Das geheimnisvolle Zimmer sieht harmlos aus, wie aus einem Ikea-Katalog: Klippan-Sofa, Billy-Regale, bunte Kissen und Vorhänge, an den Wänden ein paar schiefe Bilder und eine Uhr. Ein schwaches Licht leuchtet in der Ecke, auf dem Couchtisch liegen Spielkarten und Pokerchips. Doch der Schein trügt: Wer eintritt in diese heile Katalogwelt, kommt so leicht nicht mehr heraus. Er wird eingesperrt und hat danach 60 Minuten Zeit, den Schlüssel zu finden. Nicht eine Sekunde länger. "Und die Leute freuen sich darauf", sagt Abel Roszas und grinst. Zusammen mit seinem Bruder Laszlo hat er das Konzept für diese Geschäftsidee entwickelt.

Vor einem halben Jahr haben sich die beiden Ungarn, 33 und 35 Jahre sind sie alt, mit ihrer Firma HintQuest in München selbstständig gemacht. Sie haben den Traum verwirklicht, ihr eigener Chef zu sein, und nebenbei ihr Hobby zum Beruf gemacht: spielen und Rätsel lösen.

Was es als Spiel auf dem PC längst gibt, haben die Brüder in die Realität geholt. "Live-Exit-Spiele" nennen sie ihre Idee. Als Teenager saßen sie gern am Computer und erlebten dank Monkey Island oder Day of the Tentacle ein Abenteuer nach dem anderen – in virtuellen Schlosszimmern, Gärten oder auf Inseln mussten sie Rätsel lösen, um den Ausgang zu finden oder um ihre Missionen erfüllen zu können.

Heute muss ein echter Schlüssel gesucht werden. Und der ist nicht irgendwo versteckt – er ruht gut verschlossen an einem sicheren Ort in jenem geheimnisvollen Ikea-Zimmer. Den Schlüssel entdeckt nur, wer alle Hinweise findet, die im Zimmer versteckt sind, klug kombiniert und um die Ecke denkt. Erst wenn alle Rätsel gelöst, alle Codes und so manches andere Schloss geknackt sind, wird der Schlüssel freigegeben. Mehr darf nicht verraten werden. Die Geheimhaltungspflicht gilt auch für alle Teilnehmer.

Wer unter Panikattacken oder Asthma leidet, sollte besser draußen bleiben

Seit die Brüder Roszas vor drei Jahren in Ungarn an einem ähnlichen Live-Exit-Spiel teilgenommen hatten, dachten sie: "Das machen wir auch." Laszlo Roszas, der Ältere, hatte Informatik studiert, für die Luft- und Raumfahrtindustrie und bei einem IT-Dienstleister gearbeitet. Abel Roszas studierte Wirtschaft, fing dann bei einer Bank und später bei der ungarischen Telekom an. Beide lebten in den USA, England, Frankreich und Deutschland, sie sprechen Englisch, Französisch und Deutsch. Und weil die Brüder nicht ihr Leben lang für große Firmen arbeiten, sondern ihre eigenen Chefs sein wollten, kündigten sie. "Ich bin eher der Unternehmertyp", sagt Abel Roszas. "Kein Risiko, kein Gewinn."

Der Unternehmer in Abel sagte also: In Ungarn gibt es keinen Markt mehr für die Idee – dafür aber in Deutschland. Zudem ist Deutschland näher an Ungarn als Amerika oder England. Und München sowieso. Hier leben Verwandte und der Vater, bei dem sie jetzt wohnen. Klar sei München teuer, "aber hier gibt es auch Leute, die Geld haben", sagt Abel Roszas.

Das Problem war nur, geeignete Räume zu finden. Die Idee der Brüder passte in keine Kategorie der Makler: Laden? Lagerraum? Wohnung?

Sie wurden dann im Norden Münchens fündig, ein schmuckloses weißes Hochhaus voller Büroräume. Ein langer Flur, der in einen kleinen Empfangsraum führt. Wie im Vorzimmer eines Arztes sieht es hier aus. In das Zimmer, in das sich die Spieler freiwillig sperren lassen, führt eine schlichte, weiße Tür.

Die Buchungspläne sind voll: An diesem Tag kommen Studenten und Familien, aber auch immer mehr Firmen schicken ihre Teams zum gemeinsamen Schlossknacken.

Die Brüder Roszas geben eine kurze Einführung: Wer unter Klaustrophobie, Panikattacken oder Asthma leidet, solle besser draußen bleiben. Am besten systematisch suchen und laut denken. In den Steckdosen seien keine Hinweise versteckt, bitte auch keine Kabel abmontieren oder Möbel rücken. Dann treten sie ein. Fünf Studienfreunde, drei Männer, zwei Frauen. Abel dreht den Schlüssel im Schloss, einmal, zweimal. Der Countdown läuft.

60 Minuten.

Im Zimmer beginnt das Suchen.