ZEITmagazin: Kannten Sie Deutschland vor den Dreharbeiten?

Anderson: Ich reise gern im Zug durch Europa, und da ist München ein Knotenpunkt. Auf dem Weg nach Italien mache ich dort immer halt. Ich mag München.

ZEITmagazin: Was gefällt Ihnen dort?

Anderson: Es ist ein wenig aus der Zeit gefallen. München ist deutsch, aber hat sich einen bayerischen Charakter bewahrt. Man sieht noch Menschen in Tracht und Läden, in denen man Trachten kaufen kann. Ich laufe gern über den Viktualienmarkt und gehe immer in die Filiale eines Ladens, der mir gut gefällt: Manufactum.

ZEITmagazin: Das Motto von Manufactum "Es gibt sie noch, die guten Dinge" passt ja ganz gut zu Ihren Filmen: Sie haben eine Vorliebe für Retro-Design, Ihre Filmrealitäten verweigern sich der digitalen Gegenwart.

Anderson: Mir gefallen alte Dinge, weil man sieht, wie sie gemacht sind. Und möchte man einem Hard Drive dabei zusehen, wie er Musik abspielt? Da gibt es keinen visuellen Reiz. Aber wenn sich auf einem Plattenspieler die Platte dreht, hat das Ding an sich Charme.

ZEITmagazin: Machen wir deswegen mit unseren Smartphones Fotos, die durch spezielle Filter aussehen wie aus den sechziger oder siebziger Jahren?

Anderson: Ja, ich glaube, dass uns in der digitalen Welt etwas fehlt: etwas nicht Kontrollierbares, Zufälliges. Analoge Fotos sind körnig, manchmal verrutschen sie, es entsteht nicht die wiederholbare Gleichmäßigkeit des Digitalen. Das Chaotische empfinden wir als natürlich.

ZEITmagazin: Wir können das Digitale gar nicht lieben?

Anderson: Nein, weil es irgendwie nicht menschlich ist.

ZEITmagazin: Seltsam: Wir sehnen uns nach der Ästhetik einer Vergangenheit, in der man sich nach der Zukunft sehnte.

Anderson: Das stimmt. Früher hat man begeistert über die Zukunft fantasiert, wenn wir heute in die Zukunft blicken, haben wir Weltzerstörungsfantasien. Vielleicht haben wir recht. Aber die Zukunft sah nicht immer aus wie in Mad Max.

ZEITmagazin: Mögen Sie Filme wie Avatar, deren digitale Ästhetik so ganz anders ist als die Ihrer Filme?

Anderson: Ich finde 3-D nicht grundsätzlich unattraktiv. Dass man in die Tiefe schauen kann, hat schon was. Ich habe eine Sammlung von Fotos des französischen Fotografen Lartigue, jedes Bild besteht aus zwei Stereofotos, die man in einem Guckkasten zusammenfügt. Dann bekommen sie perspektivische Tiefe. Natürlich ist das interessant. Und diese Bilder sind aus dem 19. Jahrhundert!

ZEITmagazin: Aber solche Fotos haben etwas Magisches. Das fehlt doch bei digital animierten oder 3-D-Filmen: Man staunt zwar über die Technik ...

Anderson: ... aber man spürt das Menschliche nicht mehr. Geht mir auch so. Haben Sie Hitchcocks Bei Anruf Mord gesehen?

ZEITmagazin: Ja.

Anderson: Der ist in 3-D gedreht worden. Der Film spielt in einer Wohnung, und die Technik dient nur dazu, einige Dinge in den Vordergrund zu rücken. Ein unglaublicher Effekt, aber weil es kein hochtechnologisches 3-D ist, wirkt es sehr persönlich. Und das will ich: die Leute spüren, die einen Film gemacht haben. Ich mag zum Beispiel keine digitalen Filmlandschaften. Viele teure Filme haben ja digital erzeugte Menschenmassen, die beeindruckend und überzeugend sein können. Aber ich finde sie nicht charmant. Mir gefällt eine Miniatur besser, die man auch künstlich finden kann, aber die jemand von Hand gemacht hat.

ZEITmagazin: Sie haben eine Obsession für Details. Ihr Freund, der Schauspieler Owen Wilson, sagt: Wes kann Monate über die richtige Hosenlänge nachdenken.

Anderson: So lange brauche ich auch wieder nicht! Aber es stimmt, ich habe gerne viele besondere Details in meinen Filmen. Ich mag es, immer wieder zu polieren.

ZEITmagazin: Polieren ist untertrieben: In Ihrem letzten Film schleppte ein Mädchen seine Lieblingsbücher mit sich herum, deren Cover Sie extra gestaltet und für die Sie Textpassagen geschrieben hatten. Haben Sie für Ihren neuen Film ähnlichen Aufwand betrieben?

Anderson: Es gibt da doch dieses Gemälde, Jüngling mit Apfel ...

ZEITmagazin: ... das gestohlen und von allen gesucht wird.

Anderson: Es ist von dem englischen Maler Michael Taylor gemalt. Wir haben ein Kind gecastet, das Modell stehen sollte. Dann haben wir ein Kostüm schneidern lassen, und Taylor hat sich eine Kirche ausgesucht, in der er das Porträt gemalt hat. Ein wunderbares Bild.

ZEITmagazin: Sie haben schon als Kind Stücke geschrieben und in der Schule aufgeführt – King Kong, Star Wars und Indiana Jones. Wie sah das aus?

Anderson: Kinder in Kostümen und sehr, sehr wenig Bühnenbild. Die Stücke waren meistens nicht länger als fünf Seiten, also vorbei, bevor man sich Gedanken darüber machen kann, wie man sie findet.