Am Rande der vierspurigen Straße, die vom Zentrum Rigas hinaus zum Flughafen führt, steht an einer bestimmten Stelle ein roter sowjetischer Lada. Es ist kein normaler roter Lada, denn sein Rot ist kein einfaches Kirsch- oder Tomatenrot. Nein, das Rot dieses Lada ist so rot wie das Rot der Granatäpfel, mit denen die Bäuerinnen auf Rigas Zentralmarkt ihren Weißkohl färben. Dieser granatapfelrote Lada also steht vor einem taubengrauen Haus, das nicht aus Stein, sondern aus Holz gebaut wurde. Mehr als hundert Jahre ist es alt, und es wirkt so zerbrechlich, dass es scheint, als könnte der nächste Sturm dieses Winters es hinwegfegen.

Sobald Sie dieses Haus, das nur ein Stockwerk hat, jedoch betreten haben, werden Sie von einer wohligen Wärme eingehüllt. Die Zimmer – ein grünes, ein blaues, ein violettes – sind voller Gäste, die sich wie zu Hause fühlen. Zu Hause, das ist auch der Name des Restaurants, das vor vier Jahren in dem kleinen taubengrauen Haus eröffnete. In der weichen lettischen Sprache hört sich sein Name noch ein wenig schöner an. "Wir treffen uns im Māja", sagen die Hauptstädter, wenn sie aus dem Zentrum hinaus zum derzeit wohl angesagtesten Szeneviertel fahren: Kalnciema kvartāls heißt es. Es besteht aus gerade mal sechs alten Holzhäusern, und sein Wahrzeichen ist der granatapfelrote Lada.

Wenn Sie erfahren möchten, was das Besondere am Kalnciema kvartāls und an seiner Nachbarschaft ist, sollten Sie sich am Zentralmarkt in eine Straßenbahn der Linie 10 setzen. Es wird ein Besuch in der Vergangenheit, aber auch in der Zukunft der lettischen Hauptstadt; und das Abenteuer beginnt schon mit der Straßenbahn selbst. Mal rast sie dahin, mal rumpelt und quietscht sie ohrenbetäubend über die holprigen Schienen. Der Zentralmarkt liegt am östlichen Rand der Altstadt. Werfen Sie, ehe die Reise beginnt, einen Blick zurück auf ihr Panorama. Da ist der hohe, schlanke Turm der Petrikirche und der breite, mächtige des Doms. So vieles erinnert hier an Lübeck oder andere deutsche Ostseestädte.

Es ist das Riga der alten Hanse, in dem fast bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Deutsch die Amtssprache war. Es ist das Riga, in dem so unterschiedliche Deutsche wie Richard Wagner und Heinz Erhardt lebten. Der Komiker hatte eine Lehre in der Musikalienhandlung seines Großvaters gemacht. Doch wurde die Familie vom "Führer" zusammen mit Zehntausenden anderen Deutschbalten "heim ins Reich" geholt. Der Komponist dagegen war aus Königsberg vor seinen Gläubigern geflohen und hatte hier die Oper begonnen, die später zur Lieblingsoper desselben "Führers" werden sollte: Rienzi. Deutsche mag wundern, dass ausgerechnet mit Rienzi die Veranstaltungen eröffnet wurden, mit denen sich Riga in diesem Jahr als Kulturhauptstadt feiert. Die Letten sehen das gelassener. In einer Musikmetropole, die eine Elīna Garanča, einen Andris Nelsons oder einen Gidon Kremer hervorbrachte, ist man ganz einfach stolz darauf, dass Richard Wagner einige Jahre lang hier lebte.

Dieses Riga der Hanse verlassen wir nun und fahren hinaus in ein ganz anderes Riga. Die Linie 10 rattert über die Daugava, diesen gewaltigen Fluss, der kurz vor seiner Mündung in die Ostsee über einen halben Kilometer breit ist. Pārdaugava heißt das Viertel am anderen Ufer, das sich noch nicht entschieden hat, ob es Stadt sein will oder Dorf. Der Weg führt vorbei an schmutzig grauen Mietskasernen, aber auch an Villen im Bauhausstil und an Hinterhöfen, in denen Gemüse wächst. Dies ist ein Riga, in das sich kaum ein Tourist verirrt – und wenn, dann verläuft er sich vielleicht wirklich. So krumm und so zahlreich sind die Gassen, dass an manchen Kreuzungen gleich sechs von ihnen aufeinandertreffen.

Eine bestimmte Haltestelle, an der Sie die Straßenbahn verlassen sollten, gibt es nicht. Steigen Sie aus, wo es Ihnen gefällt. Vielleicht ist das ja der Park, der in diesem chaotischen Viertel ausgerechnet den Namen Arkadia trägt und (nach Abfahrt der Straßenbahn) so still ist, als wäre die Großstadt weit entfernt. Oder die Straße, die wenig einprägsam Friča Brīvzemnieka iela heißt und wo besonders viele der Häuser stehen, die für dieses Viertel so typisch sind. Berühmt ist Riga für seine Jugendstilbauten; aber die Holzhäuser von Pārdaugava sind nicht weniger interessant. Manche erinnern an Schweizer Chalets, andere an verwunschene Tudor-Schlösschen. Nicht durch ihre lauten Farben fallen sie auf, sondern durch ihre leisen. Sie sind weder ochsenblutrot wie die Landhäuser in Schweden noch himmelblau wie die Fischerhäuser der Kurischen Nehrung Litauens. Sie sind beige und rosa und hellgrün oder eben taubengrau wie das Māja im Kalnciema kvartāls. Niemand weiß genau, wie viele Holzhäuser in Riga stehen. Sind es 2.000 oder sogar 4.000, wie manche meinen? Sicher ist nur, es sind so viele wie in keiner anderen Stadt Europas.