Die sexuelle Revolution hat das Begehren befreit. Es war begraben unter einem Berg von Schuld und schlechtem Gewissen; misshandelt in den monotonen Nächten des Bürgertums, verflucht vom weihrauchgeschwängerten Klerus, unterdrückt vom heiligen deutschen Fleiß, vom deutschen Spießer, vom deutschen Wirtschaftswunder.

Die sexuelle Revolution hat gesiegt, sie ist an der Macht und die Gesellschaft von ihren Zeichen überschwemmt. Sex sells. Vor vierzig Jahren glaubten die Achtundsechziger an Überschreitung und Subversion, heute ist der Sex die Konkubine des Kapitalismus. Maggi-Suppen, Mehrzweckbeutel, Mercedes-Autos – nichts lässt sich an den Mann bringen ohne das Bild der jungen Frau. Sexiness macht die Ware erotisch, und mit ihr hält der Bürger seine Arbeitskraft verkäuflich. Sex ist Freiheit ohne Revolution und Rausch ohne Rausch. Ist das ein Problem?

Ja, es ist ein Problem, jedenfalls für das Kino, genauer: für die heute beginnende Berlinale. Quer durch alle Sektionen und Nationalitäten, als hätten die Regisseure sich abgesprochen, ziehen viele ihrer Filme eine Bilanz der sexuellen Revolution, vom feministischen Experimentalfilm bis zur europäischen Großproduktion. Zehn Tage lang werden rund 300.000 Festivalbesucher Gelegenheit haben, sich mit dem Status quo der Sexualität konfrontieren zu lassen. Und Konfrontation ist wirklich das richtige Wort. Zumindest angesichts des neuen Films von Lars von Trier, der auf der Berlinale den ersten (vollständigen) Teil seines fünfstündigen Werks Nymphomaniac zeigt, einer cineastischen Orgie, die seit Weihnachten in einer leicht gekürzten Fassung in Kopenhagen läuft und dort Tag für Tag ein auffällig junges Publikum anzieht. Tatsächlich ist das Werk des Dänen ein monumentaler Exzess und eine wüste Ausschweifung, es ist rücksichtslos, gewalttätig, skandalös bildwütig und stellenweise auch grausam komisch. Der Film sei ein Porno, raunt es nun überall, aber das Gegenteil ist richtig: Nymphomaniac ist eine manische Verwünschung, ein Frontalangriff auf die "Religion" der libertären Moderne – auf den Fetisch Sex.

Lars von Triers zweiteiliges Teufelswerk beginnt mit Schwarzfilm (und der Musik von Rammstein), und es endet auch so. Am Anfang sieht man eine vielleicht fünfzigjährige Frau, sie liegt, halb bewusstlos und mit Platzwunden übersät, in einem dunklen, verwinkelten Hinterhof. Ein Passant entdeckt sie, trägt die Unbekannte in seine ärmlich eingerichtete Wohnung und legt sie in sein Bett. Seligman heißt der Retter, er ist ein Musterexemplar des aufgeklärten Bildungsbürgers, aufmerksam, verständnisvoll und allzeit tolerant. Der sanftmütige Menschenfreund (Stellan Skarsgård) kennt das Leben eher aus Romanen, aber er kennt es gut. Auch Philosophie und Religion sind ihm vertraut, er weiß sogar, warum sich die Kirche in eine sinnliche Ost- und eine körperfeindliche Westkirche gespalten hat. Kurzum, aus Seligman, dem alternden Junggesellen, spricht die Textmasse des Abendlandes, aber dieser Text klingt sonderbar papieren, er klingt abstrakt und blutleer, wie sinnloser Sinn und zu nichts mehr nutze. In seine Wohnung dringt kein Licht.

Diesem Seligman erzählt Joe, so heißt die fremde Frau (Charlotte Gainsbourg), in langen Rückblenden ihr Leben. Sie schwärmt vom "mütterlichen" Vater (Christian Slater), einem herzenswarmen Kosmiker, der seiner Tochter mit Worten den Himmel aufschloss und die Bäume pries als "Wurzeln des Lebens". Joe erzählt auch von ihrer böse versteinerten Mutter, einer depressiven Schweigerin, die allein mit sich Karten spielt, anstatt mit ihrer Tochter die Welträtsel zu lösen. Einmal schließt sich die kleine Joe im Badezimmer ein, setzt es unter Wasser und rutscht bäuchlings auf den Wellen ihrer ozeanischen Gefühle über die nassen Fliesen. Die Mutter (Connie Nielsen) wird misstrauisch, sie hämmert an die Tür – und unterbricht das Spiel, mit dem Joe ihr Körperselbst ausbildet und jubelnd und selig in die Welt zerfließt.

Der Gottesdienst am Sex ist bloß Autismus zu zweit

Das ist eine erste Schlüsselszene, und Lars von Trier halst ihr viel auf. Die Mutter verkörpert das repressive Gesetz, sie ist genauso kalt, körperlos und rational, genauso rechenhaft und stumpf wie die Gesellschaft. In dieser Gesellschaft kann die heranwachsende Joe (gespielt von Stacy Martin) nicht glücklich werden, genauso wenig wie ihr Vater, der dann auch bald stirbt. Einmal liegt sie, da ist sie sieben Jahre alt, im Krankenhaus, sie schaut durch die Decke hindurch in den Sternennebel des Universums, es ist voller Einsamkeit und Schönheit. Das ist das "Heilige", von dem ihr Vater feierlich erzählt hatte, aber für dieses Heilige hat die profane Gesellschaft keinen Sinn mehr, und sosehr sie es auch sucht – Joes innere Sensationen finden kein Echo, ihr kosmisches Verlangen bleibt unerfüllt. In strengen Exerzitien verspeist sie nun einen Liebhaber nach dem anderen, sie verwandelt ihre Wohnung in ein Kloster der Lust und würfelt darum, wem sie dem Laufpass gibt und wem nicht. Jedem flüstert sie zu, er sei der Erste, aber der Gottesdienst am Sex ist bloß Autismus zu zweit, es ist Selbststeigerung im Körper des anderen. Joes Lebensgier bleibt ungestillt, die kosmische Leere lässt sich nicht mit Liebe und Dankbarkeit füllen.

"Ich bin eine böse Frau", sagt Joe zu Seligman, sie sei ein "menschliches Monster", eine Nymphomanin. Doch kein Wort davon ist wahr. "Böse" ist für Lars von Trier eine Gesellschaft, die vor lauter Vernünftigkeit den Geschmack am Leben verdorben hat. Dieses Leben ist nicht mehr – wie bei Joes allliebendem Vater – eingebettet in "heilige" Bilder, sondern es verdorrt in einer Zifferngalaxie aus Zahlen und abstrakten Begriffen. Joe leidet an der Mechanik der rationalen Welt und scheint auf den ersten Blick doch ganz in ihr aufzugehen. Sie weiß, wie man die Zündkabel einer Luxuslimousine abzieht, damit andere Autofahrer anhalten, und während sich die hilfsbereiten Männer fachsimpelnd über den Motor beugen, streicht sie ihnen zärtlich über die Hand. Bei ihrem ersten Abenteuer verführt Joe einen jungen Mann, der gerade lustvoll an seinem Moped herumschraubt; wie eine Registriermaschine zählt sie seine Bewegungen innerlich mit, während Lars von Trier eine Schautafel über die Szene legt: "3 + 2". Später wettet Joe mit ihrer Freundin, wer die meisten Männer im Zug aufreißt, und abermals hat der Regisseur mitgerechnet: Auf seiner Strichliste hat Joe die Nase vorn.


Es geht nicht ums Rechenhafte, es geht darum, dass die Funktionsmoderne die mystische "Mathematik" des Universums vergessen hat und Zahlen nur als Zahlen behandelt. Bachs Musik kannte noch die kosmische Einheit, aber Seligman spricht über sie so akademisch distanziert, als sei Bach für die Menschheit schon lange verloren. Nur einmal scheint das Glück zum Greifen nah; Joe verliebt sich mit ganzer Seele in ihren ersten Liebhaber, doch plötzlich ist ihr Körper taub und fühllos. Von einem Amateurtherapeuten lässt sie sich – diese Szenen sind eine Tortur – auspeitschen und quälen, doch ihre Lust kehrt nicht zurück, denn bei Lars von Trier gibt es nun einmal keine wahre Liebe im falschen Leben, es gibt nur Sex ohne Liebe oder Liebe ohne Sex. In seinem Horrorgemälde ist die Moderne cartesianisch gespalten – gespalten in "Geist ohne Natur" und "Natur ohne Geist", wobei man sich irritiert fragt, warum von Trier Wert auf den Hinweis legt, der liberal ermattete Humanist Seligman sei jüdischer Herkunft.

Nur wenige allerdings wissen, wie krank die moderne Gesellschaft ist, Lars von Trier weiß es natürlich, und Joe, die von ihm begnadete Seele, weiß es auch, denn sie trägt, wie sie selbst sagt, "das Kreuz der Einsamkeit". Deshalb ist der Regisseur so zärtlich zu seiner "Nymphomanin", er macht sie zur Gottsucherin, zur heiligen Johanna der erotischen Schlachtfelder, an deren Wundmalen sich die Schande einer Gesellschaft zeigt, die das Leben nicht feiert, sondern auf dem Altar ihrer rechenhaften Vernunft zum Opfer bringt. Aus diesem Grund ist Nymphomaniac auch das Gegenteil eines Pornos; der Film ist ein Exorzismus, die rituelle Austreibung des leeren Sex durch seine pornografische Wiederholung, Stunde um Stunde, so lange, bis sich der Zuschauer ergibt und die fahlen, zuckenden Körper nicht mehr sehen kann. Nymphomaniac ist ein keuscher Film, eine asketische Verschwendung, denn er pervertiert das, was Lars von Trier als säkulare Perversion erscheint.

Was der Film als epochale Misere in Szene setzt, ließe sich allerdings auch ganz nüchtern beschreiben, und zwar in der kühlen Sprache der Soziologie. Nymphomaniac handelt von der Ausdifferenzierung der Sexualität, also davon, dass sie sich in der modernen Gesellschaft von religiösen und kulturellen Deutungen abspaltet, bis nur noch die symbolisch "nackte" Libido übrig bleibt, ein metaphernfreies Begehren, der basic instinct. Von dieser Abspaltung handeln auch andere Filme auf der Berlinale, und die Nähe zu Lars von Triers großem Thema ist verblüffend. Bei Tatjana Turanskyj geht die sexuelle Revolution ebenfalls jämmerlich zu Ende, das Begehren ist in ihrem Film Top Girl nicht mehr subversiv und gefährlich, sondern eine Ware wie jede andere auch. Die Heldin heißt Helena, aber sobald sie das Haus verlässt und ihre Arbeit aufnimmt, nennt sie sich Jacky. Die schöne Helena (Julia Hummer) arbeitet nämlich im Escortservice und macht radikal Ernst mit einer Erfindung, die man Gerhard Schröder (SPD) nie vergessen wird: Sie gründet eine "Ich-AG" und bewirtschaftet ihren Körper. Die alleinerziehende Mutter investiert ihr Biokapital auf dem Liebesmarkt, denn das ist der einzige Markt, der in dieser Zugewinngesellschaft noch wächst. Ihre Kunden kommen aus der kreativen Klasse, es sind Werbetexter und Siegertypen, die bei Jacky jedoch lieber Knecht sein wollen. Die Herren winseln unter der Peitsche wie Dackel, sie wischen auf allen vieren artig die Küche sauber oder spielen "braves Mädchen".

In der Libidoökonomie von Top Girl hat Sexualität nichts Befreiendes mehr, sondern ist unfassbar traurig und banal ("normaler GV mit ein bisschen still daneben liegen"). Turanskyj beobachtet das seltsame Paradox, dass die Zwänge der Marktgesellschaft zunehmen, während die sexuellen Freiräume wachsen. Die "männliche" kapitalistische Ökonomie ermöglicht maximale Freiheit und hält das Begehren zugleich in einer tödlichen Umarmung gefangen, um es dann – so die grandiose Schlussszene – "zur Strecke" zu bringen. Oder anders gesagt: Was für Lars von Trier ein kultureller Skandal ist, die Abspaltung des Begehrens von der Liebe, das entsteht bei Turanskyj aus der Ökonomisierung des Intimen, wobei am Ende auch die Lust selbst verschwindet. Kapitalismus macht liebesmüde.

Liebe ist nicht Gabe, sondern Tausch

Von dieser rätselhaften Müdigkeit, von der Lethargie der Leidenschaft, berichtet auch Anja Marquardts eindrucksvolles Regiedebüt She’s Lost Control. Ihre Figuren haben eine Urangst vor der Nähe, sie sind Fremde im eigenen Körper, sie sind berührungsscheu und verspüren keine Lust mehr an Intimität. Hier kommt die Heldin Ronah (Brooke Bloom) ins Spiel. Sie ist Sextherapeutin in New York, genauer: Sie ist eine Art Ersatzgeliebte, die im Körper ihrer Patienten noch einmal das Feuer der erloschenen Wünsche entfachen soll. "Für eine Stunde bin ich ganz bei dir." Doch eines Tages kommt Johnny (Marc Menchaca) in ihre Praxis, und der Therapeutentraum von der sterilen Trennung von Liebe und Begehren zerplatzt. Die risikofreie Verhandlungsliebe, die erotische Correctness der Normalvernünftigen erscheint nun selbst als Wahn. Ronah verliert die Kontrolle, und das zensierte Begehren, das letzte Naturereignis in der hypertechnisierten Gesellschaft, kehrt als tragische Farce zurück. Schön ist es nicht.

Auch bei Josephine Decker ist das Begehren von einer unbesiegbaren, nachgerade mythischen Gewalt. Die junge amerikanische Regisseurin ist auf der Berlinale gleich mit zwei Filmen vertreten, beide sind voller flackernder Unruhe, von fiebriger Intensität und tiefer moralischer Ambivalenz. Thou Wast Mild and Lovely und Butter on the Latch spielen in der Einöde von Kentucky beziehungsweise in den kalifornischen Wäldern von Mendocino, aber die Schönheit dieser Filme hat etwas Unheimliches, weil sie auf verstörende Weise zusammenfügen, was bei Lars von Trier getrennt ist. Als in Nymphomaniac der Vater von Joe stirbt, verführt sie in den Funktionsräumen des Krankenhauses einen Angestellten, oben ist der Tod und unten der Sex. Bei Josephine Decker dagegen entgrenzt sich das Körperliche unmittelbar in den Tod, bei ihr verschmelzen Begehren und Gewalt zu einer düsteren Einheit, Liebe ist hier dionysisch, wüst und gefährlich. In Butter on the Latch schwimmt der Freund nach dem Liebesspiel tot im Wasser, und über die Lippen der Geliebten huscht ein verzücktes, silbriges Lächeln.

Bei Lars von Trier ist die Welt verloren, er jagt sie, wie in seinem letzten Film Melancholia, zum Teufel und zertrümmert sie zu kosmischem Staub. Nymphomaniac behandelt die Moderne als lichtloses Labyrinth, als grandios verfehlte und obszön undankbare Epoche, die in Schwarzfilm versinken muss. Apokalypse statt Revolution.

Turanskyj, Marquardt und Decker sprengen die Gegenwart nicht in die Luft, ihnen reicht es, wenn die sexuelle Aufklärung über ihre Folgen aufgeklärt und das Begehren ein zweites Mal befreit wird. Befreit aber nicht aus der Herrschaft einer freudlosen Moral, sondern von der sexiness einer totalen Vergesellschaftung, in der Liebe nicht Gabe ist, sondern Tausch; nicht Ereignis, sondern der Zusammenprall zweier Körper im kalten leeren Raum.