ZEITmagazin: Herr Anderson, in Grand Budapest Hotel reden Ihre Darsteller ab und an Deutsch. Sie haben das Drehbuch geschrieben – wer hat Ihnen denn den Ausdruck "ich bin gespannt wie ein Flitzebogen" beigebracht?

Wes Anderson: Ehrlich gesagt: Den habe ich in einem Onlinewörterbuch gefunden. Bei einigen der deutschen Sätze im Drehbuch haben mir deutsche Mitarbeiter später am Set gesagt: "Ändere das", oder: "Das ist falsch." Bei "gespannt wie ein Flitzebogen" auch: Das sei altmodisch. Aber ich mag, wie es klingt.

ZEITmagazin: Ihr Film erzählt die Geschichte eines legendären Hotels und seines Concierge, der in den Streit um ein Familienvermögen verwickelt wird. Sie haben den Film in Deutschland gedreht, das Hotel liegt in einem Staat, der an das habsburgische Reich erinnert. Hat es Ihnen Spaß gemacht, sich lustig klingende deutsche Namen auszudenken?

Anderson: Sehr! "Henkell-Burgersdorf" ist doch ein guter Familienname. Oder "de Goff von Taxis", der Nachname der Figur, die Adrien Brody spielt: Ich wollte ein französisch-deutsches Adelsgeschlecht schaffen und habe den Namen einer Straße in Paris genommen, der Rue le Goff. Und gibt es nicht eine deutsche Familie, die Taxis heißt?

ZEITmagazin: Von Thurn und Taxis.

Anderson: Genau!

ZEITmagazin: Eine große deutsche Adelsfamilie.

Anderson: Oh ja? Von der habe ich die Hälfte geklaut. Die Familie de Goff von Taxis wohnt auf "Schloss Lutz", da war ich wohl klanglich beeinflusst von Görlitz, wo wir gedreht haben. Das Wort Schloss kannte ich vorher gar nicht, aber als wir in Deutschland nach Drehorten gesucht haben, sahen wir so viele "Schlosses" und "Burgs" und Fes... Fest...

ZEITmagazin: Festungen?

Anderson: Fes-tun-gen! Wir waren vor allem in Sachsen unterwegs. Für eine Geschichte, die in der Vergangenheit spielt, ist es dort ideal, weil so viel Vergangenheit sichtbar ist. Ich liebe Nostalgie und schaue mir gern alte Fotos an von Orten, die ich kenne, um zu erfahren, wie sie vor fünfzig Jahren aussahen oder vor hundert ... Das habe ich auch diesmal gemacht. Am interessantesten war eigentlich, wie viel sich nicht verändert hat. Viele Gebäude sehen genauso aus wie früher.

ZEITmagazin: Wie das alte, leer stehende Jugendstilkaufhaus in Görlitz, das bei Ihnen als Grandhotel fungiert.

Anderson: Ein unglaubliches Gebäude. Beim Dreh habe ich gedacht, ich sollte es vielleicht mit Freunden kaufen. Aber wir würden wahrscheinlich doch eher nicht nach Görlitz ziehen.

ZEITmagazin: Sie haben über Ihren Film gesagt, er sei ein "Euro-Movie". Was soll das bedeuten?

Anderson: Mein Film ist inspiriert von den Büchern Stefan Zweigs. Ich wollte einen Film machen, der die Atmosphäre seiner Bücher hat und ein ähnliches Setting.

ZEITmagazin: Deswegen die habsburgische Anmutung?

Anderson: Ja. Und die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts sollte sich widerspiegeln. Ich habe zuerst Zweigs Memoiren Die Welt von gestern gelesen. Darin beschreibt er die Zeit vor 1914, eine faszinierende untergegangene Welt. Ich wollte, dass mein Film, obwohl er ja 1932 spielt, sich trotzdem so anfühlt wie diese Zeit vor dem Krieg.

ZEITmagazin: Vergangener Ruhm hat Sie als Thema schon immer interessiert, zum Beispiel in Die Royal Tenenbaums: Die Kinder der Tenenbaums waren früh berühmt und sind als Erwachsene depressiv.

Anderson: Diesmal verkörpert der Concierge, den Ralph Fiennes spielt, dieses Gefühl des Verlusts darüber, was sich in seiner Welt geändert hat. Er ist ein Mensch, der in einer vergangenen Zeit lebt, nämlich in der vor dem Ersten Weltkrieg. Dieses Motiv scheint auch bei Zweig durch: nicht nur vergangener Ruhm, sondern vor allem großer Verlust.