kalte Füße bekommen hat. Zu Tausenden kündigten die Menschen ihre Kapitaleinlagen. Die Windkraftfirma hatte über die Jahre fast 1,4 Milliarden Euro eingeworben, doch dann wurden schlagartig 200 Millionen Euro zurückgefordert. Das Unternehmen erlebte so etwas wie einen bank run, bei dem Sparer aus Angst, Geld zu verlieren, in Massen ihre Konten räumen und das Institut auf diese Weise erst in die mögliche Insolvenz treiben.

Es war absehbar, dass Prokon den Ausstiegswilligen ihr Geld nicht sofort zurückzahlen kann. Im eigenen Interesse stellte die Geschäftsführung um Firmengründer Carsten Rodbertus einen Insolvenzantrag. Sonst hätte sie riskiert, der Insolvenzverschleppung beschuldigt zu werden, einer Straftat, die mit bis zu drei Jahren Gefängnis geahndet werden kann.

Dass die Firma wirklich pleite ist, im Sinne der Insolvenzordnung, daran hat der vorläufige Verwalter aber Zweifel. Er hält es für "durchaus möglich", erklärte er Journalisten und Mitarbeitern am Firmensitz in Itzehoe, dass "eine Zahlungsunfähigkeit, die hier in Rede steht, nicht vorliegen könnte". Drei Rechtsprofessoren untersuchen nun die Frage, das wird bis zu drei Monate dauern. Dann wird klar sein, wie viel Zeit Prokon hat, um Einlagen zurückzuzahlen.

Für die Anleger wird das eine Geduldsprobe, aber dem vorläufigen Verwalter macht es wenig Sorgen, wie er durchblicken ließ. Die Windräder drehten sich ja weiter, sagte Penzlin, einen Stillstand des Geschäfts und einen Ausfall von Einnahmen wird es also zumindest auf diesem Feld nicht geben.

Eine Pleitefirma, die vielleicht gar nicht pleite ist, das ist nicht die einzige Merkwürdigkeit im Fall Prokon. Eine andere: Ein Unternehmen, das die Energiewende mitgestaltet, wird als Betrügerfirma denunziert. Zehntausende Anleger, die es für klug hielten, in Sachwerte zu investieren, die sie sich nach kurzer Autofahrt ansehen können, müssen sich jetzt nachsagen lassen, dumm, gierig oder beides zu sein.

Man fragt sich, wie es um die Risikokultur in einem führenden Wirtschaftsland steht, wenn dem Hauptgeschäftsführer des Industrieverbandes BDI zu einem wachsenden Unternehmen, dem die Finanzierung weggebrochen ist, der Satz einfällt: "Investitionen dürfen nicht zum Glücksspiel werden."

Was ist passiert? Prokon hat sogenannte Genussrechte ausgegeben, um Kapital zu beschaffen. Dabei handelt es sich um ein Zwischending von unternehmerischer Beteiligung und Festzinspapier, für das es keine besonderen gesetzlichen Regeln gibt. Der Verkaufsprospekt von Prokon ist vorbildlich und gut verständlich. Alle Risiken sind beschrieben. Es steht darin, dass die Genussrechte für Anleger mit mittel- bis langfristigem Horizont geeignet seien und dass es sich um eine Kapitalanlage mit "typischem unternehmerischen Risiko" handele. Deshalb sollten Interessenten nur einen Teil ihrer Ersparnisse investieren. Den Anlegern wird auch erklärt, dass sich ihre Rückzahlungsansprüche durch Verluste des Unternehmens verringern könnten. Sogar der Fall, dass eine große Zahl von Anlegern gleichzeitig Geld abziehen will, ist beschrieben.