Ein Plakat der Schweizerischen Volkspartei (SVP) gegen "Masseneinwanderung" © Thomas Burmeister/dpa

Erschienen ist der Text erstmals 1965, also vor anderthalb Generationen, als Vorwort zu Siamo Italiani, einem Buch über die Italiener in der Schweiz. Aber was der Schriftsteller Max Frisch über unsere Ängste vor den damals Fremden schrieb, gilt bis heute.

Ein Remix aus aktuellem Anlass.

Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen. Sie fressen den Wohlstand nicht auf, im Gegenteil, sie sind für den Wohlstand unerlässlich.

Ja, sie fressen mit ihrem Wohlstand so viel wie wir. Und pendeln so viel und fahren so viel wie wir. So viel, dass sogar SVP-Nationalräte im Zug von Bern nach Zürich stehen müssen. Und sich darüber auf Twitter beklagen.

Aber sie sind da. Gastarbeiter oder Fremdarbeiter? Ich bin fürs letztere: sie sind keine Gäste, die man bedient, um an ihnen zu verdienen; sie arbeiten.

Und dies nicht zu knapp. Sie sind fleißig und strebsam, ja, manche von ihnen sind sogar fleißiger als wir, die den Fleiß doch erfunden haben. Sie überflügeln uns und stehen plötzlich über uns. Sie sind unsere Chefs. Doch:

Sie sprechen eine andere Sprache. Auch das kann man ihnen nicht übel nehmen, zumal die Sprache, die sie sprechen, zu den vier Landessprachen gehört. Aber das erschwert vieles.

Sie sprechen nicht Mundart. Sie sprechen in dieser Sprache, in der wir zwar schreiben und lesen lernen, die wir uns aber so mühsam erarbeiten mussten. Und sie sprechen sie geschliffen und schnell und zackig. Wollen wir ihnen Paroli bieten, holpert und stockt es, kein Ruck-zuck, Zack-zack. Immer klebt dieser Dialekt an unseren Lippen.

Sie beschweren sich über menschenunwürdige Unterkünfte, verbunden mit Wucher, und sind überhaupt nicht begeistert.

Sie klagen über die hohen Mieten, den Kaffee für fünf Franken, das Bier für sechs. Über das Mittagsmenü, das hier doppelt so viel kostet wie bei ihnen zu Hause, über das Bahnbillet, das sie in den Ruin treibt. Doch am Ende des Monats, wenn pünktlich am 25. ihr Lohn überwiesen wird, realisieren sie, dass sie sich die große Wohnung tatsächlich leisten können.

Wäre das kleine Herrenvolk nicht bei sich selbst berühmt für seine Humanität und Toleranz und so weiter, der Umgang mit den fremden Arbeitskräften wäre leichter; man könnte sie in ordentlichen Lagern unterbringen, wo sie auch singen dürften, und sie würden nicht das Straßenbild überfremden. Aber das geht nicht; sie sind keine Gefangenen, nicht einmal Flüchtlinge.

Sie dürfen tun und lassen, was sie wollen, kommen und gehen, wann sie wollen. Ohne Visum, ohne Pass, nur mit einem gültigen Arbeitsvertrag und einer Identitätskarte.

So stehen sie denn in den Läden und kaufen, und wenn sie einen Arbeitsunfall haben oder krank werden, liegen sie auch noch in den Krankenhäusern.

Würden sie in den Krankenhäusern doch nur liegen und siechen. Aber sie arbeiten dort, sie bitten uns in die Sprechstunde, reden mit uns in dieser fremden Sprache über das Intimste, unsere Gesundheit. Sie schieben uns in die Röhre, sie zapfen unser Blut. Sie pflegen uns.

Man fühlt sich überfremdet. Langsam nimmt man es ihnen doch übel.

80.000 Einwanderer pro Jahr. 34.500 neue Wohnungen. 70 neue Kindergärten und Schulhäuser. 500 neue Lehrer. 120 Windturbinen. Maßlosigkeit schadet!

Was tun? Es geht nicht ohne strenge Maßnahmen, die keinen Betroffenen entzücken, nicht einmal den betroffenen Arbeitgeber. Es herrscht Konjunktur, aber kein Entzücken im Lande.

Wir leiden am Wachstum. Wir leiden am Stau auf unseren Straßen, der sich nach den Stoßzeiten gleich wieder auflöst, wir leiden an den überfüllten Bahnhöfen, wo man sich in der Leere verliert, wenn die Krawattierten erst einmal in ihren Büros eingestempelt haben, wir jammern in unserer Neubauwohnung über das verbaute Grün in unserer Aussicht.

Es sind einfach zu viele, nicht auf der Baustelle und nicht in der Fabrik und nicht im Stall und nicht in der Küche.

Wir wissen, dass es ohne sie nicht ginge. Wir wissen, sie nehmen keinem von uns, den gut Ausgebildeten, die wir am lautesten klagen, den Arbeitsplatz weg. Wir wissen, wir würden uns im Alter nie und nimmer von Chinesen oder Indern pflegen lassen wollen, wie das nun einige vorschlagen:

Hitzköpfe, die nichts von Wirtschaft verstehen (…) Aber am Feierabend, vor allem am Sonntag sind es plötzlich zu viele. Sie fallen auf. Sie sind anders.

Sie reden laut. Sie sagen Nein, wenn sie es so meinen. Sind ungeniert und direkt. Sie nehmen Kuchen zum Kaffee und nicht nur ein Guetzli.

Man ist kein Rassist; es ist schließlich eine Tradition, dass man nicht rassistisch ist.

Aber Maß halten im Leben ist immer eine kluge Empfehlung. Denn Maßlosigkeit führt früher oder später zu Schäden. Am Land, an uns – und sowieso:

Sie sind einfach anders. Sie gefährden die Eigenart des kleinen Herrenvolkes, die ungern umschrieben wird, es sei denn im Sinn des Eigenlobs, das die andern nicht interessiert.