DIE ZEIT: Vor vier Jahren gewannen Sie aus dem Nichts Gold im Riesenslalom. Was wird diesmal anders sein? Ist die Unbeschwertheit nun weg?

Viktoria Rebensburg: Vor Vancouver hatte ich noch kein einziges Weltcuprennen gewonnen. Das hat sich zum Glück schon geändert: Ein paar Mal war ich seitdem ganz vorne. Wichtig ist jetzt, dass ich nach meiner Lungenentzündung vor Weihnachten wieder richtig gesund bin. Topfavoriten in Sotschi sind sicher andere.

ZEIT: Fahren Sie heute besser als damals?

Rebensburg: Ich habe vier Jahre hart gearbeitet! Da bin ich schwer davon überzeugt, dass ich als Skifahrerin komplexer, sicherer geworden bin. Das ist ja das Ziel im Training: Die Technik zu festigen. Und dadurch bei den extremeren Bedingungen in einem Rennen konstanter zu werden. Natürlich sind die Sprünge bei den Lernfortschritten nicht mehr so groß wie früher zwischen 16 und 19.

ZEIT: Gibt es auch Momente, in denen Sie überhaupt keine Lust aufs Training haben?

Rebensburg: Ich vergleiche meine Arbeit mit einem ganz normalen Job: Da gibt es auch Tage, da steht man schon mit dem falschen Bein auf. Das ist einfach menschlich.

ZEIT: Holen Sie dann als Motivationshilfe die Goldmedaille raus und sagen sich: Das muss ich noch mal schaffen!?

Rebensburg: Nein, die Medaille hole ich nur raus, wenn meine Cousinen sie mal sehen wollen. Sie liegt in einem schönen Regal neben den Kristallkugeln für meine Weltcuperfolge. Das ist zwar nett, sich das alles mal im Vorbeigehen anzuschauen. Aber vom Olympiasieg ist mir weniger die Medaille geblieben als das Gefühl in mir drin, die Erinnerung an die Emotionen dieser beiden Wahnsinnstage.

ZEIT: Träumen Sie davon?

Rebensburg: Klar träume ich von Rennen, da verarbeitet man viel. Manchmal geht alles schief, ich stürze sogar. Und hoffe, dass ich bald aufwache. Und manchmal gewinne ich träumend die Goldmedaille.

ZEIT: Und wenn es in der Realität nicht noch einmal klappt?

Rebensburg: Der Weltcup hat auch einen sehr hohen Stellenwert: über eine ganze Saison konstant sein, acht Riesenslaloms, acht verschiedene Hänge, acht verschiedene Schneesituationen. Das ist sportlich hoch einzuschätzen.

ZEIT: Aber am Ende wird man sich an Sie vor allem als Olympiasiegerin erinnern.

Rebensburg: Das ist natürlich toll, dass ich das sein darf. Das hätte ich mir als kleines Kind vielleicht erträumt, aber nie angenommen, dass es auch Realität wird. Aber einen Olympiasieg kann man nie planen. So was passiert einfach. Es sind so viele Kleinigkeiten im Leistungssport, die ausschlaggebend sein können an dem einen Tag X: Mal stimmt das Material nicht hundertprozentig, mal ist man nicht richtig fit – das kann man nie voraussehen.

ZEIT: Das ist der Fluch größerer Erfahrung: Sie hilft Ihnen in schwierigen Situationen – aber Sie wissen auch besser, was alles schiefgehen kann.

Rebensburg: Aber ich stehe heute nicht oben am Start und denke: Hilfe, gleich kann ich einen Ski verlieren! Dann brauch ich gar nicht loszufahren. Negative Gedanken haben da nix zu suchen.

ZEIT: Am Ende ist das olympische Rennen eines wie jedes andere auch.

Rebensburg: Genau. Es gibt rote und blaue Tore und eine Ziellinie. Und der Schnellste gewinnt. Das sage ich mir einfach da oben am Start.

ZEIT: Die wichtigen Rennen werden im Kopf entschieden, heißt es. Trainieren Sie den auch?

Rebensburg: Es gibt beim Verband einen Psychologen, der für uns da ist. Ich habe im Moment aber nicht das Bedürfnis, etwas zu verändern. Ich hab schon früher nicht wirklich Lampenfieber vor einem Rennen gehabt. Wenn ich vor jedem Start Magenkrämpfe hätte, wüsste ich nicht, ob ich das noch lange weitermachen wollte. Aber es gibt viele verschiedene Wege zum Sieg. Vom Didier Cuche habe ich mal gehört, dass er bis zum Ende seiner Karriere vor Rennen nie gut schlafen konnte – und der ist extrem erfolgreich gewesen.

ZEIT: Belastet Sie die politische Debatte rund um die Spiele von Sotschi?

Rebensburg: Ich kriege das schon mit, logisch. Aber ich mache mir da keine Gedanken hinsichtlich meines Rennens. Olympia wird in Sotschi sein, das wird niemand mehr ändern. Als Leistungssportler lernt man, mit so einer Situation umzugehen und sie zu akzeptieren.

ZEIT: Im Verband, bei manchen Trainern gelten Sie als Sturkopf. Ist das ein Kompliment?

Rebensburg: Als Hochleistungssportlerin muss ich permanent Entscheidungen treffen. Natürlich frage ich meinen Trainer um Rat, aber am Ende des Tages stehe ich oben am Start. Bei der Fahrt ist man ganz allein mit sich, deshalb muss ich mir meine Gedanken um meinen Sport machen.

ZEIT: In Deutschland ist Ihr Sport vor allem mit einem Namen verbunden: Maria Höfl-Riesch. Finden Sie das gerecht?

Rebensburg: Ehrlich gesagt, mache ich mir um solche Sachen keinen Kopf. Fakt ist, dass die Maria extrem viel erreicht hat. Aber ich finde das, was auf meiner Seite an Publicity los ist, völlig okay. Für mich ist viel, viel entscheidender, was auf der Piste passiert. Natürlich gehören öffentliche Auftritte für Sponsoren oder anderes zum Sport dazu, und das mache ich auch gern. Aber viel mehr, als es jetzt schon ist, muss es auch nicht sein. Man muss im Spitzensport einfach die Balance zwischen Belastung und Entlastung halten. Wenn die Entspannungsphasen auch noch mit Terminen vollgestopft sind, wird es für den Körper einfach schwierig.

ZEIT: Der deutsche Alpindirektor Wolfgang Maier hat mal gesagt, Sie hätten das Zeug dazu, eine Ikone zu werden wie Rosi Mittermaier oder Katja Seizinger.

Rebensburg: Es ist schwer, sich selbst zu beurteilen. Ich will die Ziele, die ich mir selber setze, erreichen. Das zählt am meisten. Dann bin ich mit dem zufrieden, was ich gemeistert habe. Allein, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte, ist schon viel wert. Ob man dann eine Legende oder eine Ikone wird, das hängt von so vielen anderen Faktoren ab – das ist für mich nicht wichtig.