Rente mit 63Der große Renten-Irrtum

Das geplante Altersgeld ab 63 ist sehr beliebt. Doch neue Studien zeigen: Viele Ruheständler vermissen ihren alten Job von 

Berliner Gespräche über Rentenpolitik enden in diesen Wochen meistens mit einer Zahl: 90. Ist sie einmal ausgesprochen, wechselt man das Thema oder verabschiedet sich. Neunzig Prozent der Deutschen sind für die Rente ab 63, das ergab eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen. Die Zustimmung zu den anderen Rentenplänen der großen Koalition, etwa für ältere Mütter, ist fast genauso hoch.

"Neunzig Prozent Zustimmung, was soll man da noch groß diskutieren", sagen deshalb viele Politiker von CDU, CSU und SPD, auch diejenigen, die skeptisch sind. "Wir machen doch nur, was der Wähler ganz offensichtlich will."

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Etwa 160 Milliarden Euro werden die geplanten Rentengesetze der neuen Regierung bis 2030 kosten. Vor allem Ökonomen, Arbeitgeber und jüngere Beitragszahler sind deshalb entsetzt. Doch selten war die öffentliche Kritik an einer großen Sozialreform gleichzeitig so hart – und so folgenlos. Die Zustimmung von neunzig Prozent der Wähler macht mehr Eindruck als jedes kritische Argument.

Dabei erweckt die Umfrage einen falschen Eindruck. Viele Menschen, das zeigen Untersuchungen, machen sich über die Wonnen des Ruhestands Illusionen, solange sie noch beschäftigt sind. Vor allem aber wollen viele Beschäftigte auch mit einer Rente doch weiter arbeiten. Die Rente ab 63 ist beliebt, weil sie finanzielle Vorteile für diejenigen bietet, die früher aus ihrem aktuellen Beruf aussteigen. Damit ist allerdings nicht gesagt, dass diese Menschen untätig sein möchten.

Denn trotz aller Zustimmung für die Berliner Rentenpläne verändert sich die Arbeitswelt auf ganz andere Weise. Etwa 1,3 Millionen Beschäftigte im Rentenalter sind berufstätig, mehr als doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Immer häufiger verklagen alte Menschen ihre Arbeitgeber, weil sie nicht in den Ruhestand wechseln wollen. Und Unternehmen bieten immer mehr Modelle für Rentner an, die als Berater auch im Ruhestand gefragt sein wollen. Mumien werden diese Helfer bei der Robert Bosch GmbH genannt, bei der die Rentner seit Jahren erfolgreich eingesetzt werden. Die Deutsche Bahn hat einen Senior Expert Service und Daimler nennt seine ergrauten Helfer Space Cowboys, nach einem Film mit Clint Eastwood, in dem vier Rentner zu einer Expedition ins Weltall aufbrechen, um die Erde zu retten.

Bei der Rentenreform der Bundesregierung, die an diesem Mittwoch im Kabinett verabschiedet wurde und die schon im Juli in Kraft treten soll, sind solche flexiblen Lösungen allerdings nicht vorgesehen. Das Bundesarbeitsministerium rechnet in seinen Kostenkalkulationen damit, dass ab Juli jeder mit 63 in Rente geht, der 45 Jahre berufstätig war und in die Sozialsysteme eingezahlt hat und daher neuerdings das Recht auf früheren Ruhestand hat. Geprüft wird nur noch, wie verhindert werden kann, dass Menschen sich schon mit 61 Jahren arbeitslos melden und dann mithilfe des Arbeitslosengelds nochmals zwei Jahre früher aus dem Berufsleben ausscheiden.

Dass tatsächlich viele Menschen im Ruhestand nicht unbedingt zufriedener sind, hat unter anderem die Altersforscherin Ursula Staudinger von der Jacobs University in Bremen gezeigt. Sie wertete Aussagen von Facharbeitern eines norddeutschen Automobilwerkes vor und nach dem Wechsel in die Rente aus. Es zeigte sich, dass sich nach einem Jahr im Ruhestand deutlich mehr Arbeiter als vorher vorstellen konnten, weiter in ihrem alten Unternehmen berufstätig zu sein.

Ein Einzelfall? Am Dienstag präsentierte die Hertie-Stiftung in Berlin eine neue Umfrage, wonach sich 56 Prozent der Beschäftigten flexiblere Arbeitsmodelle für die letzten Jahre im Job wünschen – um auf diese Weise dann aber bis 65 zu arbeiten oder sogar darüber hinaus.

Die Hertie-Stiftung will aus diesem Anliegen der "Generation Übergang", wie sie schreibt, nun sogar ein Geschäftsmodell machen. In den kommenden 15 Jahren würden etwa zwanzig Millionen Deutsche aus der Babyboomer-Generation allmählich in den Ruhestand wechseln, rechnet Stefan Becker vor, Geschäftsführer der beruf und familie gGmbH, die zur Stiftung gehört. "Demnächst geht die Generation in Rente, die sich schon in der Familienphase flexiblere Arbeitszeitmodelle erkämpft hat", sagt Becker. Die Arbeitsmarktlage und der zunehmende Facharbeitermangel erlaube es vielen Babyboomern, auch in den letzten Berufsjahren anspruchsvoll zu sein und von den Unternehmen passgenaue Angebote zu verlangen. Etwa in Form von Teilzeit- oder Beraterverträgen.

Als Becker vor zwanzig Jahren sein kleines Unternehmen gründete, war das Eintreten für flexible Familienmodelle noch Pionierarbeit. Inzwischen haben sich über 1.100 Arbeitgeber von der Unternehmensberatung als "familienfreundlich" zertifizieren lassen, darunter auch sämtliche Berliner Ministerien und das Bundespräsidialamt. Später beriet Becker Unternehmen zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, als noch kaum jemand von dieser Herausforderung sprach. Nun sei die Suche nach guten Übergangsmodellen für die Babyboomer-Generation dran, sagt der Demografie-Experte: "Der Bedarf ist groß."

Leserkommentare
    • Karl63
    • 09. Februar 2014 16:05 Uhr

    Unser bisheriges Rentensystem ist in keinster Weise auf den radikalen Wandel zugeschnitten, den die Arbeitswelt in den vergangenen Jahrzehnten durchlaufen hat. Ja gewiss, es gibt nach wie vor Mitbürger /-innen die eine ununterbrochene Arbeitsbiographie über Jahrzehnte hinweg aufweisen - dies ist aber schon lange nicht mehr die Regel. Selbst wer zu dieser Gruppe gehört, wird in Zukunft mit einem drastisch reduzierten Anspruch aus der gesetzlichen Rentenversicherung leben müssen. Wovon der große Rest jener dann leben wird, dessen Ansprüche unter dem Existenzminimum liegen, dies wird bislang von der Politik bestenfalls schöngeredet. Zumal inzwischen auch deutlich wird die Versuche, so etwas wie die "Riesterrente" dem Durchschnittsverdiener schmackhaft zu machen, bislang eher ernüchternde Resultate erbracht haben.
    Wenn der Durchschnittsbürger /-in heute so gute Chancen wie nie zuvor hat, den hundertsten Geburtstag gesund und aktiv zu erleben, dann stellt sich selbstverständlich die Frage, ob eine feste Altersgrenze für die Rente überhaupt noch zeitgemäß ist.
    Die entscheidende Frage ist weniger, was diesbezüglich in der Gesellschaft mehrheitsfähig ist, sondern wie flexibel diesbezüglich die hiesige Wirtschaft ist. Die präferenziert bekanntermaßen momentan eher Wunschszenarien, die "Jungen und Dynamischen" zukünftig ganz selbstverständlich an den Universitäten unserer Europäischen Nachbarn anzuwerben.

    • wd
    • 09. Februar 2014 16:08 Uhr

    Es gibt Menschen die über das gesetzliche Rentenalter hinaus arbeiten. Natürlich ist es toll, wenn man zum Gehalt noch eine Rente (40% steuerfrei) bekommt. Aber wäre es nicht an der Zeit darüber nachzudenken, ob man das Rentenanfangsalter nicht auch aus persönlichen Gründen nach hinten schieben kann und dann zum Ausgleich mehr Rente bekommt?

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    • IQ130
    • 09. Februar 2014 17:20 Uhr

    Mein Nachbar kann nicht arbeiten, sagt er.
    Reihenweise Bierflaschen leer trinken, Shisha rauchen und Lärm bis in die Nacht veranstalten, das kann er.

    Bei 35°C legt er sich in die pralle Sonne. Dazu ist er gesund genug.
    Das geht jetzt drei oder vier Jahre so - berufsunfähig mit 57, sagt er.

    Von dieser Sorte sind leider mehrere in der Nachbarschaft.

    Diese Auswüchse gilt es zu vermeiden.

    • verdad
    • 09. Februar 2014 16:08 Uhr

    .
    Wenn Arbeitnehmer und Betrieb sich einig sind, kann der
    Arbeitnehmer selbstverständlich länger arbeiten und erhöht
    seinen Rentenanspruch.

    Wenn nur der Arbeitnehmer länger arbeiten will, wird das
    auch funktionieren.

    Wieso sollte er Staat alles regeln?

    Lassen wir doch der Wirtschaft ihren Lauf!

    2 Leserempfehlungen
  1. Wir brauchen ein flexibleres Rentensystem! Pauschal mit 63 oder 67 in die Rente zu gehen passt nicht fuer jeden. Jedermann, Jedefrau muss selber entscheiden koennen wann sie in Rentegehen will...wer frueher geht hat hoehere Abschlaege zu verkraften...gerne ab 60 den Rentenanspruch (mit Abschlag) ermoeglichen!

    3 Leserempfehlungen
  2. eine Komponente für die körperlich schwer arbeitenden auf dem Bau oder Krankenschwestern wäre ein lang gehegter Wunsch. Wird konsequent ignoriert und lieber eine Mütterrente herbeigezaubert. Die Mutter von Herrn Gabriel (die für das Thema herhalten muss) hätte als Krankenschwester auch etwas davon gehabt!
    Das Denken im Kopf des Politikers geht oft nicht weiter als bis zum Ende der Legislaturperiode. Was dem folgt ist unwichtig solange er sie wieder gewählt wird. Wir hängen an einem ungeschrieben Generationenvertrag auf dem herumgeritten wird und der so keine Neuerungen zulässt! Da Politiker nicht einzahlen in das System, ist es auch leicht es zu verteilen. Und wer spricht schon gerne die ungeliebten Wahrheiten an oder macht Angst durch Veränderung des ganzen?

    Eine Leserempfehlung
    • shtok3
    • 09. Februar 2014 16:28 Uhr

    und kann sollte es auch nocht tun.

    Nur werden bis 2030 viele gar nicht drum herumkommen bis 67 oder länger zu arbeiten, da sie sonst überhaupt nicht mehr über die Runden kommen. Auch wird dann kaum noch jemand die 45 Jahre bis zum 63 Lebensjahr erreichen.

    Lächerlich finde ich nur die Zahl von 160 Mill, die das Ganze bis 2030 mehr kosten wird, also man unterhält sich hier um 10 Mill./Jahr, das sind allein heute schon die Kosten, die sich die Aarbeitgeber Dank Schwarz/Rot/Grüner Politik bei der GKV sparen.

    Auh ist es Kleingeld im Vergleich zu den Belastungen aus den Pensionenverpflichtungen, die den dt. Steuerzahler bereits jetzt schon mehr als 6 Mill pro Jahr mehr kosten. So werden die Pensionsbelastungen von heute bereits 33 Mill./Jahr auf ca 63 Mill/Jahr 2020 ansteigen, 2030 rechnet man bereits mit 100-150 Mill/ Jahr.

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    • HeidiS
    • 09. Februar 2014 16:37 Uhr

    es bleiben 400-Euro-Jobs, um die eine große Konkurrenz geben wird – es ist nicht das gleiche wie eine normal sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit allem, wovon ein fest Angestellter profitiert. Außerdem bedeutet es mehr Anerkennung als nur ein 'Rentnerjob'.

    • HeidiS
    • 09. Februar 2014 16:34 Uhr

    eine relativ geringe Rente beziehen werde, würde ich gern so lange arbeiten wie ich möchte und wie ich kann, und zwar an meinem momentanen Arbeitsplatz. Leider steht in meinem Arbeitsvertrag, dass das Arbeitsverhältnis mit dem gesetzlich festgelegten Rentenbeginn endet – das bedeutet, dass ich mit 65,5 Jahren aufhören muss. Es würde doch der Rentenversicherung Geld sparen, wenn ich die gesetzlich Rente später in Anspruch nehmen würde, ich wäre weiterhin nicht auf Wohngeld angewiesen, aber der Gesetzgeber will es so.

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    • shtok3
    • 09. Februar 2014 17:16 Uhr

    das sie unter die Grundsicherungsgrenze fallen. Denn wenn sie drüber wären und sei es nur um 2 Euro, müssten Sie alles selber bestreiten und dann wäre ihre "Armut" bedeutend größer.
    Der Staat hat es in D so gewollt um die Wirtshaft immer weiter zu entlasten und sollte die Rechnung dafür auch bezahlen. Leider sind viele Dt. so dumm und glauben mit einer Einstellung wie der Ihren, auch noch was Gutes zu tun.
    Ist wie mit dem Arbeitsplatz um jeden Preis auch wenn ich mit einer 30h Woche als Frisöse nur 700 Euro/Monat brutto verdiene oder als Akademiker mit 1400 Euro/brutto nach Hause gehe.
    Die sich in Fäustchen lachen sind die Unternehmer und Staatsdiener, die davon als einzige profitieren.

    • HeidiS
    • 09. Februar 2014 16:37 Uhr

    es bleiben 400-Euro-Jobs, um die eine große Konkurrenz geben wird – es ist nicht das gleiche wie eine normal sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit allem, wovon ein fest Angestellter profitiert. Außerdem bedeutet es mehr Anerkennung als nur ein 'Rentnerjob'.

    Antwort auf "Wer noch arbeiten will"

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