Die Fassade des Cabarets Moulin Rouge © KENZO TRIBOUILLARD/AFP/Getty Images

Die Kälte, der Regen, das sich schon am frühen Nachmittag eintrübende Licht: Vermutlich gibt es keine bessere Zeit als Januar, um sich auf dem Montmartre herumzudrücken, auf der Suche nach – einem Mythos? In der Hoffnung, dass auf diesem Hügelchen noch etwas zu finden ist, eine Spur dieser fixen Idee, dass es in der Welt Orte gibt, wo es unverschämt wilder, kreativer zugeht als zu Hause? Also, wer friert, ist gegen Sentimentalitäten gefeit. Wahr ist, dass bei allem Glitter des Montmartre, zwischen dem Krieg von 1870/71 und dem Beginn des neuen Schlachtens im August 1914, dass die Winter hier vermutlich wenig erfreulich waren, der Wind pfiff über die ausgemergelten Kinderbanden, die Arbeiterbehausungen, die schiefen Ateliers, in denen bibbernde Fräuleins vor unberühmten Künstlern stillhalten mussten. Wir nehmen Zuflucht im Pomponnette. Rue Lepic! Da hat mal van Gogh gewohnt.

Da sitzt man an einem kleinen Tisch und kann sich in den großen Spiegeln zusehen, wie man den Teller beäugt. Bœuf Mironton. Schwarz geköchelt, mit Cornichons. Man stellt sich vor, wie die Kinder und die Künstler, ihre Musen, die Clowns, die Obdachlosen, die auf den Bildern dieser Ära abgebildet sind, auf diesen Teller geguckt hätten.

Karges Mahl, Picasso, Radierung (1904). Ein Mann, eine Frau. Unter ihrem dünnen Hemd sieht man leere Brüste, er hat die knochigen Schultern hochgezogen. Sein rechter Arm liegt um ihre Schulter, die Linke berührt ihren Arm. Aber ihre Gesichter sind voneinander abgewandt, vielleicht um nicht den einen leeren Teller zu sehen, der vor ihnen steht, das eine leere Glas, die Trostlosigkeit des anderen.

Die Schirn in Frankfurt versucht jetzt in einer großen Ausstellung, den Esprit Montmartre wiederzuerwecken, mit Pablo Picasso natürlich, mit Henri de Toulouse-Lautrec, dem herrlichen Edgar Degas, mit Pierre Bonnard, van Gogh, Modigliani, Kees van Dongen, mit der erstaunlichen Suzanne Valadon. Man möchte die Blende einmal auf Tiefenschärfe stellen, um jenseits der Poster vom Moulin Rouge, auf denen die Tänzerin Jane Avril auf ewig ihre schwarzen Handschuhe hochzieht, die Wahrheit über Montmartre zu konturieren.

Wahrheit ist ja nie einfach. Der Hügel von Montmartre war vor 100 Jahren so schön wie in den Studien von van Gogh, sozial betrachtet gab es so viele Facetten wie auf einem Gemälde von Georges Braque. Montmartre war schütterer Stadtrand, was man leicht vergisst, wenn man heute die alte Marktstraße Rue Lepic hochschlendert, wo Brathähnchen anmutig die Keulen kreuzen und die Immobilienbüros winken. Rue des Abesses, sechster Stock, kein Aufzug, zwei Zimmer, 520.000 Euro. Schnäppchen! Damals wuchs auf der Paris zugewandten Seite noch Gemüse, auf der anderen Seite drängten sich Bretterbuden den struppigen Hang hoch, eine Favela.

Montmartre war der Fluchtpunkt für viele, Frauen ohne Männer, Männer ohne Arbeit, Kinder ohne Schuhe. Mit Grund hieß eine der berühmten Kneipen des an Kneipen nicht armen Viertels: "Rendezvous der Diebe", mutierte zum "Cabaret der Mörder", wurde dann Le Lapin agile. Das Schild zeigt einen Hasen, von Picasso, der hier gerne mit seiner Bande einfiel. Traf vielleicht Braque, mit dem er die Ansichten des Kubismus hin und her schieben konnte. Oder Modigliani, diesen Edelitaliener in Samt!

Picasso selber pflegte den katalanischen Bohemien-Look. Kragenloses Fischerhemd zu Espadrilles. André Salmon kam im Londoner Kutschenmantel. Max Jacob im Seidencape, Maurice de Vlaminck in Tweed. André Derain: grüner Anzug, rote Weste, gelbe Schuhe, so grölten sie durch die Nacht – "Es lebe Rimbaud!" Weiter in den Zirkus, wo sie vermutlich wie Komparsen der Clowntruppe wirkten.

Es war eine Nischenwelt. Unten, entlang des Boulevard de Clichy und des Boulevard de Rochechouart, brandete die feine Pariser Gesellschaft an. Montmartre gab das Unterfutter der Belle Époque, darunter konnte man schlüpfen, wenn man ein paar Stunden seine wohlanständige Haut vergessen wollte, mit einer süßen Schnute. Zum Souper ins L’Enfer, mit seiner Riesenmaul aus Gips? Ins Cabaret du Néant, wo man an Tischen aus Särgen saß? Oder gleich in die Etablissements an der Place de Clichy, für Leute mit unaussprechlichen Lastern, Schwule, Lesben ...

Man konnte Picasso auch nachts in seinem Atelier im Bateau-Lavoir antreffen, wo er bei Kerzenlicht malte, alleine, in dem berühmtesten aller Ateliers.

Alles weg. Abgeschlagen die Gipsfassaden von "Hölle" und "Himmel". Im Moulin Rouge, wo die Tänzerinnen ihre Schenkel hoben, dirigieren Men in Black über Headsets die Touristen in den Saal. Dort schwenken Ballettwesen monumentale Federdekorationen, ihre Nacktheit wirkt lasergeschnitten, unauffällig.