Alice Schwarzer sagt: "Das Konto war ein Fehler. Den bedauere ich von ganzem Herzen." Uli Hoeneß sagt: "Ich habe Riesenmist gebaut, aber ich bin kein schlechter Mensch." Theo Sommer, der ehemalige ZEIT-Chefredakteur, sagt über sein Steuervergehen: "Es war töricht." Und der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz, der am Dienstag wegen seines Schwarzgeldkontos zurückgetreten ist, sagt: "Ich habe einen schwerwiegenden Fehler begangen."

Allein im Jahr 2012 wurden in Deutschland rund 70.000 Steuerstrafverfahren bearbeitet. Steuerhinterzieher wurden zu insgesamt 2340 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und zu 56,5 Millionen Euro Bußgeld – zusätzlich zur nachgezahlten Steuer. Die meisten Täter aber kommen ungeschoren davon, sagen jene, die es wissen müssen: deutsche Finanzbeamte und Steuerfahnder. Bis zu 200 Milliarden Euro aus Deutschland, schätzen sie, lagern noch unversteuert in der Schweiz.

Wie kann das sein?

Wir haben Menschen zum Gespräch überredet, die Tag für Tag nichts anderes tun, als Steuern einzutreiben – die normalerweise im Schatten bleiben, aber jenes Geld einsammeln, ohne das dieses Land nicht funktionieren würde. Wir haben Ermittler und Finanzbeamte getroffen, verstreut in der ganzen Republik, in Cafés und an ihrem Arbeitsplatz. Manche wollten gar nicht mehr aufhören zu reden. Einige zogen es am Ende vor, anonym zu bleiben, sie fürchteten die Reaktion ihrer Vorgesetzten. Andere konnten freier reden, weil sie Gewerkschafter sind. Die meisten wollten nicht im Verborgenen anklagen. Ihnen war die Sache zu wichtig. Die Gespräche drehten sich um nichts anderes als um das Verhältnis zwischen dem Staat und seinen Bürgern – den armen und vor allem den reicheren.

"Wenn in einer Fernsehserie ein Finanzbeamter auftaucht, ist der immer der Blödmann: faul, lahm und unfreundlich. Wenn die Zeitung über uns schreibt, dann meistens schlecht. Wir sind die Dummen, die man ruhig austricksen kann."

Tino Ulbrich, Finanzbeamter aus Dresden

"Im Prinzip sind wir wie Tatort- Kommissare – nur ohne Leiche. Wir müssen uns in die Täter hineinversetzen und herausfinden, welchen Weg sie gewählt haben, um ihr Einkommen zu verschleiern. Wir sorgen für Gerechtigkeit, so seh ich das. Weil sich immer mehr finanziell Starke aus der Steuerpflicht stehlen, müssen alle anderen mehr zahlen. Es ist ein Diebstahl ungeheuren Ausmaßes."

Werner Stupka, Steuerfahnder aus Nürnberg und Mitglied der Gewerkschaft ver.di

"Unsere Beschuldigten sind unberechenbar, deshalb machen wir Hausdurchsuchungen niemals allein. Wir absolvieren Selbstverteidigungskurse und lernen, wie man selbstbewusst auftritt, wenn man morgens um sechs bei einem Fremden klingelt, der viel Geld zu verlieren hat. Wir haben eine kleine Sprühdose mit Reizgas dabei. Seit Neuestem tragen wir auch schusssichere Westen. Aber ein Restrisiko bleibt immer."

Eine Steuerfahnderin aus Leipzig

Im Oktober 2010 betritt ein Mann, der über eine Steuernachforderung wütend ist, ein Leipziger Finanzamt und überschüttet einen Beamten mit Spiritus. Der Beamte überwältigt den Angreifer im letzten Moment. Ebenfalls in Leipzig wird ein Steuerfahnder in der Straßenbahn überfallen, im sächsischen Freiberg ein Außendienstler mit einer Axt beworfen.

"Unsere Arbeit ist gefährlicher geworden. Kollegen sind nach Dienstschluss verfolgt worden – sogar einmal bis nach Hause. Es gibt deshalb ein neues Sicherheitskonzept für den Steuerfahndungsdienst. In Leipzig sitzen wir hinter einem großen Metallgitter. Unsere Büros müssen geschützt sein und dürfen nicht im Erdgeschoss liegen. In den neunziger Jahren ist unser Gebäude in Brand gesetzt worden."

Frank-Michael Welz, Leiter der Steuerfahndung Leipzig

"Den Frust der Bürger bekommen immer zuerst wir Sachbearbeiter ab. Ich versuche, möglichst viel über Briefkontakt zu kommunizieren, da bleibt der Ton sachlich. Die Kollegen im Außendienst werden oft beleidigt, bekommen Drohanrufe. Einige von uns haben zwar eine Nottaste am Rechner, aber wirklich absichern kann man sich gegen Angriffe nicht. Wie auch?"

Tino Ulbrich, Finanzbeamter aus Dresden

Ein Besuch in einem deutschen Finanzamt gleicht mitunter einer skurrilen Zeitreise: Ausgestellt ist die Bürokultur einer vergehenden Zeit. Braune Resopalschreibtische, Metallstühle ohne Polster, ratternde Computer mit Röhrenmonitoren. Manche Steuerfahnder, obwohl ständig unterwegs, müssen ohne einen Laptop auskommen. Die Fahnder im Finanzamt Nürnberg haben lange gekämpft, bis sie jetzt endlich ihre alten Nokia-Handys abgeben durften und moderne Smartphones mit Internetfunktion erhielten.

"Ein Kollege von mir sagt immer: Wir jagen Ferraris mit dem Fahrrad. Was bei der Polizei gang und gäbe ist – eine bundesweite Fallkartei –, davon können wir Steuerfahnder nur träumen. Wenn ein Täterkreis beispielsweise in Hessen intensiv verfolgt wird, wissen wir in Bayern überhaupt nichts davon – und umgekehrt. Über die Bundesländergrenzen hinweg existiert keine Datenverbindung. Wir leben fahndungstechnisch noch in den siebziger Jahren."

Werner Stupka, Steuerfahnder aus Nürnberg

"Inzwischen haben unsere 130 Fahnder nur noch zehn Dienstwagen. Bei größeren Durchsuchungen müssen wir Autos mieten oder uns welche von der Kripo ausleihen."

Ein Steuerfahnder aus Berlin

"Ich arbeite seit neun Jahren Vollzeit im mittleren Dienst, Besoldungsgruppe A 7. Das sind 1.580 Euro netto, nach Abzug von Kranken- und Pflegeversicherung. Damit ich privat vorsorgen kann, habe ich mir einen Nebenjob gesucht. Ich gehe abends putzen in einer Arztpraxis, ungefähr sieben Stunden in der Woche. Ich kenne viele Kollegen vom Finanzamt, die nebenher kellnern oder putzen. Das ist normal."

Stefanie Vogel, Finanzbeamtin aus Stuttgart