Würde Angela Merkel weitere Kredite für Spanien unterstützen, wenn sie Am Ufer gelesen hätte? Die Frage stammt aus dem Interview einer spanischen Tageszeitung mit Rafael Chirbes gleich nach der Veröffentlichung seines jüngsten Romans im Frühjahr 2013. Und sie war durchaus nicht einfach als Witz gemeint. In Spanien ist Am Ufer als große literarische Aufarbeitung der Krise gefeiert worden, als schonungslose Abrechnung mit einer verderbten Gesellschaft. Daher die Spannweite der Frage: Wenn die Spanier tatsächlich so gierhalsig, korrupt, bigott und moralisch am Ende sind wie in diesem Roman, dann müsste sich jede lebensverlängernde Maßnahme am maroden Gewebe verbieten.

Chirbes parierte die Merkel-Frage sehr geschickt: Wir Spanier machen doch im Buch einen so bejammernswerten Eindruck, dass man uns – aus Mitleid – genauso gut mit Geld überschütten könnte.

Das ist eine interessante Volte: Am Ufer wäre demnach so gnadenlos gegen seine Figuren, dass es den Leser hinterrücks schon wieder gnädig stimmte. Kann das sein? Und wenn das sein kann – wäre das dann höhere Kunst oder nur Trick 17 mit Selbstüberlistung?

Um an dieser Stelle weiterzukommen, muss man hinein ins Buch. Dabei gelangt man gleich in den Sumpf, allerdings nicht in einen aus Filz und Spekulation, sondern in einen mit Schilf, Brackwasser und Untiefen – einen echten Sumpf also, der unweit der spanischen Mittelmeerküste am Rande des fiktiven Ortes Olba liegt. Dort zieht es Esteban immer wieder hin, die Hauptfigur von Chirbes’ Buch, Ende 60 und Besitzer eines kleinen Schreinereibetriebs. Jedenfalls war er das bis vor Kurzem. Jetzt ist alles verpfändet, die Angestellten sind entlassen, weil Esteban just vor dem Ausbruch der Krise viel zu viel Geld in eines dieser Bauboomvorhaben gesteckt hat, wovon ihm nun bloß die Schulden bei der Bank geblieben sind. Den Sumpf kennt er schon von Kindesbeinen an, weil ihn sein Onkel Ramón, ein passionierter Jäger, hier einst mit Kampf, Tod und Verwesung vertraut gemacht hat. Hier sucht Esteban nach einem geeigneten Ort zum Selbstmord.

Nur hin und wieder kehrt Chirbes für ein paar Sätze oder Absätze zum morgendlichen Gang durch den Sumpf zurück. Im Übrigen entfaltet er mithilfe von weitesten Gedanken- und Erinnerungsbögen Estebans bisheriges Dasein. Dieser denkt, erzählt, erinnert selbst. Er kramt seine Familiengeschichte hervor, misst sich in allen Lebenslagen an seinem besten Freund und Rivalen Francisco, verweilt abschnittsweise bei einem langen, debattendurchwirkten Mittagessen im Kreise alter Kumpane, schildert den häuslichen Alltag mit seinem greisen, verbitterten Vater und dessen attraktiver kolumbianischer Pflegekraft. Gelegentlich werden weitere Stimmen zugeschaltet, von Estebans Angestellten zumeist, die die zeitgenössische Bestandsaufnahme weiter auffächern. Wie Chirbes dabei motivische Netze flicht, Charaktere Strich für Strich konturiert, virtuos die Zeiten verknüpft, bestimmte Schlüsselmomente elegant variiert, das vibriert und glitzert vor erzählerischer Akrobatik. Das Panorama ist komplex, aber der Prosa gelingt es, anspruchsvoll und elegant zugleich zu sein, tänzerisch fast und doch nie schöntuerisch. Eine beachtliche stilistische Balanceleistung, deren ungeminderte Verve im Deutschen sich der großartigen Übersetzerin Dagmar Ploetz verdankt.

Chirbes, 1949 geboren, gilt inzwischen als wichtigster literarischer Chronist der spanischen Zeitgeschichte – ein Ruf, den er mit Romanen wie Der lange Marsch, Der Fall von Madrid und Alte Freunde kontinuierlich aufgebaut und zuletzt mit einem gleißend bitteren Fresko der Boomjahre, Krematorium, gewissermaßen besiegelt hat. In Krematorium war vor allem ein reicher Baulöwe für den gedankenvollen Rundumschlag zuständig, diesmal ist es, nicht unpassend, ein mittellos gewordener Handwerker. Was beide Ich-Erzähler gemeinsam haben, sind ihr bemerkenswerter geistiger Horizont und der illusionslose Blick auf das arme Würstchen Mensch.