Mit 40 Jahren wechselte Vladimir Nabokov aus seiner russischen Muttersprache ins Englische. Józef Korzeniowski lernte mit 21 Englisch und wurde zu Joseph Conrad, der russische Dichter Joseph Brodsky schrieb in Amerika seine Essays auf Englisch. Sprachwechsel ins Englische mögen funktionieren – aber ins komplizierte Deutsche?

Im kommenden Monat erscheinen zwei zentrale Frühjahrsbücher von Schriftstellern, die auf Deutsch schreiben, deren Muttersprache aber nicht Deutsch ist. Katja Petrowskaja, die ihren Debütroman Vielleicht Esther (Suhrkamp) veröffentlicht, wuchs in Kiew auf und zog im Jahr 1999 nach Berlin, da war sie 29. Im vergangenen Jahr gewann sie den Bachmann-Preis im wichtigsten Wettbewerb für deutschsprachige Literatur (den im Jahr zuvor Olga Martynowa gewonnen hatte, die 1990 28-jährig nach Deutschland kam, heute ihre Prosa auf Deutsch schreibt und auf Russisch dichtet). Mit 14 kam der 1978 geborene Saša Stanišić aus Bosnien nach Heidelberg; 2006 erschien sein erster Roman, jetzt kommt sein zweiter: Vor dem Fest (Luchterhand).

Tatsächlich hat die Bedeutung der Nichtmuttersprachler für die deutsche Literatur in letzter Zeit gewaltig zugenommen. In ihr spiegelt sich auch hierzulande unsere kreativ verwirbelte globalisierte Welt. Gewiss macht es einen Unterschied, ob man in der Jugend oder mit 40 die Sprache wechselt; die künstlerischen Biografien lassen sich ohnehin nicht über einen Kamm scheren. Olga Grjasnowa, 1984 in Baku geboren, kam mit elf Jahren nach Frankfurt, Alina Bronsky, 1978 in Jekaterinenburg geboren, kam mit zwölf nach Deutschland. Maria Cecilia Barbetta, Jahrgang 1972, studierte Deutsch in ihrer argentinischen Heimat und lebt seit 1996 in Berlin. Abbas Khider flüchtete 27-jährig aus dem Irak hierher, lernte Deutsch und veröffentlichte 2008 seinen ersten Roman. Auch Terézia Mora, Jahrgang 1970 und Trägerin des Deutschen Buchpreises 2013, hat in Ungarn trotz burgenländischer Einflüsse Ungarisch gesprochen und, wie sie einmal meinte, sieben Jahre gebraucht, um im Deutschen anzukommen; 1997 erschien ihre erste Erzählung auf Deutsch.

So unterschiedlich diese Lebenswege sein mögen: Die neue Sprache erwies sich bei allen als machtvolles Medium künstlerischen Ausdrucks, in intensiver Anverwandlung, vielschichtiger Neubearbeitung, spielerischer Spiegelung. Herkünfte wurden in ästhetische Form verwandelt – bis sie sich gar nicht selten in ihr auflösten. Darin steckt jenseits aller Integrationssonntagsreden tatsächlich eine enorme Bereicherung für die Literatur. Und Anlass zu ein bisschen Sprachstolz: Nach dem Englischen und dem Französischen entfaltet auch das Deutsche eine erstaunliche Anziehungskraft.