Heute fährt man von Zürich nach München mit einem Eurocity. Das ist täglich viermal möglich, von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Er braucht etwas mehr als vier Stunden. Nach einer Stunde ist man auf deutschem Gebiet, und vor München hält der Zug in drei Städten, Lindau, Memmingen und Buchloe, alle im Regierungsbezirk Schwaben/Augsburg. Das wird im September 2010 kaum anders gewesen sein. Dort ist es passiert. Deutsche Zollbeamte fragten einen kleinen, weißhaarigen, sehr korrekt gekleideten, 78 Jahre alten Herrn, ob er mehr Bargeld bei sich habe als die im Grenzverkehr erlaubten 10.000 Euro. Er sagte Nein. Sie glaubten ihm nicht, hatten ihn vielleicht früher schon häufiger beobachtet und durchsuchten ihn daher, fanden bei ihm allerdings nur 18 Scheine zu je 500 Euro, alle neu, also 9000 Euro insgesamt. Das, meinten sie, sei verdächtig. Er nannte seinen Namen, Cornelius Gurlitt, und seine Adresse in München. So kam die Sache an die Staatsanwaltschaft Augsburg.

Vielleicht dachte er, die Sache sei damit erledigt. Doch ein Jahr später erhielt der Bahnreisende einen richterlichen Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschluss, wohl wegen des Verdachts eines Steuervergehens. Ende Februar 2013 durchsuchte man seine Wohnung und beschlagnahmte bis Anfang März 1280 Werke im Wert von mindestens 50 Millionen Euro. Dann liefen die Ermittlungen stillschweigend weiter, bis im September 2013 ein Bericht in der Münchner Zeitschrift Focus erschien. Seither diskutiert man den Fall Gurlitt im In- und Ausland unter dem Stichwort "Raubkunst im 'Dritten Reich' ". Und damit liegt man völlig falsch.

Richtig ist: Die 1280 Bilder und Grafiken sind Gurlitts Eigentum. Die Beschlagnahme dieser Werke war rechtswidrig und verpflichtet zum Schadensersatz. Ich will erklären, warum.

Cornelius Gurlitt hat diese Sammlung von seinem Vater Hildebrand Gurlitt geerbt. Der war einer der vier von der NS-Regierung ernannten Händler, die unter anderem die Aufgabe hatten, Kunstwerke im Ausland zu verkaufen, um Devisen ins Land zu bringen. Die Bilder wurden zum Teil nach einem Einziehungsgesetz von 1938 aus deutschen Museen beschlagnahmt, darunter nicht wenige von jüdischen Leihgebern, und auf die vier Händler verteilt. Während des Kriegs besorgten sie im Ausland, besonders in Frankreich, unter Ausnutzung der Notlage von Juden weitere Werke, die im Wesentlichen in die USA verkauft wurden – aber auch Bilder für das von Hitler geplante Führermuseum in Linz.

Hildebrand Gurlitt wurde 1945 unter Hausarrest gestellt, seine Sammlung von der US-Armee beschlagnahmt. Nachdem er von der Spruchkammer Bamberg-Land freigesprochen worden war, erhielt er von den Amerikanern seine Sammlung zurück und setzte seine Tätigkeit als Kunsthändler fort, bis er 1956 an den Folgen eines Autounfalls starb. Nach dem Tod von Hildebrand Gurlitts Frau 1967 wurde Cornelius Gurlitt neben einer jüngeren Schwester Erbe der Sammlung. Seitdem lebte er davon, dass er Teile dieses Schatzes verkaufte.

Die Geheimhaltung der Sammlung betrieb schon Vater Hildebrand, Mutter und Sohn setzten das fort. Folglich wurden Erbschaft- und Vermögensteuer nicht gezahlt. Beides ist längst verjährt, auch die von Cornelius Gurlitt nicht gezahlte Vermögensteuer, die 1997 abgeschafft worden ist. Für den Verkauf von eigenen Wertsachen wie Gold, Schmuck oder Kunst braucht man keine Steuern zu zahlen. Daher bleibt der Hintergrund der von der Staatsanwaltschaft für die Beschlagnahme genannten Vorwürfe – Verdacht auf Steuerhinterziehung und gewerbsmäßige Steuerhehlerei – im Dunkeln.

Statt seiner Bilder hat Gurlitt jetzt einen Betreuer, der über ihn bestimmt

Vollkommen zweifelsfrei ist dagegen, dass Cornelius Gurlitt der rechtmäßige Eigentümer seiner Bilder ist und keinerlei Rückerstattungsansprüche gegen ihn bestehen. Sein Eigentum ergibt sich nicht aus Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) wie Verjährung oder "Ersitzung", die hier immer wieder genannt wurden, sondern aus alliierten Gesetzen der Jahre 1947 bis 1949. Was hat es damit auf sich?