An einem warmen Julimorgen des Jahres 2297 öffnet Thorfinn Sangala die Flügel des Schlafzimmerfensters seines falunrot gestrichenen Holzhauses am Nuuk-Fjord. Noch leicht benommen, blinzelt er auf den Nordatlantik und pumpt seine Lungen voll mit der jodhaltigen Luft, die der Westwind über das Meer bläst. Sangala wohnt, wie die meisten Grönländer, in einem Haus, das altertümlich daherkommt: anderthalbstöckig, mit Satteldach und Sprossenfenstern, die dem Haus den Anschein verleihen, als wollte es seine Besucher anstrahlen. Überall an den Fjorden entlang der Südostküste, von Nanortalik bis Upernavik, breiten sich die Städtchen aus. Neun Millionen Menschen leben mittlerweile auf dieser größten Insel der Erde. Mit seinem frischen Atlantikklima, den weiten Kiefern- und Birkenwäldern und den endlosen Sommerabenden ist Grönland nicht nur zu einem der beliebtesten Reiseziele der Erde geworden, sondern vor allem zum Ziel für Zuwanderer. Weniger als vier Milliarden Menschen leben noch auf dem Planeten. Ihre Vorfahren haben gewaltige Krisen gemeistert. Jetzt haben die Erde und ihre Bewohner Frieden gefunden.

Mehr Menschen, mehr Konsum, mehr Markt – das Wachstumskonzept geht nicht mehr auf

Zugegeben, unser Szenario für das Jahr 2297 widerspricht der weitverbreiteten Vorstellung, wonach die Bevölkerungsexplosion ungehindert voranschreitet und die Menschheit irgendwann durch malthusianische Hunger- und Rohstoffkrisen an die Grenzen ihres eigenen Wachstums stößt. Tatsächlich wächst die Weltbevölkerung zurzeit im Rekordtempo, die Weltwirtschaft expandiert ungehemmt und zehrt die natürlichen Ressourcen auf, vom Erdöl bis zur Ackerkrume.

Wie es weitergeht auf der Erde, ist natürlich unbekannt. Doch bei aller Unsicherheit: Einige Weichen für die langfristige Entwicklung sind schon gestellt. Und sie deuten auf eine Trendwende hin. Nachdem die Menschheit im 20. Jahrhundert ein historisch einmaliges Wachstum erlebt hat, dürfte das 21. Jahrhundert den Beginn des Postwachstums markieren. Das liegt vor allem am reproduktiven Verhalten der Menschen: In fast allen Ländern der Welt bekommen die Frauen deutlich weniger Kinder als früher, sodass ein Ende des Bevölkerungswachstums in Sicht gerät. Zudem dürfte sich die Zahl der über 60-Jährigen von heute 810 Millionen bis 2050 auf über zwei Milliarden erhöhen. Weniger und ältere Menschen werden weniger produzieren und konsumieren. Addiert man hierzu die ökonomischen Bremseffekte, die durch Ressourcenknappheit, Nahrungsmittelkrisen und Klimawandel zu erwarten sind, dürfte sich das Wirtschaftswachstum mittelfristig abschwächen und irgendwann sogar ausklingen. Damit schwinden auch dessen ungewollte Nebeneffekte, die das Leben auf der Erde erschweren.

Lange Zeit war das Wachstum der Bevölkerung ein wichtiger Antrieb für das Wirtschaftswachstum. Mehr Menschen bedeuteten mehr Arbeitskräfte, mehr Verbraucher und größere Absatzmärkte. Doch ausgerechnet in den reichsten und erfolgreichsten Ländern der Welt, in denen die Lebensbedingungen am besten sind, pflanzen sich die Menschen mittlerweile in so geringem Maße fort, dass ihr heutiger Bestand auf lange Sicht nicht mehr garantiert ist.

Damit eine Bevölkerung ohne Zuwanderung stabil bleibt, braucht sie theoretisch zwei Kinder je Elternpaar. In Wirklichkeit etwas mehr, denn nicht alle Kinder erreichen das Alter, in dem sie selbst Eltern werden können. In hoch entwickelten Industriestaaten genügen im Mittel 2,1 Kinder für demografische Stabilität. In armen, wenig entwickelten Ländern liegt dieses "Ersatzniveau" zwischen 2,2 und 2,6 Kindern.