Die Freunde lupfen mal hier ein Kissen, ziehen dort ein Buch aus dem Fach. Zählen die Spielkarten auf dem Couchtisch, nehmen Bilder von der Wand, stöbern in CD- und DVD-Stapeln. Sind Brahms und Das Wunder von Bern nun ein Hinweis oder nur Dekoration? Was ist mit der Skyline von New York oder den Blumen in der Vase? Entscheidender Tipp? Oder Finte?

Eine Kamera filmt das Geschehen drinnen, draußen im Empfangsraum verfolgt es einer der beiden Brüder am Bildschirm. Er wird, wenn es nötig ist, einen entscheidenden Hinweis auf den Monitor im Zimmer senden, das Licht an- oder ausknipsen. Abel und Laszlo Roszas schlüpfen in die Rolle der unsichtbaren Spielleiter, die eingreifen, wenn das Team auf der falschen Fährte ist.

Ihre Zielgruppe: gebildete Leute zwischen 20 und 40 Jahren, so wie sie, die gern strategisch denken und kreativ sind. Hundert Euro kostet ein Spiel, und langsam beginnt die Geschäftsidee Geld abzuwerfen: Die Brüder suchen jetzt Studenten, die die Kunden empfangen und das Spiel am Monitor begleiten. "Wir selbst", sagt Abel Roszas, "müssen uns jetzt auf das Marketing fokussieren." Bisher fanden die Teams über Internetplattformen wie Groupon oder YouTube zu HintQuest oder erfuhren auf Flyern davon, die der Pizzabote brachte. Jetzt wollen sie gezielt auf Firmen zugehen und Kooperationen mit Hotels anbieten, damit auch Geschäftsreisende und Touristen vom mysteriösen Zimmer erfahren. Der frühere Manager Abel Roszas findet, das Spiel sei ideal für Firmen, die etwas für das Teambuilding tun wollen. Allein kommt man schließlich nicht weiter, jeder kann zeigen, was er draufhat. Und vielleicht sogar mit Eigenschaften punkten, die den Kollegen bisher verborgen geblieben waren.

Unternehmen kommt die Idee der Brüder Roszas gerade recht, denn der Trend geht in den Firmen schon länger weg von abenteuerlichen Survival-Aktionen. Gefragt sind Events, an dessen Ende ein gemeinsames Werk steht: das Drei-Gänge-Menü in der Kochschule, das Trommelkonzert nach einem Musikworkshop, ein seetüchtiges Floß oder eben das Knacken eines mysteriösen Rätsels. Kollegen, die gemeinsam etwas erlebt und geschafft haben, trauten sich mehr zu, sagen Wirtschafts- und Organisationspsychologen. Das steigere die Attraktivität der Gruppe. Wer Teil dieses Teams sei, könne stolz darauf sein.

Noch 25 Minuten und 24 Sekunden.

Von drinnen hört man eine Frauenstimme: "Hier steht noch ein Datum – kannst du damit was anfangen?" Die fünf knien und stehen um einen Couchtisch, sortieren Karten und Zettel. Draußen fragt Laszlo seinen Bruder: "Wie läuft es? Werden sie rauskommen?" Abel Roszas sagt: "Ich denke schon, sie sind ein gutes Team. Sie besprechen alles."

Die Brüder, die in Jeans und Turnschuhen wie Studenten wirken und eigentlich selbst gerne mitspielen würden, fiebern mit, drücken Daumen, freuen sich, wenn die Teams einen entscheidenden Hinweis finden. Immer noch. Ein paar Hundert Spiele haben sie jetzt schon beobachtet, oft bis zu sieben, acht Gruppen hintereinander. Mal ist der eine Spielleiter, mal der andere. Schließlich ist Abel noch für Finanzen zuständig, Laszlo für alles Technische und die Internetauftritte. "Es ist unglaublich, wie unterschiedlich die Menschen denken können", sagt Laszlo Roszas fasziniert. Aber ein paar Muster fallen den Brüdern immer wieder auf: Frauen suchen besser und schneller, Männer sitzen häufiger auf dem Sofa, denken und kombinieren lieber, bevor sie das Zimmer umkrempeln. Was Studien für die Arbeitswelt belegen, gilt folglich auch im Spiel: Gemischte Teams haben höhere Chancen, die Aufgaben zu lösen. Allerdings: Ohne Hilfe von draußen hat es bisher erst eine einzige Gruppe geschafft.

Dumm ist nur: Wer sich das Pokerzimmer einmal erspielt hat, wird kein zweites Mal kommen. Denn Rätsel löst man für gewöhnlich nur einmal. Damit die Geschäftsidee nicht schnell wieder ausgespielt ist, müssen also neue Rätsel her. "Das ist wie mit Filmen", sagen die Brüder. "Man muss gute Filme machen, dann gehen die Leute ins Kino. Wir müssen eben gute Räume machen."

Freunde kommen zum Test-Rätseln, wenn die Brüder neue Räume entwerfen

In diesen Tagen eröffnen sie ein zweites Zimmer in München: "besser als das erste, technischer". Mehr wird nicht verraten. Auch diesmal haben sie den Raum komplett selbst eingerichtet, viele Elemente, die gesucht werden müssen, selbst entworfen und erfunden. Ihre Puzzleteile und Schablonen lassen sie in Ungarn herstellen, die gibt es in keinem Geschäft.

Sie brüten über Ideen für einen dritten und vierten Raum, die im Laufe des Jahres folgen sollen; planen, entwerfen, diskutieren – aber richtig Streit hätten sie noch nie gehabt, sagt Abel. Auch in andere deutsche Städte wollen die Roszas ihre Idee bringen. Und wenn die Firma richtig erfolgreich ist, wollen auch die Freundinnen der beiden nach Deutschland kommen. "Sorgen", sagt Abel, "mache ich mir nicht. Ich glaube, es ist ein sehr gutes Produkt." Ihre Familie und Freunde sehen das auch so. Wenn die Brüder neue Räume entwerfen, kommen sie zum Test-Rätseln, der Vater hilft gerade mit, das zweite Zimmer aufzubauen.

Noch 7 Minuten, 35 Sekunden: Abel Roszas schickt einen letzten Hinweis auf den Monitor im Zimmer: "Kalt ...". Das Team läuft weg vom Sofa, hin zum Regal: "Wärmer ...".

Noch 22 Sekunden:

Passt! Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Die fünf Freunde jubeln. "Ihr wart ein super Team!", lobt Abel und knipst ein Erinnerungsfoto. "Danke, aber ohne die Hinweise hätten wir es nicht geschafft!" Sabine, Entwicklerin in einer Medizintechnikfirma, meint, "so was müsste man mal in der Arbeit machen, als Kompetenztraining!". Biotechnologe Hans murmelt, "mit einem cholerischen Kollegen möchte ich hier nicht eingesperrt sein".

Im Zimmer liegen Bücher, Pokerchips, Spielkarten herum, auf dem Sofa liegt eine zerknüllte Decke. Laszlo reißt das Fenster auf, lüftet, räumt auf, versteckt die Hinweise. Das nächste Team kommt gleich. Raus aus dem Alltag und der Langeweile, dem Abenteuer entgegen. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.