So fordern einige Verteidigungsfachleute der CDU, die Bundestagsbeteiligung bei der Mandatierung von Militäreinsätzen müsse überdacht werden. Dahinter steckt der Gedanke, die Bundeswehr zu einem verlässlicheren Partner in multinationalen Verbänden wie der EU Battlegroup, der Nato Response Force oder den Awacs-Aufklärungsflugzeugen zu machen. Einer derjenigen, die diese Idee am lautesten ventilieren, ist Roderich Kiesewetter, Oberst a. D. und Obmann für Außenpolitik in der Unionsfraktion. Die Exekutive, sagt er, brauche eine gewisse Bandbreite für den Einsatz dieser Verbände. "Natürlich muss der Bundestag das Entscheidungsrecht für Einsätze deutscher Soldaten behalten", sagt Kiesewetter. "Aber es geht schon um die Prüfung einer Vorfestlegung, damit wir langfristige Verpflichtungen eingehen können."

Diesen Wunsch könne die Union gleich vergessen, entgegnet der außenpolitische Sprecher der SPD, Niels Annen. "Einige in der Union mögen das auf der Agenda haben. Aber den Parlamentsvorbehalt werden wir nicht anfassen, das steht fest."

Auch bei anderen Fragen treiben die Vorstellungen zwischen roter und schwarzer Außenpolitik auseinander: beim Verteidigungsetat, bei den Rüstungsexporten, beim Umgang mit Russland und bei der Gesprächsbereitschaft mit Vertretern des politischen Islams in den arabischen Staaten.

Die SPD ist, grob gesprochen, für Gespräche mit autoritären Regimen offener, gegenüber Panzerexporten Richtung Saudi-Arabien verschlossener und geneigt, mehr Geld für eine zivile Krisenprävention auszugeben als für Präzisionsbomben und Kampfhubschrauber. "Wir sehen mit Sorge, wie viele Mittel in große Rüstungsprojekte geflossen sind, verglichen mit der Ausstattung der Sanitätseinheiten", sagt Rolf Mützenich, der führende Außenpolitiker der SPD-Fraktion. Manch einer bei der Union sieht es genau umgekehrt. Und dann ist da noch das Reizthema Drohnen – über das noch keiner spricht.

Kurzum, irgendwann wird Angela Merkel sagen müssen, was denn nun die neue deutsche Außenpolitik sei. "Nach meiner Einschätzung treibt sie das Thema nicht voran, sie lässt es geschehen", sagt Volker Perthes, der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Vielleicht erinnert sich Angela Merkel auch daran, dass Deutschland eine ähnliche Debatte bereits vor zwanzig Jahren geführt hat. Damals ging es um ein militärisches Eingreifen auf dem Balkan. Die Frage lautete: Darf Deutschland Soldaten ins Ausland schicken, zudem in ein Land, das einst von der Wehrmacht besetzt worden war?

Nie wieder Krieg – oder nie wieder Auschwitz? So zugespitzt diskutierte das Land damals den ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr seit deren Bestehen. Die rot-grüne Bundesregierung entschied sich zum Truppeneinsatz im Kosovo. Ein Tabu war gebrochen.

Oder doch nicht? Warum jetzt die neue Debatte? "Ich glaube, wir sind in den letzten Jahren hinter den Diskussionsstand zurückgefallen, den wir glaubten, mit der Kosovokrise erreicht zu haben", sagt Wolfgang Ischinger. Die Erklärungen liegen auf der Hand: das Debakel des auf Lügen gebauten Irakkrieges. Die Sorge, ein Afghanistan zurückzulassen, das nach dem Abzug der Nato bald wieder im Bürgerkrieg versinken könnte.

Nein, die Frage nach Sinn und Nutzen militärischer Auslandseinsätze stellt sich heute so drängend wie vor zwanzig Jahren. Populär sind solche Einsätze in der Bevölkerung nicht. Nur würde man die gegenwärtige Debatte gründlich missverstehen, begrenzte man sie nur auf das Militärische. Aktive Diplomatie ist das genaue Gegenteil. Gut möglich, dass Merkel die Diskussion dennoch rasch wieder abmoderieren möchte. Denn Wählerstimmen gewinnt man so nicht.

Dass aber der Bundespräsident ihr diesen Gefallen tut und künftig wieder schweigen wird, das ist mehr als unwahrscheinlich.

Anmerkung der Redaktion: In diesem Artikel aus der ZEIT Nr. 7/14 erwähnen die Autoren unter anderem ein Studienprojekt der Stiftung Wissenschaft und Politik und des German Marshall Fund über die Bausteine einer deutschen Sicherheitsstrategie. Einer der Autoren des Artikels, Jochen Bittner, war Teilnehmer dieses Projekts. Die Gruppe setzte sich aus gut fünfzig Teilnehmern zusammen und erarbeitete im Laufe des vergangenen Jahres das Papier "Neue Macht, neue Verantwortung".