Es fängt wie Kino an. Nicht nur weil vor dem kleinen Café im New Yorker West Village, das Greta Gerwig für dieses Mittagessen vorgeschlagen hat, zufällig gerade Dreharbeiten stattfinden. Auf der anderen Straßenseite leuchtet ein Scheinwerfer in ein Wohnungsfenster, ein weißes Catering-Zelt ist aufgebaut, frierende Techniker treten bei minus fünf Grad von einem Fuß auf den anderen. Auch Gerwigs Ankunft im gelben Taxi könnte der Beginn eines Greta-Gerwig-Films sein. Ungestüm stürzt sie aus dem Auto, macht auf dem Bürgersteig kehrt, reißt die Wagentür wieder auf und sucht den Rücksitz ab. "Ich dachte, ich hätte meine Handschuhe liegen lassen", sagt sie beim Betreten des Cafés und reißt die Mütze über dem blonden Pferdeschwanz herunter: "I’m a mess. Ich brauche mindestens zehn Minuten, um alle meine Sachen aufzuhängen."

Als mess, als großes Durcheinander, wird sie zwei Minuten später auch den Rollentypus beschreiben, mit dem sie zum internationalen Star des unabhängigen amerikanischen Kinos wurde. Und zur Repräsentantin einer Generation, die sich in prekären Lebens- und Liebesverhältnissen dem endgültigen Erwachsenwerden verweigert. Seit den achtziger Jahren und mit lakonischer Distanz zu amerikanischen Mythen und Träumen nimmt das US-Independent-Kino seine Gesellschaft ins Visier, umkreist vom Rande her ihre Grundfesten – Familie, Karriere, Tradition – und kommt dabei meistens zu sehr eigenen Schlüssen.

Diese Mischung aus bildfüllender Energie und existenzialistischer Verlorenheit

Seit ein paar Jahren ist "Mumblecore" eine Unterabteilung dieses Kinos, und seine Symbolfigur, die prägende Schauspielerin und Drehbuchautorin, ist Greta Gerwig. To mumble – murmeln, nuscheln – meint hier auch ein ästhetisches Konzept. Mit Handkamera und natürlichem Licht wird in WG-Küchen, Bars, Cafés oder Parks gefilmt, ebendort, wo sich die Figuren im Alltag herumtreiben. Die Dialoge mäandern, weil auch die Heldinnen und Helden eher durch ihr Leben driften, als es in Angriff zu nehmen. Ein Hauch von ewiger Adoleszenz liegt in der Luft und auch von leiser, halb bewusster Revolte gegen eine Zukunft, die nicht einmal mehr in Politikerreden überzeugt. Dieses Lebensgefühl brachte Greta Gerwigs jüngster Film Frances Ha im vergangenen Jahr auf die Berlinale. Und sie selbst in die Jury des diesjährigen Festivals – neben Christoph Waltz, dem Regie-Exzentriker Michel Gondry und der James Bond-Produzentin Barbara Broccoli.

So einen Mietbus, wie er da draußen stehe, habe sie bei Dreharbeiten oft selbst durch New York kutschiert, sagt Gerwig, nachdem sie grünen Tee bestellt hat. Bei Low-Budget-Produktionen komme es schon mal vor, dass ein Fahrer fehle. Das sei aber keine Romantisierung der Knappheit: "Ich habe gar nichts gegen größere Produktionen. Aber es ist halt so, dass ich meine Stimme als Schreiberin in diesen Low-Budget-Filmen gefunden habe."

Schon in ihrer ersten Hauptrolle, mit Anfang zwanzig in Joe Swanbergs 2006 gedrehter Momentaufnahme Hannah Takes the Stairs, verkörperte Gerwig, damals noch mit kurzen Strubbelhaaren, eine junge Frau, die aus ihrer eigenen Orientierungslosigkeit keinen Hehl macht. Als Praktikantin einer Fernsehproduktion in Chicago fühlt sie sich mal zu dem einen, mal zu dem anderen Kollegen hingezogen, lümmelt mit ihrer Freundin auf dem Bett und am WG-Tisch. Und schon damals blickte man fasziniert auf Gerwig, ihren ein wenig zu großen Mund, ihre hochgezogenen Schultern, ihre schlaksigen Arme. Diese Mischung aus bildfüllender Energie und einer geradezu existenzialistischen Verlorenheit. Einmal, als sie mit ihrer Freundin während einer langen Szene in der Badewanne sitzt, träumt, diskutiert, sagt Hannah: "Das Schlimme ist nicht, dass die Menschen sich gegenseitig umbringen, sondern dass sie einander einfach nicht zuhören."

Mit ähnlich beiläufigem Ernst wird die Welt auch in Frances Ha betrachtet. Der Film ist gewissermaßen der virtuose Höhepunkt des Mumblecore-Kinos. Auch ein Blick vom Rande aus, von Brooklyn auf Manhattan, das nicht nur durch die ewig ausfallende U-Bahn-Linie F in die Ferne gerückt scheint. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Noah Baumbach entwickelte Gerwig ihre Rolle einer jungen Frau, die in New York vergeblich versucht, als Tänzerin Fuß zu fassen. Frances zieht von einem Apartment ins nächste. Stets hat sie weniger Geld als ihre wechselnden Mitbewohner, die langsam ihren Platz in der Stadt und im Leben finden. An Frances hingegen ist nichts gefestigt, und Greta Gerwig verleiht diesem leicht linkischen, sinnierenden, sich immer wieder selbst im Weg stehenden Wesen eine irrlichternde, ergreifende Wahrhaftigkeit. Frances sei wie ein Kugelblitz, sagt Gerwig: "Sie wirft sich in etwas hinein und scheitert. Und wirft sich wieder in etwas hinein. Und sie kann einem ziemlich auf die Nerven gehen."