Ist das jetzt Selbstzensur? Steht die Autonomie der Kunst auf dem Spiel? In Essen hat das Museum Folkwang kurzfristig eine umstrittene Ausstellung abgesagt, in der Polaroidbilder eines halb nackten Mädchen gezeigt werden sollten. Über 2000 davon hatte der Maler Balthus (1908 bis 2001) von der pubertierenden Anna gemacht, lauter erotische Bilder, nie für die Öffentlichkeit bestimmt (ZEIT Nr 50/13). Balthus verstand sie als Vorstudien für seine Gemälde, und als solche wollte das Folkwang die Polaroids sie auch präsentieren. Die Schau sollte das Verhältnis von Malerei und Fotografie erkunden. Und dabei schien es eher nebensächlich, was diese Bilder zeigen. Erst bei Vorgesprächen mit dem Essener Jugendamt, so erzählt es der Direktor Tobias Bezzola, sei ihm klar geworden, dass es "zu ungewollten juristischen Konsequenzen und einer Schließung der Ausstellung" kommen könnte. Einen Skandalerfolg wollte er vermeiden.

Dabei hätte sich das Folkwang ausrechnen können, dass sich Balthus-Polaroids nicht wie Balthus-Gemälde ausstellen lassen. Auch auf diesen pflegt er seine Liebe zu frühreifen Mädchen, doch erscheinen sie ins Allegorische entrückt. Auf den Polaroids hingegen wird die Lüsternheit unmittelbar. Und wenn ein Museum sie zeigt, schenkt sie der Lüsternheit Anerkennung.

Natürlich, viele Künstler haben sich an pubertierenden Kindern erregt, Gauguin ebenso wie Kirchner oder Lewis Carroll. Das macht ihre Kunst nicht unbedingt schlechter, und niemand würde ihre Bilder verbieten wollen. Doch als das Städel in Frankfurt 2010 eine große Kirchner-Ausstellung zeigte, verzichtete der Kurator Felix Krämer auf besonders drastische Motive. "Ich wollte", sagt er, "keine begehrlichen Blicke auf ein kindliches Geschlecht." Das mag man hysterisch finden. Vielleicht ist es auch einfach nur vernünftig.