ZEITmagazin: Frau Jens, hat Sie jemals irgendetwas aus der Fassung gebracht?

Inge Jens: Da hätte es im Krieg viele Momente gegeben. Während der Bombenangriffe hatte ich immer ein Kind auf dem Schoß, wenn gerade eins greifbar war, da konnte ich mir nicht leisten, die Fassung zu verlieren. Es musste irgendwie weitergehen. Als ich einmal in Hamburg durch die ausgebombten Häuserzeilen radelte, krachte unmittelbar vor mir ein Riesenschrank auf die Fahrbahn. Ich bin nicht einmal abgestiegen, sondern habe einen Bogen um das Ding gemacht und bin weitergefahren. Es passte einfach nicht in mein Selbstbild, außer Fassung zu geraten.

ZEITmagazin: Sie waren 62 Jahre lang mit dem "Redner der Republik" Walter Jens verheiratet und haben gemeinsam literaturgeschichtliche Bestseller geschrieben. Waren Sie ein kongeniales Paar?

Jens: Ich fühlte mich im Wir gut aufgehoben, mein Ich hat sich darin erst entfaltet. Wahrscheinlich wäre ich ein völlig anderer Mensch geworden, wenn wir uns nicht begegnet wären. Als wir heirateten, ging ich noch ganz naiv davon aus, Professorenfrau zu werden und ein Kind nach dem anderen zu bekommen. Es kam aber anders, ich hatte zwei Fehlgeburten und fühlte mich als ziemliche Versagerin. Doch der Tübinger Literaturwissenschaftler Hans Mayer bot mir an zu habilitieren. Dem war völlig klar, die Frau ist nicht blöd, sie soll sich anstrengen und gefälligst was aus ihrem Leben machen. Durch meinen Mann bin ich dann in eine ganz andere Welt gekommen, die Literatur- und Wissenschaftsszene. Und das hat mir Spaß gemacht. Er war mir ganz sicher geistig überlegen, aber durch meine eigenen Bucheditionen habe ich mir ein Fachgebiet erarbeitet, wo ich ihm Paroli bieten konnte.