Ein Schwarzes Loch rotiert und spuckt dabei Energie aus – davon sind die meisten Astrophysiker überzeugt. Diese Illustration entstand 2001 auf der Grundlage von Daten des Satelliten XMM-Newton. Sie stellt ein Schwarzes Loch in der MCG6-30-15-Galaxie dar. © Esa/Nasa

DIE ZEIT: Was befindet sich im Zentrum unserer Milchstraße?

Joseph Polchinski: Ein echtes Schwarzes Loch.

ZEIT: Aber Stephen Hawking hat nun gerade gesagt: "Es gibt keine Schwarzen Löcher."

Polchinski: Niemand weiß genau, was Stephen Hawking sagt. Ein Grund dafür ist, dass sein Artikel nur vier Seiten lang ist. Er argumentiert, Schwarze Löcher hätten nicht den klassischen Ereignishorizont, der nach Einsteins Gleichungen alles, sogar das Licht, für immer einfängt, sondern nur einen "scheinbaren Horizont". Und in einer sehr fernen Zukunft könnte dieser Horizont aufhören zu existieren, und man könnte entkommen.

ZEIT: Vor 40 Jahren hatte Hawking schon einmal gezeigt, dass ein Schwarzes Loch nicht komplett schwarz ist – aufgrund eines quantenmechanischen Effekts kann es Energie verlieren und verdampfen. Hat er damals schon geglaubt, es könnte etwas aus dem Schwarzen Loch herauskommen?

Polchinski: Nein, die Strahlung, von der er damals sprach, stammt von verschränkten virtuellen Teilchen, die ständig im Vakuum entstehen. Wenn ein solches Paar genau auf dem Ereignishorizont entsteht und ein Teilchen ins Schwarze Loch fällt, während das andere entkommt, dann verliert das Schwarze Loch Energie. Und das führt zu einem Paradoxon: Man kann Information in das Schwarze Loch werfen, das verdampft dann, und die Information ist verloren – etwas, das die Quantenmechanik verbietet.

In den neunziger Jahren hat sich dann, vor allem durch die Arbeit von Juan Maldacena, die Ansicht durchgesetzt, dass Schwarze Löcher Information nicht zerstören können, und nach ein paar Jahren hat sich Hawking diesem Argument angeschlossen. Aber wir wissen immer noch nicht, wie die Information aus dem Schwarzen Loch herauskommt. Sie muss irgendwie schneller als das Licht sein. Das war die Ausgangslage, als meine Kollegen und ich nachher darüber nachgedacht haben, was genau an diesem Ereignishorizont passiert.

ZEIT: Vor zwei Jahren kamen Sie zu dem Schluss, dass ein Astronaut, der in ein Schwarzes Loch fällt, nicht den Ereignishorizont passieren würde, ohne es zu merken, wie es die Relativitätstheorie vorhersagt. Stattdessen würde er an einer höllischen Feuerwand zerschmettern.

Polchinski: Um die Information aus dem Schwarzen Loch herauszubekommen, muss die Verschränkung der erwähnten Teilchenpaare gebrochen werden, und das ist fast wie das Aufbrechen einer chemischen Verbindung. Dabei wird Energie frei, und diese Energie wird an oder hinter dem Ereignishorizont gefangen – das ist unsere Feuerwand. Unser Schluss war, dass es eigentlich kein Inneres des Schwarzen Lochs gibt. Dass die Information am Horizont hängen bleibt und später wieder abgestrahlt wird.

ZEIT: Sie sagen also: Nichts kann wirklich diese Feuerwand durchdringen? Was ist denn mit der Materie, die das Schwarze Loch aufsaugt, um größer zu werden?

Polchinski: Diese Materie wird zerschmettert in Bruchstücke, die nicht mehr im Raum organisiert sind. Der Raum selbst verbrennt sozusagen.

ZEIT: Glauben Sie das wirklich selber?

Polchinski: Nein, ich glaube das nicht wirklich. Ich frage nur: Wenn alles andere, an das wir glauben, wahr ist, wie könnte man dann je Information zurückbekommen, die hinter den Ereignishorizont gefallen ist? Und die Antwort ist: Die Information gelangt nie wirklich hinein, der Horizont ist eine reale physikalische Wand. Die Feuerwand ist das Ende des Raums, dahinter liegt nichts mehr.

ZEIT: Könnte denn das Schwarze Loch immer noch wachsen?

Polchinski: Von außen gesehen, könnte es immer noch wachsen. Niemand kann heute klare Anzeichen benennen, die uns verraten, was da geschieht.

ZEIT: Also können Beobachtungen das Problem nicht lösen?

Polchinski: Ich denke, an der Außensicht wird sich nicht viel ändern. Natürlich hoffe ich, dass wir solche dramatischen Anzeichen irgendwann finden werden, wenn wir die Sache besser verstehen. Aber jetzt ist es viel zu früh, um über Beobachtungen zu reden. Wir haben eine riesige Lücke in unserer Theorie, die müssen wir zuerst stopfen.