Mein geschätzter Kolumnistenkollege Tito Tettamanti hat vor einer Woche, wie immer, Bemerkenswertes geschrieben. Allerdings hat er in seinem letzten Beitrag über den gutschweizerischen Kompromiss ein wichtiges Detail ausgelassen.

Aber der Reihe nach: Die Schweiz war in den letzten 100 Jahren deshalb so erfolgreich, weil wir unter anderem die Fähigkeit zum Ausgleich zwischen unterschiedlichsten Menschen, Lagern und Regionen besaßen. Das sieht auch Kollege Tettamanti so. Aber, so schreibt er: Er habe den Eindruck, "dass links orientierte Kräfte den helvetischen Kompromiss gekündigt haben".

Mit Verlaub: Dieser Eindruck ist nicht einfach nur falsch, er ist schlicht verkehrt.

Als Beispiel führt Tettamanti die Mindestlohninitiative an, über die wir im Mai abstimmen. Ich bin Mitglied der vorberatenden Kommission. Es ist kein Geheimnis, dass ich – wie fast alle meine Ratskolleginnen und Ratskollegen – das Kernanliegen richtig finde. Alle, die arbeiten, sollen in Würde vom Lohn ihrer Arbeit leben können. Umstritten jedoch ist auch für mich das Mittel, das dazu führen soll, nämlich: ein schweizweit geltender, auch regional starrer Mindestlohn, der in der Verfassung festgeschrieben wird.

Eigentlich wäre die Mindestlohninitiative die ideale Voraussetzung für einen Kompromiss, der das Anliegen des Volksbegehrens aufnimmt, aber die nötigen Spielräume einbaut. Nur braucht es für einen Kompromiss zwei Seiten. Die eine wollte in diesem Fall aber nicht. Wie schon bei der Abzockerinitiative war das nicht die Linke, sondern die Rechte, die sonst immer betont, dass sich Arbeit lohnen müsse.

Apropos lohnende Arbeit: Es war Mitte der neunziger Jahre, als in der Schweiz die Einkommen aus Kapital die Einkommen aus Arbeit zum ersten Mal überflügelten. Dank der Unternehmenssteuerreform II des damaligen Finanzministers Merz dürfte sich die Situation noch verschärft haben: Da wurden Steuergeschenke in Milliardenhöhe verteilt. Knapp gewonnen wurde die Abstimmung damals mit einer krassen Unwahrheit, um kein schärferes Wort zu brauchen. Und heute lässt das Departement von Bundesrat Schneider-Ammann zwar keine Möglichkeit aus, um den Werkplatz Schweiz zu loben: "Der Arbeitsmarkt in der Schweiz ist im internationalen Vergleich sehr unternehmerfreundlich, das Arbeitsvertragsrecht ausgesprochen liberal." Der Chef aber war in seinem früheren Unternehmerleben ein liberaler Steueroptimierer mit einer Liebe für Kanalinseln.

Was uns zu den Steuern bringt, die Tito Tettamanti anspricht: In der Schweiz zahlten 10 Prozent der Steuerpflichtigen 77 Prozent der Bundessteuern, nicht ganz ein Viertel der Bevölkerung sei "auf Bundesebene von den Steuern befreit". Unterton: Die Reichen fütterten die Schweiz durch. Das stimmt so nicht. Denn die "Bundessteuern" bestehen nicht allein aus der direkten Bundessteuer: Gegen die Hälfte der Steuereinnahmen auf Bundesebene stammt aus der Mehrwertsteuer. An dieser beteiligen sich alle. Wobei wir in der Schweiz nicht nur eine international tiefe direkte Steuerbelastung aufweisen, um die uns potenzielle Steuerflüchtlinge beneiden, sondern mit acht Prozent auch eine im europäischen Umfeld sensationell tiefe Mehrwertsteuer.

Ja, solche Besonderheiten sind mit ein Grund, warum es uns so gut geht. Dazu beigetragen haben immer wieder Kompromisse, um die hart gerungen wurde. Aber dafür braucht es zwei Seiten, nicht nur eine. Und die bockige Seite steht meist nicht links.