Vergitterte Fenster, hohe Mauern: In Parsberg kümmern sich Ärzte wie Gabriela Mütterlein, die Frau des Chefarztes, um schwierige Fälle © Lennart Preiss/ddp

Ralf Mütterlein betritt das Zimmer von Iwan*, der nicht sein Patient sein will. Im Schlepptau hat er zwei Ärzte, drei Pfleger und eine Sozialarbeiterin, sie alle tragen Mundschutz und Handschuhe. Iwan hat eine offene Tuberkulose. Und weil er nicht an diesem Ort sein will, hat er gestern ein Fenster eingetreten.

Mütterlein, der 62-jährige Chefarzt, lässt sich seinen Ärger nicht anmerken. "Guten Morgen, wie geht’s Ihnen?", fragt er. Ein Lächeln wäre jetzt hilfreich, aber der Mundschutz ist im Weg. "Wann komme ich hier raus?", will Iwan wissen. Das ist das Einzige, was den stämmigen Russen interessiert.

Iwan lebt seit zwei Wochen in der Klinik für Lungen- und Bronchialkunde am Bezirkskrankenhaus Parsberg in der Nähe von Regensburg. Er wurde in die Spezialklinik für uneinsichtige Tuberkulose-Patienten gebracht, weil er draußen gegen ärztliche Anordnungen verstoßen und in einem anderen Krankenhaus randaliert hatte. Seine Tuberkulose ist nicht ausgeheilt – würde man ihn freilassen, könnte er andere Menschen anstecken, auch seine zwei kleinen Kinder. Das will der 38-Jährige nicht begreifen. Oder es ist ihm egal.

Er schaut Mütterlein misstrauisch an, als der dessen Röntgenbilder gegen das Licht hält. "Sehen Sie mal, Ihre Tuberkulose hat sich verbessert, seit Sie hier sind", sagt der Chefarzt so schwungvoll wie möglich. Iwan starrt auf den Boden. "Wenn ich hier nicht rauskomme, reiße ich mir ein Auge raus", flüstert er. Es ist ein tägliches Ringen zwischen Arzt und Patient, und keiner ist bereit aufzugeben.

Tuberkulose ist eine tückische Infektionskrankheit, die auch im 21. Jahrhundert noch weit verbreitet ist: Im Jahr 2011 registrierte das Robert Koch Institut hierzulande 4.317 Erkrankungen und 162 Todesfälle, weltweit starben etwa 1,4 Millionen Menschen daran. Einmal ausgehustet, kann der Erreger lange im Staub oder in der Luft überleben. Die Infektion mit ihm führt in jedem zehnten Fall zu einer chronischen Infektion. Besonders gefährdet sind Menschen mit einem schwachen Immunsystem, etwa Diabetiker, Alkoholiker oder Kleinkinder. Die Symptome sind Nachtschweiß, Müdigkeit, Gewichtsabnahme und Husten. Unbehandelt ist Tuberkulose häufig tödlich.

Chefarzt Mütterlein und seine Klinik sind in Deutschland die Ultima Ratio bei der Bekämpfung der Tuberkulose. Die Gesundheitsämter gehen rigoros gegen die Krankheit vor. Sie unterliegt der Meldepflicht, und alle ansteckenden Patienten werden isoliert. Verstößt ein Patient gegen die Vorschriften, begeht er eine Ordnungswidrigkeit.

Dann schaltet das Gesundheitsamt das Ordnungsamt ein, das den Patienten bis zu zweimal abmahnt und beim dritten Mal nach Parsberg oder in eine ähnliche Einrichtung nach Bad Lippspringe bringt. Den Beschluss darüber fällt ein Richter. Dass der Staat diese Befugnisse hat, ist nur wenigen bekannt. Das Infektionsschutzgesetz erlaubt, zur Eindämmung ansteckender Krankheiten Grundrechte einzuschränken, etwa die Versammlungsfreiheit, das Brief- und Postgeheimnis oder die Unverletzlichkeit der Wohnung. Die Zwangsquarantäne ist in Paragraf 30 des Infektionsschutzgesetzes geregelt. Und sie ändert für die Betroffenen alles. Nicht weil sie Verbrecher sind, sondern weil sie krank und uneinsichtig sind.

In Mütterleins Klinik leben derzeit 20 dieser Tuberkulose-Patienten. Wie Iwan wurden sie zwangsweise in das kleine Städtchen Parsberg in der Oberpfalz gebracht. Es fehlt ihnen der Wille, die Einsicht oder das Durchhaltevermögen, mit ihrer Krankheit richtig umzugehen. Draußen haben sie immer wieder gegen Quarantänevorschriften verstoßen und damit sich und andere Menschen gefährdet.

Auch Simon, 38 Jahre alt, hat Tuberkulose, außerdem ist er an Schizophrenie erkrankt. Vor einigen Wochen noch lag er in der Klinik seiner Heimatstadt, in der seine Infektion behandelt werden sollte. Doch dann, im Krankenhausbett, überkam ihn die Panik. Er dachte an die Zigaretten, die er nicht bekam, an das Marihuana, das sie ihm verboten, an die Einsamkeit, die sie ihm zumuteten. Er sprang vom Bett auf, huschte zur Tür, lugte hinaus, sah das unbesetzte Ärztezimmer und rannte zum Aufzug. Innerhalb weniger Minuten stand er draußen, gesellte sich zu den anderen Patienten, die hier rauchten, griff sich ein wenig menschliche Nähe ab.