Als Barack Obama vor knapp einem Jahr in Washington zu seinem Volk sprach, ahnte Ignacio Garcia Bercero schon, dass eine Menge Arbeit auf ihn zukommt. "Heute Abend gebe ich bekannt, dass wir mit der Europäischen Union über ein umfassendes Handels- und Investitionsabkommen reden werden", sagte der US-Präsident, und seitdem dreht sich die Welt für Bercero deutlich schneller. Der Spanier ist Direktor in der Handelsabteilung der Brüsseler EU-Kommission und als solcher zuständig für die Nachbarstaaten der EU, für Kanada und die Vereinigten Staaten.

Als Chefverhandler vertritt Bercero in diesen Monaten die europäischen Interessen im größten Handelsabkommen der Geschichte, dem Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP). Es betrifft 850 Millionen Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks und eine Wirtschaftskraft, die 45 Prozent des Weltsozialprodukts und ein Drittel des Welthandels umfasst.

Dabei wirkt Bercero gar nicht so, als wolle er Weltgeschichte schreiben. In seinem Rauschebart setzt sich langsam das Grau durch, die Augenringe verraten Überstunden. Der 55-Jährige trägt eine blaue Filzjacke und eine ebenso große wie knalllilafarbene Plastikarmbanduhr, die ihm eine Fluggesellschaft geschenkt hat. Seine Garderobe ist für einen Beamten ziemlich bunt. Seit fast 30 Jahren steht Bercero bei der Europäischen Kommission in Diensten und arbeitete schon Verträge mit anderen Ländern aus, als es die Welthandelsrunde WTO noch gar nicht gab. Er überzeugte zum Beispiel die um ihre Gesundheit besorgten Koreaner davon, italienischen Parmesankäse ins Land zu lassen. Das war noch einfach im Vergleich zu der Aufgabe, die Bercero jetzt zu lösen hat. In jahrzehntelanger Rivalität haben die USA und Europa ihre Wirtschaftsräume voneinander abgeschottet. Es liegt nun an Bercero, sie aufzuschließen – und an seinem amerikanischen Gegenüber: Dan Mullaney.

Mullaney hat schon an vielen komplizierten Staatsverträgen mitgewirkt, seit den neunziger Jahren ist er beim Handelsministerium der Vereinigten Staaten. TTIP ist der Auftrag seines Lebens. Fast könnte der 57-jährige Chefunterhändler der USA als Europäer durchgehen: An der Wand von Mullaneys Büro in Washington hängen ein Werbeposter für belgisches Bier und eine antike Karte von Brüssel. Vier Jahre hat Mullaney dort als Handelsattaché gelebt, er nennt Brüssel "eine der schönsten Städte Europas". Auch Paris kennt er gut, er hört Jacques Brel, mag belgische Schokolade und spricht fließend Französisch. Eigentlich sollte es für Bercero kein Problem sein, sich mit so jemandem auf ein Freihandelsabkommen zu einigen.

Eigentlich. Doch nach drei Gesprächsrunden in Brüssel und in Washington drängt sich der Verdacht auf, dass die größten Gegner des Handelsabkommens weder Umweltschützer noch Globalisierungskritiker sind, sondern sich am Verhandlungstisch direkt gegenübersitzen. Es droht ein Kampf Goliath gegen Goliath. Scheitern die Bemühungen von Mullaney und Bercero, bleiben Amerikaner und Europäer einander fremde Freunde und ein Binnenmarkt von Seattle bis nach Helsinki ein Wunschtraum vieler Ökonomen.

Doch die Debatte um das Freihandelsabkommen war schon vergiftet, bevor sie richtig begonnen hatte. Europäische Verbraucherschützer warnen vor der Einfuhr von Hormonfleisch, Chlorhühnern und geklonten Tieren. Die Amerikaner fürchten ihrerseits BSE-Fleisch an der Theke und schwächere Auflagen für Tabakkonzerne. Lasch kontrollierte europäische Tabletten könnten auf den US-Markt gelangen, Genmais wiederum in deutsche Schulkantinen.

Große Unternehmen hingegen zeigten sich schnell begeistert von der Idee. Autobauer, Chemiekonzerne und Agrarmultis rechnen vor, wie gut TTIP für die westliche Welt sei. 15 Millionen Arbeitsplätze hingen schon jetzt an den transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen, schrieben sie, und bald könnten es noch weitaus mehr werden. 120 Milliarden Euro Wohlstandsgewinne wären möglich.