Die Anspannung steht Martin Halama ins Gesicht geschrieben. Zwar sind es nur zwanzig in Österreich lebende Ukrainer, die sich am vergangenen Freitag vor der Zentrale der UniCredit Bank Austria am Wiener Schottentor versammelt haben, doch ihre Vorwürfe sind harsch: "Blutige ukrainische Oligarchen in Österreich. Sanktionen!!!" steht auf einem Plakat. Halama, der Pressesprecher der Bank, beobachtet zunächst das Treiben, das mit dem Absingen der ukrainischen Hymne begann. Protestiert wird gegen den prominentesten ukrainischen Kunden der Bank: den einflussreichen Regierungspolitiker Andrej Kljujew, den die Demonstranten das "Monster von der ukrainischen Regierung" nennen. Ihm wird vorgeworfen, für die gewalttätigen Polizeieinsätze in Kiew verantwortlich zu sein. Und ausgerechnet dieser Mann besitzt bei der UniCredit ein Wertpapierdepot mit der Nummer 52446 829 901. Immer wieder wird er von der Opposition beschuldigt, Geld im Ausland waschen zu lassen, vor allem in Österreich.

"Wenn Sie Personen unterstützen, die eine Diktatur in der Ukraine errichten, dann tragen Sie auch Mitverantwortung", sagt eine Aktivistin zu Halama. Der macht freundliche Miene zur heftigen Kritik und meint lediglich, seine Bank halte sich an alle Gesetze, und Kunden, die als politisch exponierte Personen gelten, würden äußerst sorgfältig geprüft. Kurz spricht er noch weiter mit den Demonstranten, ehe er sich verabschiedet. Er wolle nicht länger stören, sagt er, und hoffe, "dass es in Ihrem Heimatland relativ bald zu einer friedlichen Lösung kommen wird".

Es sind dramatische Tage in Kiew, und der Protest wird zunehmend ins Ausland getragen. Hinter den Kulissen beschäftigt sich die Oppositionsbewegung schon länger mit den Geschäften von Präsident Janukowitsch und dessen Umfeld. Der Klüngel soll sich in den vergangenen Jahren massiv bereichert haben. In vielen Fällen wird Korruption vermutet und dass die Mächtigen der Ukraine illegal verdiente Gelder in großem Stil an ausländischen Finanzplätzen reinwaschen.

Von der Monarchie bis heute spielt Wien für ukrainische Eliten eine wichtige Rolle: So hat etwa Dmitri Firtasch, ein einflussreicher Oligarch mit besten politischen Beziehungen, seine Group DF International im 4. Bezirk angesiedelt. Der Parlamentsabgeordnete Alexej Asarow, der Sohn des am Dienstag zurückgetretenen Premierministers, war wiederum bis 2012 Geschäftsführer der "Sustainable Ukraine gemeinnützige Forschung GmbH" mit Sitz in Wien, die vorgab, sich mit Forschungen zur europäischen Integration beschäftigen zu wollen. Seine Frau besitzt derweil eine Kunstgalerie am Parkring und 50 Prozent einer Zeitschrift namens Vienna Deluxe Magazine .

Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen aber Andrej Kljujew und sein Bruder Sergej – die beiden besitzen in Wien zumindest zwei Firmen. Sergej Kljujew, der laut Firmenbuch einen Wohnsitz im niederösterreichischen Tulbingerkogel hat, ist Fraktionsvize der Regierungspartei im ukrainischen Parlament. Sein älterer Bruder Andrej fungierte zuletzt als Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsrates. Vergangene Woche wurde er zum Chef der ukrainischen Präsidentschaftskanzlei ernannt und damit zu einer der mächtigsten Personen im Land.

Er gilt auch als wichtigster Scharfmacher gegen die Oppositionsbewegung: In Vernehmungsprotokollen beschuldigte ihn der kürzlich abgesetzte Kiewer Bürgermeister Alexander Popow, hinter dem gewaltsamen Polizeieinsatz in der Nacht zum 30. November 2013 zu stehen, bei dem friedliche Studenten am Kiewer Maidan verprügelt wurden. Josef Sisels, der Vorsitzende der Assoziation jüdischer Gemeinden der Ukraine, vermutet in Andrej Kljujew jenen Propagandisten, der Sonderpolizisten einzubläuen versuche, hinter den aktuellen Protesten stünden "die Juden". Kljujew lässt über seinen Sprecher ausrichten, alle Vorwürfe seien falsch und Teil einer Kampagne gegen seine Person.

Die Österreich-Connection der ukrainischen Elite wurde vergangene Woche erstmals zu einem wichtigen Thema der Opposition: Am 21. Januar sandte PEPwatch, eine Kiewer Nichtregierungsorganisation (NGO), ein ausführliches Schreiben an die österreichische Finanzmarktaufsicht FMA und forderte einmal mehr Geldwäscheermittlungen gegen Kljujew und andere ein. Gleichzeitig plante die Protestbewegung eine Kundgebung vor der österreichischen Botschaft in Kiew, die jedoch in letzter Minute abgesagt wurde. Laut der Onlinezeitung Ukrainska Prawda deshalb, weil es Informationen über eine bevorstehende Beschlagnahmung von Kljujew-Vermögen in Österreich gebe. Botschafter Wolf Dietrich Heim wurde mit den Worten zitiert: "Es laufen Ermittlungen, zu denen die Botschaft jedoch keine Informationen hat." Doch das Medium war einem Übersetzungsfehler aufgesessen: Der Botschafter sprach, so erklärt das Wiener Außenministerium, von "Untersuchungen", die in der Vergangenheit gelaufen seien. Die Kljujews müssen sich keine Sorgen machen – in Österreich ist nichts mehr gegen sie anhängig.