Er drückt die Tür des kleinen Hotels auf der Rue Madame in Paris auf und breitet zur Begrüßung die Arme aus – wie ein Dirigent, der sein Orchester bittet, sich zum Applaus zu erheben. "Wie schön!", ruft Werner Spies in das Hotel hinein. Dem Portier erklärt er, dass er seine erste Nacht in Paris vor exakt 54 Jahren in diesem Hotel verbracht habe: Ist das nicht ein schöner Zufall?

Er sitzt jetzt mit verschränkten Armen auf dem Sofa in der Hotellobby: Werner Spies, der kleine Mann. Er trägt weinrote Cordhosen, Rollkragenpullover. In seinem Jackettrevers steckt eine sicher irgendwie wichtige Nadel. Seine rechte Hand zittert. Seine wenigen grauen Haare sehen ein wenig ungeschnitten aus, was ihm, wie schon sein Auftritt an der Hoteltür, eine künstlerische Note gibt. Spies erzählt jetzt von einem Mittagessen mit Alfred Brendel, man sei gut befreundet, auch habe Brendel für den Katalog der Ausstellung Archive du Reve/Carte Blanche à Werner Spies, die Ende März im Pariser Musée d’Orsay eröffne, einen wunderbaren Beitrag geliefert. Spies möchte jetzt reden, viel reden, gerne den ganzen Sonntagabend und morgen beim Mittagessen weiterreden: Es sei so ein sagenhaft reiches und ereignisreiches Leben gewesen, erklärt er, es gebe viel zu erzählen. Die Nadel am Revers, so erfährt der Besucher, ist natürlich die höchste Stufe des Ausgehordens der Französischen Ehrenlegion: "Das trägt man hier so." Dem Mann auf dem Sofa steht, man kann es nicht anders sagen, ein irritierend vergnügtes Lächeln im Gesicht. Gleichzeitig zittert die rechte Hand, und die verschränkten Arme pressen sich ein wenig arg ineinander. Was soll das hier werden? Was ist das, bitte, für ein absurdes Kasperletheater, das hier aufgeführt wird?

Werner Spies, 76, der Kunstprofessor, die Kapazität, das große Hirn, der weltweit renommierte Experte für Max Ernst, Surrealismus und den späten Picasso, der Kulturvermittler zwischen Frankreich und Deutschland, der Ausstellungsmacher, Museumsdirektor, Kunstkritiker und altgediente FAZ-Autor: Selten ist ein Mann, der jahrzehntelang so vom Netz des Kunst- und Kulturbetriebs getragen wurde, von den Politikern, Künstlern, Mäzenen, Schriftstellern, Kritikern, so tief gestürzt. Als 2008 der Kunstfälscherskandal um das Ehepaar Beltracchi aufflog, war Werner Spies die große tragische Figur des Skandals: Er hatte sieben gefälschte Max-Ernst-Gemälde als echt erklärt und, hier liegt die Tragödie, von gleich drei Stellen – Fälschern, Händlern und Mäzenen – Provisionen kassiert, insgesamt im hohen sechsstelligen Bereich. Spies ist vor einem Zivilgericht in Frankreich zu Schadensersatz verurteilt worden, der Ansehensverlust ist enorm. In einem Interview mit dem stern hatte Spies, ganz Ehrenmann des 19. Jahrhunderts, sogar das Äußerste, den Freitod, nicht ausgeschlossen. In seiner im letzten Jahr erschienenen Autobiografie Mein Glück geht er auf ganzen 6 von 606 Buchseiten auf den Beltracchi-Skandal ein, sachliche Anfragen, etwa nach dem Verbleib des ominösen Pariser Albums mit gefälschten Max-Ernst-Arbeiten, lässt er von seinem Anwaltsfreund Peter Raue zurückweisen. Eine entscheidende Frage an Werner Spies, auf die er bis heute keine Antwort gibt, lautet: Hätte er nicht spätestens 2007, als er die Max-Ernst-Arbeiten des Pariser Albums als falsch erkannte, die Beltracchi-Bilder als Fälschungen auffliegen lassen müssen?

Da sitzt der ein bisschen angestrengt vergnügt wirkende Herr. Die Anstrengung hat einen Grund: Es sollen bei dem Treffen mit Werner Spies bestimmte Dinge (sein reiches Leben) umso vehementer besprochen werden, wie andere Dinge (der Beltracchi-Skandal) nicht angesprochen werden dürfen. In einer E-Mail hatte Spies sich zu dem Gespräch bereit erklärt unter der Bedingung, dass der Fälscherskandal außen vor gelassen werde. Absurdes Theater eben. Krise? In der Diktion von Werner Spies heißt das: "Ich glaube, da muss ich jetzt rauskommen." Und so rührend trotzig klang das am Telefon: "Entweder gibt man zu, dass ich auch etwas anderes gemacht habe in meinem Leben. Oder ich muss schweigen." Der Reporter ist trotzdem angereist, weil er sich nicht vorstellen kann, dass man stundenlang Zeit mit Werner Spies verbringen kann, ohne dass die ganz großen Dinge zur Sprache kommen: ein Schuldgefühl, Reue, Angst.