Fiona Brunk und Stefan Döring fangen jetzt einfach an mit ihrer eigenen Schule, im Sommer geht es los

Die Woche der Entscheidung beginnt mit Blitzeis. Minusgrade haben Berlins Straßen über Nacht in spiegelglatte Rutschbahnen verwandelt, quer durch die Stadt schlittern Menschen zur Arbeit. Fiona Brunk und Stefan Döring haben es heil in ihr Büro im Wedding geschafft, im zweiten Stock eines Hinterhofgebäudes eilen sie in Richtung Konferenzraum zur Teamsitzung.

Ein Beamer projiziert lange Excel-Tabellen an die Wand, jede Spalte ist eine Aufgabe, hinter der einer von acht Namen steht, so viele Mitglieder hat das Team. Wann ist der nächste Termin mit der Stadträtin? Sind die Infos für die Internetseite auf Türkisch übersetzt? Gibt es Neuigkeiten bei der Suche nach einem Gebäude? Fiona Brunk, 33, und Stefan Döring, 31, planen seit eineinhalb Jahren eine neue Schule im Wedding. Sie wollen Kindern aus sozial schwachen Familien gezielt fördern. Diese Woche entscheiden sie, ob die Schule im Sommer starten wird.

Der Wedding gilt als sozialer Brennpunkt. Zwei Drittel der Jugendlichen im Bezirk leben in Hartz-IV-Haushalten, 86 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Noch immer entscheidet vor allem die Herkunft über den schulischen Erfolg: Fast jeder dritte Schüler im Bezirk geht ohne Abschluss von der Schule. Fiona Brunk und Stefan Döring wollen das ändern. Ihre Sekundarschule für die Klassen sieben bis zehn soll sozial benachteiligte Jugendliche zu einem Abschluss führen und auch über die Schulzeit hinaus betreuen. Man könnte auch sagen, dass Döring und Brunk sich um genau jene Schüler kümmern wollen, die Lehrer woanders als Problemfälle aufgeben. Sie glauben: "Jedes dieser Kinder könnte Erfolg haben." Das klingt ein wenig nach Gutmenschen-Idealismus. Aber Döring und Brunk sind keine Pädagogikstudenten, die sich in ihrer Abschlussarbeit theoretische Gedanken über eine gerechtere Bildungswelt machen. Sie haben den Praxistest längst hinter sich, unterrichteten als Teilnehmer des Programms "Teach First" zwei Jahre lang an Schulen im Wedding.

Die Bildungsinitiative schickt Uni-Absolventen aller Fachrichtungen für zwei Jahre an Schulen in sozialen Brennpunkten. Die Idee kommt aus den USA, mittlerweile gibt es das Programm in 32 Ländern. In Deutschland startete es 2009. Fiona Brunk hatte nach dem Abitur in Schottland studiert und bewarb sich nach ihrer Promotion in Mathematik bei Teach First. Stefan Döring hatte gerade sein Studium der Politik, VWL und Pädagogik in Tübingen abgeschlossen.

Brunk kam an eine Hauptschule im Wedding, Döring an eine benachbarte Realschule. Der Realitätsschock war für beide gewaltig. Nicht das konkreteste Rollenspiel im sechswöchigen Vorbereitungskurs, wo sich Brunk und Döring kennenlernten, hatte die beiden ahnen lassen, was in den Klassenzimmern wirklich ablief. Die Schüler machten im Unterricht, was sie wollten, sie warfen Stühle aus den Fenstern oder kletterten gleich selber raus. Als Brunk zur Hofaufsicht vor einer Tür aufpassen sollte, dass niemand rauslief, warfen ein paar Jungen sie einfach um. Die ersten Treffen der Teach-First-Teilnehmer seien "eine Art Selbsthilfegruppe" gewesen, erinnern sich beide. Heute lachen sie darüber, damals kamen sie an ihre Grenzen.

Sie erkannten aber auch schnell, dass die Rahmenbedingungen nicht stimmten. Den Lehrern blieb neben ihrem Stundenpensum keine Zeit mehr, sich auf den Unterricht vorzubereiten – von einer individuellen Betreuung der Schüler ganz zu schweigen. Vor allem bemerkten Döring und Brunk, dass niemand mehr etwas von den Schülern zu erwarten schien. Hier setzten sie an. Und merkten: Sobald man den Schülern etwas zutraute, ließ sich auch etwas erreichen. Jungen, die sonst den dicken Macker gaben, freuten sich plötzlich über Belohnungspunkte fürs Pünktlichsein. Und Schüler, die sich schon aufgegeben hatten, bestanden auf einmal ihre Prüfungen.

In Dörings und Brunks zweitem Jahr wurden ihre Schulen zusammengelegt. Die beiden boten nun ein Mal pro Woche einen gemeinsamen Nachmittagskurs an. 90 Minuten, in denen sie die Schüler auf ihre Abschlussprüfungen in Mathe und Englisch vorbereiteten. Nach einem halben Jahr saßen zwar noch keine Einserschüler vor ihnen. Aber aus vielen Fünfern und Sechsern waren Vierer oder sogar Dreier geworden.