Ein Mann fotografiert die Olympischen Ringe © Mark Humphrey/AP/dpa

Sind die Olympischen Spiele in Sotschi am Ende, bevor sie begonnen haben? Terrorgefahr, Umweltsauereien, Zwangsumsiedlungen, Kostenexplosion und Korruption, Homophobie, mundtot gemachte Kritiker – selten in der Geschichte des modernen Olympismus gab es so viele bestürzende Nachrichten schon vor der Eröffnungsfeier. Selbst während der Spiele von Peking im totalitären China war das größte Sportereignis der Welt nicht so umstritten wie diesmal.

Für Russlands Präsident Wladimir Putin ist Sotschi 2014 ein politisches Projekt, das weit über den Sport hinausreicht: Es soll die Ansprüche und unbegrenzten Fähigkeiten einer Weltmacht vorführen. Die Sportler zum Skifahren, Rodeln, Eislaufen ausgerechnet in einen subtropischen Badeort zu laden ist keine Panne oder purer Irrsinn, sondern eine Machtdemonstration: Putins Russland kann alles schaffen, koste es, was es wolle. Ein Wintersportzentrum in Sibirien oder im Ural hätte jeder bauen können, aber Eishockey unter Palmen – das gelingt nur unter Führung von Wladimir Wladimirowitsch. Dass das olympische Feuer während des Fackellaufs sogar in den Weltraum flog, ist der sinnfälligste Ausdruck dieses Größenwahns: Nicht mal der Himmel ist eine Grenze für Russlands Streben.

Das IOC wird zum Erfüllungsgehilfen für Putins Propagandamaschine

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat sich diesem Gigantismus von Anfang an bereitwillig ergeben. Schon bei der Vergabe der Spiele machte Putin ja keinen Hehl aus seinen Allmachtsfantasien: Mit eigens aus Russland importiertem Eis ließ er im ebenfalls tropisch geprägten Guatemala eine Arena errichten, in der russische Athleten für die Funktionäre schaulaufen mussten. Bei der Aussicht auf solch ein grenzenloses Spektakel vergaßen die Hüter der olympischen Pfründen alle ihre Vorsätze in Sachen Nachhaltigkeit, Umweltschutz und politischer Neutralität und sind seither willige Erfüllungsgehilfen für Putins Propagandamaschine.

Der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach hat im Gespräch mit der ZEIT gesagt: "Wir können nicht die Gesetzgebung und die Gesellschaftsform eines Landes ändern. Was selbst die Vereinten Nationen nicht hinbekommen, kann auch vom IOC nicht verlangt werden." Das stimmt.

Aber niemand zwingt das IOC, sein einziges und wertvollstes Produkt, die Olympischen Spiele, derart bereitwillig an Städte und Länder zu vergeben, die sich um die ethischen Prinzipien des IOC nicht scheren und sich nach der Vergabe auch nicht mehr kontrollieren lassen. Bach stiehlt sich mit seiner Lieblingsformel – der Sport sei nicht apolitisch, müsse aber politisch neutral sein – aus der Verantwortung.

Wer wie er die Sünden von Sotschi permanent zu erklären und zu verteidigen sucht, ergreift längst Partei für eine Politik, die sich mit den Grundsätzen der Olympischen Charta (keinerlei Diskriminierung, Respekt für fundamentale ethische Prinzipien, Erhalt der Menschenwürde, Entwicklung einer friedlichen Gesellschaft) kaum vereinbaren lässt. Die Athleten aber, die nach Bachs Aussage Mittelpunkt der Spiele sein sollen, werden mit der schwierigen Situation alleingelassen und mundtot gemacht: Keinesfalls dürfen sie zu der vom IOC selbst politisierten Veranstaltung eine politische Meinung äußern. Damit bestätigt sich nur wieder der Verdacht, dem Schweizer Verein gehe es vor allem ums Geschäftemachen.

Dabei hat die olympische Idee nach wie vor ihren Charme: ein friedlicher und fröhlicher Wettstreit der Völker, mit dem olympischen Dorf aller Nationen als Sinnbild einer funktionierenden Weltgesellschaft. Mit diesem ideellen Kern verdient das IOC sein Geld. Damit daraus kein Ausverkauf um jeden Preis wird, sind nun die Finanziers gefordert, die großen Sponsoren und Fernsehsender. Um ihren Anteil an den lukrativen Werbe- und Übertragungsrechten nicht zu gefährden, schweigen sie dröhnend zu den Missständen am Schwarzen Meer. Dabei steht und fällt auch ihr Image mit dem der Spiele. Wer oder was hindert sie daran, Vertragsklauseln zu formulieren, die vom IOC wie von den lokalen Ausrichtern die Erfüllung bestimmter Standards in Sachen Umweltschutz, Menschenrechte und Good Governance verlangen?

Und hier kommt auch das Publikum, kommen die Milliarden von Fernsehzuschauern ins Spiel. Viele von ihnen fragen sich, ob man die Wettkämpfe der weltbesten Athleten überhaupt noch unbefangen anschauen und genießen kann. Anschauen: ja. Aber unbefangen? Nein.

Letztlich sind es unser aller Spiele: Über Steuern finanzieren wir den Spitzensport in Deutschland, dessen größtes Fest Olympia ist. Mit den TV-Gebühren tragen wir bei zum Etat des IOC. Und wir kaufen Produkte von Firmen, die sich mit dem Label Olympia schmücken. Natürlich wird kein Einzelner die Zustände auf den russischen Baustellen oder diskriminierende Gesetze ändern, indem er seinen Fernseher ausschaltet, keine Cola trinkt oder nicht mehr VW fährt. Aber zusammen und auf Dauer haben Konsumenten Macht. Schauen wir also hin – und zwar nicht erst, wenn die Athleten endlich an den Start gehen. Was aus der olympischen Idee wird, darüber wird Jahre vor der jeweiligen Eröffnungsfeier entschieden. Sotschi könnte eine Lehre sein. Welche Spiele es 2022 geben wird, ist noch nicht ausgemacht.

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