Es ist, auch mit einigem Abstand betrachtet, eine ziemliche Sensation, die sich da auf der Sicherheitskonferenz in München abgespielt hat. Drei unwahrscheinliche Verbündete – der Bundespräsident, ein ehemaliger Bürgerrechtler, der in sein Amt zurückgekehrte Außenminister, ein solider Sozialdemokrat, und die neue Verteidigungsministerin, eine der Modernisiererinnen der Union – haben gemeinsam nicht weniger als einen außenpolitischen Kurswechsel eingeleitet.

Alle drei sind entschlossen, Deutschland eine aktivere Rolle in der Weltpolitik zuzuweisen – in der Diplomatie, bei der Entwicklungshilfe, bei der Überwindung von Finanzkrisen, letztlich aber auch bei Militäreinsätzen. Sie haben keine Furcht mehr, wenn von Deutschland Führung verlangt wird. Eher fürchten sie den Vorwurf der Passivität und der Drückebergerei.

"Gleichgültigkeit ist keine Option für Deutschland", sagt Ursula von der Leyen. Und Frank-Walter Steinmeier wiederholt in seinem Beitrag wörtlich einen Hauptsatz aus der Münchner Rede von Joachim Gauck: "Deutschland muss bereit sein, sich außen- und sicherheitspolitisch früher, entschiedener und substanzieller einzubringen."

Es ist trügerisch, sich vorzustellen, Deutschland sei geschützt vor den Verwerfungen unserer Zeit – wie eine Insel. (...) Die Folgen des Unterlassens können ebenso gravierend wie die Folgen des Eingreifens sein – manchmal sogar gravierender.
Joachim Gauck

Diese neue außenpolitische Allianz ist kein Zufall, der Kurswechsel hat eine Vorgeschichte. Eine Vorgeschichte, die sich rekonstruieren lässt. Sie reicht weit zurück, mindestens bis in den November 2012, und sie spielt an verschiedenen Orten, im Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten, im Auswärtigen Amt am Werderschen Markt und im Umfeld der Stiftung Wissenschaft und Politik, des außenpolitischen Thinktanks der Bundesregierung. Über Monate wurde in immer neuen Runden und Gesprächen vorbereitet, was jetzt in München gipfelte.

Das Präsidialamt

Der Bundespräsident hat seit Langem auf eine Gelegenheit gewartet, auf den richtigen Zeitpunkt und auf den richtigen Ort. Erst leise, dann immer lauter hatte Joachim Gauck angedeutet, was er von dem Reflex des "Ohne uns" in der deutschen Sicherheitspolitik hält.

Im Juni 2011, da war Gauck noch nicht Bundespräsident, sagte er in seiner Dankesrede für den Ludwig-Börne-Preis in der Frankfurter Paulskirche: "Ich habe in meinem Leben gelernt, dass derjenige, der nichts tut, nicht unbedingt das Richtige tut." Gerade hatte sich die Bundesregierung im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen der Stimme enthalten, als es um ein militärisches Eingreifen in Libyen ging, gegen das Votum der engsten Verbündeten Frankreich, Großbritannien und Amerika. Gauck missfiel das.

Bei seiner Ansprache zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2013 fragte Gauck, nunmehr Bundespräsident, schon viel deutlicher: "Lassen wir andere unsere Versicherungspolice zahlen? Entspricht unser Engagement der Bedeutung unseres Landes?"

Schließlich bietet sich die Gelegenheit, auf die der Bundespräsident aus ist. Im Sommer 2013 kommen die Organisatoren der Münchner Sicherheitskonferenz auf Gauck zu. Ob er nicht die Festrede zum 50. Jubiläum der renommierten Tagung halten wolle? Was der Begriff der Freiheit in der internationalen Politik bedeute – ob das nicht ein schönes Thema für ihn wäre? Der Bundespräsident nimmt die Einladung gern an. Aber sein Thema setzt er selbst: Deutschlands Verantwortung und seine Rolle in der Welt.

Monatelang wird an Gaucks Redetext gefeilt, der Inhalt wird mit dem Auswärtigen Amt und mit dem Verteidigungsministerium abgestimmt. Natürlich auch mit dem Kanzleramt, aber da erkennt man seine Brisanz offenbar nicht richtig. Dabei geht es Gauck in den Worten eines langjährigen Beobachters der Berliner Szene um zwei fundamentale Botschaften. Die Botschaft nach außen: Deutschland muss und wird künftig mehr Verantwortung übernehmen. Die Botschaft nach innen: Wir müssen die deutsche Öffentlichkeit aus dem von Frau Merkel verursachten Tiefschlaf aufwecken. Dafür ist der Bundespräsident bereit, bis an die Grenzen seiner Amtskompetenzen zu gehen, die ihm eine Einmischung in die operative Politik verbieten.

Das Auswärtige Amt

Das Auswärtige Amt

Ganz anders als das Kanzleramt reagiert der neue Außenminister sofort auf Gaucks Initiative. Wenige Wochen vor der Münchner Rede trifft der Bundespräsident Steinmeier zu einem langen persönlichen Gespräch. Die beiden stimmen ihre Auftritte exakt ab. Denn sie wollen demonstrativ deutlich machen, dass sie bei diesem Thema einer Meinung sind.

So richtig eine Politik militärischer Zurückhaltung ist, so darf sie nicht missverstanden werden als ein Prinzip des Heraushaltens.
Frank-Walter Steinmeier

Steinmeier und seinen Leuten geht es dabei nicht allein um die inhaltliche Position. Sie wollen auch zurück ins politische Spiel. Im Auswärtigen Amt hat sich unter Steinmeiers Amtsvorgänger Guido Westerwelle enormer Frust angestaut. Das Amt sei ins Abseits geraten, ist die vorherrschende Wahrnehmung, es sei geradezu in der Bedeutungslosigkeit versunken.

Welche Unzufriedenheit unter den deutschen Diplomaten herrscht, zeigt sich am 22. Januar, eine Woche vor der Münchner Sicherheitskonferenz. Staatssekretär Markus Ederer, ein enger Vertrauter Steinmeiers und früherer Chef des Planungsstabs, sitzt auf der Bühne der Bayerischen Landesvertretung in Berlin. Wolfgang Ischinger, der Leiter der Sicherheitskonferenz, fragt ihn, ob es eine "deutsch-französische Renaissance" gebe. Darauf Ederer mit sichtlichem Behagen: "Ich stehe hier nicht nur dafür, das deutsch-französische Verhältnis zu reaktivieren, sondern das Auswärtige Amt wieder zu reaktivieren." Gebraucht werde "mehr Mut zur Außenpolitik", es müsse ein Ende haben mit dem "bisherigen Attentismus".

Allerdings: Noch bei seiner Antrittsrede hatte Steinmeier die viel kritisierte "Kultur der militärischen Zurückhaltung" ausdrücklich verteidigt. Steinmeier möchte nicht, dass die Debatte umschlägt in neue Forschheit. Westerwelles Vorgänger und Nachfolger will keinesfalls die Parole ausgeben: Wir sind überall dabei, vor allem militärisch. Ihm geht es darum, der Diplomatie zu neuem Recht zu verhelfen.

Stiftung Wissenschaft und Politik

In der außenpolitischen Community Berlins gärt die Unzufriedenheit mit der deutschen Lethargie schon seit Langem. Vier Jahre Westerwelle, vier Jahre ohne klaren Kurs, dafür mit umso mehr Verstimmung bei den Bündnispartnern, all das hat den Unmut wachsen lassen. Das Grummeln war deutlich vernehmbar, auch ohne Gauck.

Ein Jahr lang, von November 2012 bis Oktober 2013, trifft sich in Berlin eine Arbeitsgruppe, um über eine außenpolitische Strategie für Deutschland zu sprechen. Beamte aus dem Kanzleramt und dem Auswärtigen Amt diskutieren darin ebenso mit wie Vertreter von Denkfabriken, Völkerrechtsprofessoren, Journalisten sowie die führenden Außenpolitiker aller Bundestagsfraktionen.

Den Anstoß hatte der German Marshall Fund (GMF) gegeben, ein Washingtoner Thinktank. Am Ende der Beratungen steht ein Papier mit dem Titel: "Neue Macht, neue Verantwortung". Einer der Initiatoren des Projekts war der damalige GMF-Direktor und frühere ZEIT-Redakteur Thomas Kleine-Brockhoff. Kurze Zeit später, im August 2013, wird er Chef des Planungsstabs beim Bundespräsidenten. Seither gehen über seinen Schreibtisch alle Reden von Joachim Gauck.

Am Freitag vergangener Woche schließlich hält Gauck seine lange vorbereitete Rede in München. Die Exportnation Deutschland profitiere wie kaum ein anderes Land von der offenen Weltordnung, es müsse deshalb seinen fairen Risikoanteil daran tragen, diese Weltordnung zu erhalten. In Deutschland aber habe sich ein "fragwürdiges Recht auf Wegsehen" ausgebildet. "Das", hebt Gauck die Stimme, "werde ich immer kritisieren. Die Bundesrepublik muss bereit sein, mehr für jene Sicherheit zu tun, die seit Jahrzehnten von anderen gewährt wird."

Europa kommt im Spiel der globalen Kräfte nicht voran, wenn die einen sich immer dezent zurückhalten, wenn es um militärische Einsätze geht, und die anderen unabgestimmt nach vorne stürmen.
Ursula von der Leyen

Seither debattiert die Republik über die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik, über das richtige Maß von Engagement – und vor allem darüber, wie militärisch dieses Engagement sein muss. Und viel spricht dafür, dass in dieser Debatte die eigenartige Allianz von Präsident, Außenminister und Verteidigungsministerin nicht lange halten wird. Schon jetzt zeichnen sich zwischen Union und SPD scharfe Differenzen in vielen Fragen ab.

Wer dazu bisher wenig sagt, ist die Frau, die eigentlich die Richtlinien der deutschen Politik bestimmen sollte. Aber "die Kanzlerin will keine sicherheitspolitische Generaldebatte", sagt ein CDU-Bundestagsabgeordneter. Sie habe Angst vor Streitigkeiten zwischen den Ressorts. "Und vor den Europawahlen kann sie eine solche Debatte schon gar nicht gebrauchen."

Auch Unions-Fraktionschef Volker Kauder verfolgt die Debatte mit sichtlicher Skepsis. Im Spiegel verteidigt er Merkels und Westerwelles außenpolitischen Kurs: "Ich kann zum Beispiel nicht erkennen, dass die Militäraktion Frankreichs und Großbritanniens gegen Libyen ein Erfolg war." Die CSU will schon rein gar nichts von neuen Militäreinsätzen wissen. "Die CSU steht diesen Plänen für Afrika sehr reserviert gegenüber", erklärt Peter Gauweiler in der Bild-Zeitung. Die schrillen Töne sind erklärlich; in Bayern stehen Kommunalwahlen an.

Langfristig schwerer dürften die Differenzen zwischen den Koalitionspartnern Union und SPD wiegen. Die Frage, wie Deutschland seine Rolle in der Welt wahrnehmen solle, beantworten sie ganz unterschiedlich. Die SPD will, kurz gesagt, mehr Krisenprävention, die CDU mehr Fähigkeit zur Intervention. Handfest werden solche Unterschiede sehr schnell, wenn es ums Geld geht, um Ministerkompetenzen oder – die wohl heikelste Frage – um die Rechte des Parlaments in Fragen des Krieges.

Populär sind solche Einsätze in der Bevölkerung nicht

So fordern einige Verteidigungsfachleute der CDU, die Bundestagsbeteiligung bei der Mandatierung von Militäreinsätzen müsse überdacht werden. Dahinter steckt der Gedanke, die Bundeswehr zu einem verlässlicheren Partner in multinationalen Verbänden wie der EU Battlegroup, der Nato Response Force oder den Awacs-Aufklärungsflugzeugen zu machen. Einer derjenigen, die diese Idee am lautesten ventilieren, ist Roderich Kiesewetter, Oberst a. D. und Obmann für Außenpolitik in der Unionsfraktion. Die Exekutive, sagt er, brauche eine gewisse Bandbreite für den Einsatz dieser Verbände. "Natürlich muss der Bundestag das Entscheidungsrecht für Einsätze deutscher Soldaten behalten", sagt Kiesewetter. "Aber es geht schon um die Prüfung einer Vorfestlegung, damit wir langfristige Verpflichtungen eingehen können."

Diesen Wunsch könne die Union gleich vergessen, entgegnet der außenpolitische Sprecher der SPD, Niels Annen. "Einige in der Union mögen das auf der Agenda haben. Aber den Parlamentsvorbehalt werden wir nicht anfassen, das steht fest."

Auch bei anderen Fragen treiben die Vorstellungen zwischen roter und schwarzer Außenpolitik auseinander: beim Verteidigungsetat, bei den Rüstungsexporten, beim Umgang mit Russland und bei der Gesprächsbereitschaft mit Vertretern des politischen Islams in den arabischen Staaten.

Die SPD ist, grob gesprochen, für Gespräche mit autoritären Regimen offener, gegenüber Panzerexporten Richtung Saudi-Arabien verschlossener und geneigt, mehr Geld für eine zivile Krisenprävention auszugeben als für Präzisionsbomben und Kampfhubschrauber. "Wir sehen mit Sorge, wie viele Mittel in große Rüstungsprojekte geflossen sind, verglichen mit der Ausstattung der Sanitätseinheiten", sagt Rolf Mützenich, der führende Außenpolitiker der SPD-Fraktion. Manch einer bei der Union sieht es genau umgekehrt. Und dann ist da noch das Reizthema Drohnen – über das noch keiner spricht.

Kurzum, irgendwann wird Angela Merkel sagen müssen, was denn nun die neue deutsche Außenpolitik sei. "Nach meiner Einschätzung treibt sie das Thema nicht voran, sie lässt es geschehen", sagt Volker Perthes, der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Vielleicht erinnert sich Angela Merkel auch daran, dass Deutschland eine ähnliche Debatte bereits vor zwanzig Jahren geführt hat. Damals ging es um ein militärisches Eingreifen auf dem Balkan. Die Frage lautete: Darf Deutschland Soldaten ins Ausland schicken, zudem in ein Land, das einst von der Wehrmacht besetzt worden war?

Nie wieder Krieg – oder nie wieder Auschwitz? So zugespitzt diskutierte das Land damals den ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr seit deren Bestehen. Die rot-grüne Bundesregierung entschied sich zum Truppeneinsatz im Kosovo. Ein Tabu war gebrochen.

Oder doch nicht? Warum jetzt die neue Debatte? "Ich glaube, wir sind in den letzten Jahren hinter den Diskussionsstand zurückgefallen, den wir glaubten, mit der Kosovokrise erreicht zu haben", sagt Wolfgang Ischinger. Die Erklärungen liegen auf der Hand: das Debakel des auf Lügen gebauten Irakkrieges. Die Sorge, ein Afghanistan zurückzulassen, das nach dem Abzug der Nato bald wieder im Bürgerkrieg versinken könnte.

Nein, die Frage nach Sinn und Nutzen militärischer Auslandseinsätze stellt sich heute so drängend wie vor zwanzig Jahren. Populär sind solche Einsätze in der Bevölkerung nicht. Nur würde man die gegenwärtige Debatte gründlich missverstehen, begrenzte man sie nur auf das Militärische. Aktive Diplomatie ist das genaue Gegenteil. Gut möglich, dass Merkel die Diskussion dennoch rasch wieder abmoderieren möchte. Denn Wählerstimmen gewinnt man so nicht.

Dass aber der Bundespräsident ihr diesen Gefallen tut und künftig wieder schweigen wird, das ist mehr als unwahrscheinlich.

Anmerkung der Redaktion: In diesem Artikel aus der ZEIT Nr. 7/14 erwähnen die Autoren unter anderem ein Studienprojekt der Stiftung Wissenschaft und Politik und des German Marshall Fund über die Bausteine einer deutschen Sicherheitsstrategie. Einer der Autoren des Artikels, Jochen Bittner, war Teilnehmer dieses Projekts. Die Gruppe setzte sich aus gut fünfzig Teilnehmern zusammen und erarbeitete im Laufe des vergangenen Jahres das Papier "Neue Macht, neue Verantwortung".