Gefühlt dreht sich jeder zweite Tatort um das Thema. Am vergangenen Sonntag erst wurde wieder ein unbescholtener Schwimmlehrer totgeprügelt, weil er sich vermeintlich seinen Schülern unsittlich genähert habe. Als Krimistoff steht sexueller Missbrauch von Kindern hoch im Kurs, hier, so scheinen Fernsehredaktionen zu hoffen, nutzt sich das Entsetzen beim Zuschauer nicht ab, die Realität macht es vor: Mit jedem neu aufgedeckten Missbrauchsfall aus Kirche, Jugendeinrichtungen, Parteien und auch der Kunst (ZEIT Nr. 50/13) steigt die Betroffenheit – und damit der alarmierte Blick auf die Gegenwart.

"Ich will kein Täter werden", so wirbt ein Kinospot, der potenzielle Täter auf Therapien aufmerksam machen soll. Lehrer, Erzieher und Eltern üben in Workshops Sensibilität und das Erkennen von Zeichen, die für ein mögliches Verbrechen sprechen könnten. Aufklärung, Warnung, Achtsamkeit – mehr kann die Gesellschaft nicht tun. Oder doch?

Auf immer mehr Flügen ist es Männern verboten, neben fremden Kindern zu sitzen. Krippen diskutieren, ob Erzieher Kleinstkinder auf den Schoß nehmen sollten. Kindergärtner werden angehalten, beim Wickeln besser die Tür aufzulassen. Und Väter spricht man auf Schulhöfen an, ob sie qua Blutsverwandtschaft befugt sind, ihr Kind zur Begrüßung in den Arm zu nehmen. Statt vor fiktiven Tätern zu warnen (der nette Onkel mit den Süßigkeiten), wird der Abstand zu realen, wenngleich rein potenziellen Aggressoren (jeder Mann, also die Hälfte der Menschheit) gesucht. Die abstrakte Angst vor der Pädophilie ist in Paranoia umgeschlagen.

Woher rührt dieser Wahn?

Der neue Hang zur Hyperprotektion wirkt wie eine hysterische Übersprungshandlung. Er sagt weniger über den aktuellen Stand der Verbrechensbekämpfung aus als über den mentalen Zustand der Eltern. Ihre gesteigerte Angst ums Kind scheint sich mit dem sexuellen Missbrauch nur ein schauriges Lieblingsthema gesucht zu haben. Das übertriebene, weit vorauseilende Behüten des kindlichen Körpers ist nur exemplarisch. Eigentlich geht es um weitaus mehr: Die präventiven Maßnahmen gegen sexuelle Übergriffe meinen nicht allein den Schutz der Sexualität. Sondern die kindliche Unschuld als solche – und damit das Kind an sich.

In einer Welt, die langsam begreift, dass die Sehnsucht nach Individualität auch in ihr Gegenteil kippen kann, ist Fortpflanzung zum letzten Refugium von Einzigartigkeit geworden. Jahrelang konnte das Versprechen nach Unterscheidbarkeit noch bequem andernorts eingelöst werden: Aus Fotos, Links und Postings lässt sich im Netz die ganz eigene Profilpersönlichkeit zusammenklicken, keine Timeline gleicht der anderen. Im Café darf jeder sein Frühstück aus unendlich vielen Zutaten selbst zusammenstellen, jedes Essen eine Feier des Einzigartigen. Getränke werden individuell zubereitet, nicht für eine anonyme Masse an Kunden, sondern für Einzelne, in Bechern, auf denen ihr Vorname steht, der eigens aufgerufen wird – ein Kaffee wie kein zweiter.

Doch wo die Abgrenzung vom Mainstream derartig gesucht wird, wo zu diesem Zweck massenhaft auffällig große Brillen und lange Hipsterbärte angeschafft werden, wo Smartphone-Oberflächen die eigene Persönlichkeit in Form von App-Kollektionen spiegeln und neonfarbene Schals und Turnschuhe das Eigene erstrahlen lassen, ist vor lauter angehäufter Individualität mittlerweile keine Individualität mehr zu erkennen. Von der Sucht nach Distinktion, dem unbedingten Wunsch nach Unterscheidung, bleibt nur die hilflose Absetzbewegung, eine Mode schaler Gleichförmigkeit. Wenn dazu noch jede Landschaft bis ins Letzte abfotografiert ist und jeder Kommunikation ein Zweifel der Zweckmäßigkeit innewohnt, bleibt in der Tat wenig, eigentlich wirklich nur eines, das dem Verdacht der Pseudo-Authentizität, der Pseudo-Einmaligkeit und Pseudo-Unplanbarkeit enthoben ist: das Kind.

Die FAS-Autorin Antonia Baum attestierte kürzlich, dass die kapitalistische Bedrängnis im Leben junger Menschen dem Kinderwunsch entgegenwirke. Doch ist das Kinderkriegen nicht vielmehr eine Reaktion auf den ewigen Zwang zur eigenen Selbstverwirklichung? Durch das Kind erfüllt sich schließlich das, was Konsum und Karriere nicht mehr zu leisten vermögen. Im Unterschied zum individuell bedruckten T-Shirt oder dem perfekten Lebenslauf ist das eigene Kind nicht austauschbar, in ihm manifestiert sich die Essenz von Individualität. Davon erzählen die Ultraschallbilder stolzer Schwangerer auf Facebook. "Ich habe was, was du nicht hast", so spricht es aus dem Herzeigen ungeborenen Lebens, das als das ultimativ Eigene, das absolut Nichtidentische im Meer alles Gleichen erscheint.