Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

Als ich kürzlich einige Zeit in den USA wohnte, habe ich mich darüber informiert, ob in unserer Nachbarschaft verurteilte Sexualstraftäterinnen wohnen, vor denen Männer wie ich sich in Acht nehmen müssen. Für Florida kann ich die Seite "Florida Sexual Offenders and Predators" empfehlen, die vom Justizministerium betreut wird. Predator heißt "Unhold" oder "Raubtier". Alle Sexualstraftäterinnen sind dort auf Fotos zu sehen, übrigens auch die männlichen Straftäter. Man sieht die aktuelle Adresse, eventuelle Decknamen oder Namensänderungen, man sieht ihr Autokennzeichen und erfährt, welchen Wagen sie zurzeit fahren. Außerdem erfährt man, für welches Delikt sie verurteilt wurden, wie oft, ob sie erwachsene Opfer oder Kinder bevorzugen, und wenn Letzteres, ob Jungen oder Mädchen. Im Umkreis unseres Hauses gab es vier weibliche predators.

Die meisten Frauen, die auf solchen Seiten zu finden sind, haben wegen Kindesmissbrauchs gesessen. So war es auch bei unserer Nachbarin Bonita und bei Donna, ein paar Ecken weiter. Die alte Hilda, geboren 1947, hat 1988 ein Kind missbraucht, seitdem war strafrechtlich nichts mehr, sie steht aber immer noch auf der Liste. Verjährung gibt es da nicht. Die hübsche Kristen dagegen, geboren 1983, ist schon zweimal wegen sexueller Übergriffe gegen erwachsene Männer im Knast gewesen, in zwei Staaten. Dieser predator wohnte zuletzt in unserer Gegend, sei aber momentan untergetaucht. Eines ihrer Delikte hieß "crime against nature". Ich wollte wissen, was das ist und was Kristen genau gemacht hat.

Dazu geht man auf die Seite "Checkmate", auf Deutsch: "schachmatt", und zahlt 22 Dollar. Ich habe ein Dossier über Kristen erhalten und weiß jetzt, dass sie mehrmals Besuch vom Gerichtsvollzieher bekommen hat, auch wegen eines Verkehrsdelikts gesessen hat, wie ihre Eltern heißen, wo sie wann gewohnt hat. Für einen Aufpreis kriege ich sämtliche ihrer E-Mail-Adressen, die Namen ihrer früheren Nachbarn, ihre Schulabschlüsse, die Gerichtsurteile und die Namen ihrer Schulen sowie ihrer Exmänner, ich erfahre, ob sie eine registrierte Waffe besitzt und ob sie wählen geht.

Da habe ich begriffen, wieso Barack Obama unsere Sorgen um den Datenschutz nicht nachvollziehen kann. Die haben eine andere Datenkultur da drüben. Genauso gut könntest du versuchen, einem Dschungelindianer am Amazonas zu erklären, dass er eine Haftpflichtversicherung braucht.

Ich will nicht, dass es so was wie "Checkmate" auch in Deutschland gibt. So schlimm ein Verbrechen auch ist, wer seine Strafe verbüßt hat und danach, wie Hilda, 25 Jahre sauber geblieben ist, darf nicht an den Pranger gestellt werden, das ist Wahnsinn. Aber es gibt tatsächlich Leute, die genau das fordern, zum Beispiel die "Feministische Partei". Zitat aus dem Programm, bezogen auf Sexualstraftäter: "Täter müssen isoliert werden. Die Isolation kann lebenslang dauern und erst dann beendet werden, wenn der Täter der Veröffentlichung seines Aufenthaltsorts zustimmt." Täterinnen gibt es bei denen sowieso nicht.

Jeder Mensch weiß, dass es vernünftig ist, vorsichtig zu sein, wenn Fremde an der Tür klingeln, und dass es total okay ist, wenn jemand hin und wieder Roulette spielt. Wenn diese an sich harmlosen oder vernünftigen Verhaltensweisen aber ins Maßlose übertrieben werden, spricht man von "Verfolgungswahn" und von "Spielsucht". Das Gleiche gilt meiner Ansicht nach für den Feminismus. Feminismus ist okay. Ab einem gewissen Maß an Übertreibung aber wird das zu einer für die Umwelt nicht ungefährlichen Geisteskrankheit. Ich fordere die Ausbildung von Fachärztinnen und Fachärzten, die das behandeln.

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