Die Ukrainer verlassen sich auf die Zeit. "Es muss erst eine neue Generation von Ukrainern heranwachsen. Sie werden anders sein" – wie oft habe ich in den vergangenen Jahren diese Sätze gehört. Mittlerweile ist Zeit vergangen, und eine Generation ist in der Unabhängigkeit erwachsen geworden. Sie steht heute Schlange am Fahrstuhl zum gesellschaftlichen Aufstieg. Ist sie nun anders, diese Generation?

Die Spezialeinheiten des Innenministeriums, die dieser Tage in Kiew auf Menschen schießen und in der Provinz Demonstranten, Ärzte und Journalisten verletzen, das sind auch ganz junge Leute. Was der KGB war, wissen sie nur aus dem Fernsehen. Die Kampftruppen, die heute überall im Land Demonstrationen auflösen, sie sind auch Kinder der Unabhängigkeit. Die Tituschki, von den Machthabern gedungene Schlägertrupps, die im Kampf gegen die friedliche Bevölkerung eingesetzt werden, sind allesamt Teenager. Diese jungen Leute fühlen nicht ukrainisch, sie haben keine Beziehung zu ihrem Land, sie identifizieren sich nicht mit ihm. Und wer von ihnen Überzeugungen und Ideale hat, kämpft gegen "Faschisten" – eine Bezeichnung, die von der Regierung bevorzugt für alle Unbequemen verwendet wird –, gegen "Euro-Sodom" – ein beliebter Begriff im Kampf gegen die Orientierung an und hin zu Europa – oder gegen "Extremisten". Und Extremisten sind alle, die sich gegen die bestehende Macht auflehnen.

Es hat sich also gar nichts verändert, die 22 Jahre Unabhängigkeit haben aus den Ukrainern keine Staatsbürger gemacht. Die neue Generation hat sich abgefunden mit den Verfassungsbrüchen, dem Lügengespinst der Machthaber und dem ganz und gar kriminellen Wesen des Staates.

Das ist mir jetzt wieder aufgefallen, als ich in Charkow auf dem Euromaidan stand, auf der Hauptstraße der 1,5-Millionen-Metropole, und beobachtete, wie gegen 12 Uhr mittags ein Schwarm junger Leute mit Gesichtsmasken und Baseballschlägern Tausende Demonstranten einkreiste. Kurz zuvor hatten sie die "Eurofaschisten" angegriffen, unter denen übrigens viele Frauen, Studenten und Rentner waren. Und die Miliz schaute schweigend zu. Der Gouverneur von Charkow, mit 44 Jahren auch noch ziemlich jung, spricht unterdessen von der Notwendigkeit, den "faschistischen Überfällen" die Stirn zu bieten, und kündigt die Bildung von Selbstverteidigungseinheiten an.

Gegen wen der Gouverneur die Region verteidigen will, ist indessen unklar: Charkow erweckt den Eindruck einer trägen und dem aktiven Leben entfremdeten Stadt. Als würden die seit zwei Monaten andauernden Kiewer Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften, die in der letzten Zeit so blutig eskaliert sind, sich in der Hauptstadt eines fremden Landes abspielen. Dennoch sind die Machthaber auf ihrem Posten; überall dort demonstrieren sie Stärke und Standfestigkeit, wo sie, wenn nicht Rückhalt, immerhin Gleichgültigkeit spüren. Die Bevölkerung begehrt hier nicht gegen die Methoden der Staatsgewalt auf: Das ist uns egal, das geht uns nichts an, das ist nicht unsere Revolution. Ruhe und Stabilität, das ist die Hauptsache. Selbst wenn Ruhe die totale Informationsblockade über die Ereignisse im Land bedeutet und Stabilität nicht mehr als die Zahlung eines miserablen, aber immerhin regelmäßigen Gehalts.

Die Weigerung der östlichen und südlichen Landesteile, sich dem Protest anzuschließen, ihre Passivität und Distanziertheit sind bezeichnend für die Gesamtsituation. Veränderungen aber kann es ohne den Süden und den Osten nicht geben. Die territoriale Teilung des Landes in Regierungstreue und Regierungsgegner besteht seit dem Beginn der 1990er Jahre, sie spaltet das Land in zwei eitrige Klumpen, die nicht zusammenwachsen wollen.

Ich bin im Osten der Ukraine geboren und lebe seither dort, ich mag die Region, und ich möchte nirgendwo anders hin. Es tut weh zu sehen, wie meine Landsleute sich von der Regierungspropaganda die Gehirne verkleistern lassen, es tut weh, sie von "Terroristen" reden zu hören, die ihnen – den Bewohnern der Großstädte im Osten – angeblich ihre Sprache, ihre Geschichte, ihre Wahrheit nehmen wollen.

Die Machthaber sind dreist, zynisch und blutrünstig

Das Land ist wie in zwei eitrige Klumpen gespalten

Dass wir Bürger eines Landes sind, dass wir unsere Rechte gemeinsam einfordern müssen, das stößt in der Regel auf taube Ohren. Stattdessen heißt es, Veränderungen würden nichts bringen, eine neue Führung wäre genauso korrupt und käuflich wie die alte, darum sei es besser, sich an die Alten zu halten, da wisse man wenigstens, woran man sei.

Eins muss man der heutigen Führung lassen: Konsequent und geschickt treibt sie die Spaltung der Gesellschaft voran und kommt in ihrer agitatorischen Kreativität auf die erstaunlichsten Ideen. Nachdem in den Gebietszentren der West- und Zentralukraine massenhaft Verwaltungen besetzt worden waren, entschloss sich die Macht im Osten zu einem Präventivschlag. So gingen in Donezk, der Heimat der heutigen Regierungsriege, gekaufte Demonstrantengruppen aufeinander los oder taten so, als wollten sie ein Verwaltungsgebäude besetzen. Ich vermute, dass man durch diese Provokation in Donezk testen wollte, ob sich nicht doch Einheiten von Euromaidan-Anhängern im Donbass aufhalten. Ich vermute außerdem, dass es in Charkow Leute gibt, die ernsthaft den Erzählungen der Charkower Führung glauben, wonach einige Hundert Westukrainer durch die Stadt streifen und terroristische Anschläge planen. Um Ruhe und Ordnung zu wahren, sind die Verwaltungsgebäude der Stadt im nächtlichen Dämmer von einer riesigen Anzahl von Sicherheitskräften umstellt, die bei minus 20 Grad nach den geheimen Verbänden der Westukrainer Ausschau halten.

Wir Ostukrainer leben nicht einfach in einer tragischen Zeit. Unsere Tragik hat Züge des Absurden, sie schreit nach schwarzem Humor.

Demokratie in den falschen Händen ist wie ein riskantes Kartenspiel: Die Chancen auf Sieg stehen schlecht, dafür ist die Wahrscheinlichkeit hoch, alles zu verspielen. Zwanzig Jahre Staatsaufbau, Ansätze einer Zivilgesellschaft, Arbeit an der Demokratie, das alles lässt sich innerhalb weniger Monate zerstören. Noch im Dezember haben wir geglaubt, die Regierung müsste es bald leid sein, so zu tun, als würde sie die protestierenden unzufriedenen Massen in den vielen Städten übersehen, im Januar mussten wir über den drohenden Ausnahmezustand reden.

Die Machthaber sind dreist, zynisch und blutrünstig

Wieso eigentlich drohend? Der Ausnahmezustand dauert im Grunde genommen schon zwei Monate an. Die Machthaber brauchen keine neuen und strengeren Gesetze. Sie brauchen überhaupt keine neuen Gesetze. Und wenn sie doch welche beschließen, werden sie sich sowieso über diese hinwegsetzen. Es spielt keine Rolle, was ein Gesetz vorschreibt, wenn es von Anfang an dauernd missachtet wird. Und das Schlimmste sind die fortwährenden frechen Lügen, die offene Manipulation des kollektiven Bewusstseins, der ununterbrochene Populismus und die Einschüchterung.

Nicht einmal in der jetzigen Situation sind die Machthaber bereit umzudenken. Vielleicht weil sie glauben, die Gefahr aussitzen zu können. Wahrscheinlicher ist, dass sie einfach nicht umdenken können. Sie sind, wie sie sich zeigen: dreist, zynisch und blutrünstig. Verbrecherisch also. Und so muss man ihnen entgegentreten. Diese ganzen Märchen vom Extremismus und die Versprechungen, den Protestierenden entgegenzukommen, sie sind am Ende nichts als Ablenkungsmanöver und Zeitverschwendung.

Eine Frage bleibt offen: Was soll das Land in der gegenwärtigen Situation machen? Ich würde die Frage ein wenig umformulieren: Was sollen wir denn mit diesem Land machen? Wie sollen wir hier weiter zusammenleben? Ich bin mir sicher, dass die Regierung zurücktreten wird. Ich bin mir sicher, dass es zu Veränderungen kommen wird.

Aber unabhängig von den Veränderungen, wie sollen die Menschen weiterleben? Die Gouverneure, die Bürgermeister, die Milizionäre, die Gesetze verletzt haben, oder die beteiligten Teenager-Schlägertrupps? Oder all die Staatsbediensteten, die seit Jahr und Tag als Demonstrationsfutter von den Machthabern missbraucht wurden? Und die Studenten, die die Chancen der ukrainischen Revolution ganz sicher zu idealistisch sehen? Wem können sie vertrauen, worauf sollen sie sich verlassen? Wieder auf die Zeit? Sie wird für uns keine Probleme lösen. Und das umso weniger, als wir dieses Mal wirklich keine Zeit haben.

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe

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