Vor drei Jahren war flinc kaum mehr als eine Idee. Damals saß Klaus Dibbern mit zwei Partnern in einem kahlen Raum der Hochschule Darmstadt, umgeben von Stellwänden mit bunten Post-its. Gemeinsam programmierten sie eine App, mit der Mitfahrgelegenheiten spontan an Ort und Stelle organisiert werden können. Das Team hatte sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: "Wir wollen die Mobilität revolutionieren."

Heute ist flinc ein Unternehmen mit 17 Mitarbeitern. Die Gründer haben einige Preise abgeräumt, arbeiten mit einem Hersteller von Navigationsgeräten zusammen, im neuen BMW i3 ist ihre App vorinstalliert. Außerdem bereiten sie sich darauf vor, ins Ausland zu expandieren: Gerade starten Pilotprojekte in Schweden und Norwegen.

Klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Doch dahinter steckt ein langer, zäher Kampf. "Ein Thema, das uns ständig umtreibt, ist die Finanzierung", sagt Vorstand Dibbern. Das Unternehmen brauche dringend Geld für Werbung, um seine App bekannter zu machen. Denn ohne Nutzer keine Mitfahrer. Ein Jahr lang hat sich der 52-Jährige nun immer wieder bei Investoren vorgestellt und mit ihnen verhandelt – doppelt so lange wie geplant.

Der Unternehmer ist genervt. "Ich verbringe einen großen Teil meiner Zeit damit, Geldgeber zu finden", sagt er. So könne er sich weniger um den Vertrieb und die Weiterentwicklung der App kümmern, "sonst wären wir mit Sicherheit schon viel weiter". Vielen jungen Firmen in Deutschland geht es ähnlich. In einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr gaben rund 60 Prozent der schnell wachsenden Software-Unternehmen an, dass finanzielle Probleme ihr Wachstum hemmten.

Die meisten der rund 11.000 Firmen, die nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums jährlich im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie gegründet werden, wachsen allenfalls zu mittelständischen Firmen heran. Dass aus ihnen Großkonzerne wie der Software-Riese SAP entstehen, bleibt die Ausnahme. Tobias Kollmann sieht diese Entwicklung kritisch. "Deutschland liegt im Bereich Information und Kommunikation im internationalen Vergleich bereits jetzt zurück", sagt der Professor für E-Business von der Universität Duisburg-Essen. Das Land brauche aber große Unternehmen als Zugpferde.

Kollmann setzt sich seit mehr als zehn Jahren dafür ein, dass es Internet-Start-ups hierzulande einfacher haben. "Die Bedingungen für Gründer haben sich schon deutlich verbessert", sagt er. Förderprogramme wie das Exist-Stipendium garantieren teilweise ein Jahr lang ein sicheres Einkommen, staatliche Investoren wie der High-Tech Gründerfonds unterstützen junge Firmen mit bis zu 500.000 Euro. So erklärt der Experte einen Teil des Start-up-Wunders in Berlin.

Dort feiert man sich derzeit gern als Silicon Valley Europas. Fünf IT-Firmen starten jeden Tag, heißt es im Bundeswirtschaftsministerium. In unzähligen Beratungszentren träumen hippe Jungunternehmer davon, dass ihre Firma wird wie Facebook oder Amazon: das nächste große Ding. Statt wie früher US-Geschäftsmodelle zu kopieren, trauen sie sich heute, eigene Ideen auszuprobieren. Und immer mehr Investoren helfen ihnen dabei. Rund 5.000 private Business-Angels – Unternehmer, die junge Firmen finanzieren und beraten – gibt es laut dem Verein Business Angels Netzwerk hierzulande. Insgesamt investieren sie jährlich etwa 300 Millionen Euro.

Wie passen diese Zahlen zu den Klagen von Flinc-Gründer Dibbern? "In der Start-up-Phase sieht es mittlerweile sehr gut aus", sagt Kollmann. "Das Problem kommt danach, in der Wachstumsphase." Ein Unternehmen durchläuft nach der Gründung verschiedene Stadien. Zuerst ist es ein Start-up, das ist die Spiel-und-Spaß-Phase. In dieser Zeit hocken die Gründer meist in einem provisorischen Büro und basteln zwischen Computern und Pizzaschachteln an ihrem Konzept. Die Voraussetzung dafür ist eine originelle, visionäre und nicht völlig realitätsfremde Idee. Der Kapitalbedarf dafür ist bei IT-Unternehmen in der Regel gering. 500.000 Euro sollten reichen, um ein erstes Produkt auf den Markt zu bringen, schätzen Experten.

Das ändert sich, sobald das Unternehmen das nächste Stadium erreicht, die Wachstumsphase. Wenn sich zeigt, dass das Konzept funktioniert, und das Unternehmen die ersten Kunden gewonnen hat, wird es ernst. Nun gilt es, zuerst den deutschen Markt und dann das Ausland zu erobern. Und das möglichst schnell, denn sonst ist die Konkurrenz schneller. Oft ist das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht rentabel, und selbst wenn doch, reicht der Gewinn nicht, um davon Programmierer, neue Technik und Werbekampagnen zu bezahlen. Die Kosten dafür belaufen sich leicht auf mehrere Millionen Euro.