An einem warmen Julimorgen des Jahres 2297 öffnet Thorfinn Sangala die Flügel des Schlafzimmerfensters seines falunrot gestrichenen Holzhauses am Nuuk-Fjord. Noch leicht benommen, blinzelt er auf den Nordatlantik und pumpt seine Lungen voll mit der jodhaltigen Luft, die der Westwind über das Meer bläst. Sangala wohnt, wie die meisten Grönländer, in einem Haus, das altertümlich daherkommt: anderthalbstöckig, mit Satteldach und Sprossenfenstern, die dem Haus den Anschein verleihen, als wollte es seine Besucher anstrahlen. Überall an den Fjorden entlang der Südostküste, von Nanortalik bis Upernavik, breiten sich die Städtchen aus. Neun Millionen Menschen leben mittlerweile auf dieser größten Insel der Erde. Mit seinem frischen Atlantikklima, den weiten Kiefern- und Birkenwäldern und den endlosen Sommerabenden ist Grönland nicht nur zu einem der beliebtesten Reiseziele der Erde geworden, sondern vor allem zum Ziel für Zuwanderer. Weniger als vier Milliarden Menschen leben noch auf dem Planeten. Ihre Vorfahren haben gewaltige Krisen gemeistert. Jetzt haben die Erde und ihre Bewohner Frieden gefunden.

Mehr Menschen, mehr Konsum, mehr Markt – das Wachstumskonzept geht nicht mehr auf

Zugegeben, unser Szenario für das Jahr 2297 widerspricht der weitverbreiteten Vorstellung, wonach die Bevölkerungsexplosion ungehindert voranschreitet und die Menschheit irgendwann durch malthusianische Hunger- und Rohstoffkrisen an die Grenzen ihres eigenen Wachstums stößt. Tatsächlich wächst die Weltbevölkerung zurzeit im Rekordtempo, die Weltwirtschaft expandiert ungehemmt und zehrt die natürlichen Ressourcen auf, vom Erdöl bis zur Ackerkrume.

Wie es weitergeht auf der Erde, ist natürlich unbekannt. Doch bei aller Unsicherheit: Einige Weichen für die langfristige Entwicklung sind schon gestellt. Und sie deuten auf eine Trendwende hin. Nachdem die Menschheit im 20. Jahrhundert ein historisch einmaliges Wachstum erlebt hat, dürfte das 21. Jahrhundert den Beginn des Postwachstums markieren. Das liegt vor allem am reproduktiven Verhalten der Menschen: In fast allen Ländern der Welt bekommen die Frauen deutlich weniger Kinder als früher, sodass ein Ende des Bevölkerungswachstums in Sicht gerät. Zudem dürfte sich die Zahl der über 60-Jährigen von heute 810 Millionen bis 2050 auf über zwei Milliarden erhöhen. Weniger und ältere Menschen werden weniger produzieren und konsumieren. Addiert man hierzu die ökonomischen Bremseffekte, die durch Ressourcenknappheit, Nahrungsmittelkrisen und Klimawandel zu erwarten sind, dürfte sich das Wirtschaftswachstum mittelfristig abschwächen und irgendwann sogar ausklingen. Damit schwinden auch dessen ungewollte Nebeneffekte, die das Leben auf der Erde erschweren.

Lange Zeit war das Wachstum der Bevölkerung ein wichtiger Antrieb für das Wirtschaftswachstum. Mehr Menschen bedeuteten mehr Arbeitskräfte, mehr Verbraucher und größere Absatzmärkte. Doch ausgerechnet in den reichsten und erfolgreichsten Ländern der Welt, in denen die Lebensbedingungen am besten sind, pflanzen sich die Menschen mittlerweile in so geringem Maße fort, dass ihr heutiger Bestand auf lange Sicht nicht mehr garantiert ist.

Damit eine Bevölkerung ohne Zuwanderung stabil bleibt, braucht sie theoretisch zwei Kinder je Elternpaar. In Wirklichkeit etwas mehr, denn nicht alle Kinder erreichen das Alter, in dem sie selbst Eltern werden können. In hoch entwickelten Industriestaaten genügen im Mittel 2,1 Kinder für demografische Stabilität. In armen, wenig entwickelten Ländern liegt dieses "Ersatzniveau" zwischen 2,2 und 2,6 Kindern.

Weltweit sinken die Fertilitätsraten

Die Vereinten Nationen haben vier Szenarien der globalen Bevölkerungsentwicklung berechnet, denen jeweils andere Fruchtbarkeitsraten zugrunde liegen. Wahrscheinlich ist, dass sich die Zahl der Menschen zwischen den beiden unteren Werten einpendelt – zwischen 2,3 und 9 Milliarden. © DIE ZEIT

In etwa 90 (von weltweit rund 200) Ländern bekommen Frauen heute im Schnitt 2,1 Kinder oder weniger. Darunter sind nicht nur alle europäischen Nationen, sondern auch demografische Schwergewichte wie China, Brasilien und Japan. Selbst in gut ausgebauten Sozialstaaten, wo es am einfachsten ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen (wie den Niederlanden, Frankreich oder Skandinavien), bekommen die Menschen durchschnittlich nicht mehr als zwei Kinder. Insgesamt liegt die Geburtenrate aller entwickelten Staaten bei 1,6 Kindern je Frau – also deutlich unter dem Ersatzniveau.

Über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt bereits in Ländern, in denen die Geburtenrate nicht mehr bestandserhaltend ist. In einigen Staaten sind die Nachkommenszahlen so niedrig, dass damit im wörtlichen Sinne kein Staat mehr zu machen ist: Japan, Südkorea, Deutschland, Portugal und Italien, die Ukraine, Rumänien, Serbien, Polen und Ungarn vermelden Fertilitätsraten zwischen 1,2 und 1,4 Kindern pro Frau. Jede Nachwuchsgeneration ist dort mindestens um ein Drittel kleiner als die ihrer Eltern. Fast überall in Europa bekommen die Menschen heute etwa ein Kind weniger als ihre Eltern und zwei weniger als ihre Großeltern. In Schwellen- und Entwicklungsländern haben Frauen sogar zwei bis drei Kinder weniger als in der Generation zuvor. In Brasilien ist die Zahl der Kinder je Frau in den vergangenen 30 Jahren von 4,3 auf 1,9 gesunken. In Bangladesch von 6,6 auf 2,3. In der Türkei von 4,2 auf 2,0. In Extremfällen wie dem Iran sogar von 7 auf 1,8.

Thorfinn Sangala, der auf die achtzig zugeht, ist ein typischer Altgrönländer. Seine Urururururgroßeltern, Shreemoti Dalit aus Bangladesch und Yasan Qahtan aus dem Jemen, waren 2071 auf Grönland gestrandet. Damals hatte die Regierung ein Flüchtlingskontingent von 6.000 Personen zur Besiedlung der weitgehend menschenleeren Insel aufgenommen. Ein Zyklon hatte weite Küstenteile Bangladeschs in den Golf von Bengalen gerissen und Millionen obdachlos gemacht. Im Jemen tobte ein endloser Stammeskrieg um Wasserreserven. Shreemoti und Yasan hatten sich auf der Schiffsreise von Zypern nach Grönland kennengelernt. Wenig später hatten sie nach muslimischem Brauch geheiratet.

Die Zuwanderer sprachen schnell das einheimische Inuktitut-Kreol, eine abgeschliffene Form des alten Eskimo-Grönländisch mit bengalischen, arabischen, englischen, Haussa- und Suaheli-Einsprengseln. Sie kamen aus aller Welt, und sie brachten mit ihrer Sprache ein Stück alte Heimat mit.

Gleichberechtigung, Bildung, wirtschaftliche Unabhängigkeit – moderne Frauen wollen weniger Kinder

Für den gegenwärtigen Rückgang der Kinderzahlen in Bangladesch oder im Iran gelten die gleichen Erklärungen wie einst in den Industrienationen: Wo sich die Überlebenschancen von Kindern verbessern, können sich arme Menschen weniger Nachwuchs "erlauben", ohne ihre traditionelle Alterssicherung zu riskieren. Wo sich agrarische Lebensgemeinschaften zu Industrie- und Wissensgesellschaften transformieren, werden Kinder von einem Produktions- zu einem Kostenfaktor. Sobald die Staaten eine öffentlich finanzierte Alterssicherung aufbauen, geht ein weiterer Grund für (viele) eigene Kinder verloren. Da im Rahmen dieser sozioökonomischen Entwicklung die Einkommen steigen, verdrängt die "Konkurrenz der Genüsse" den Kinderwunsch gegenüber dem nach Konsumgütern. Und schließlich lösen sich die hierarchischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen auf: Wo immer Frauen Zugang zu Bildung erlangen, eröffnen sich ihnen andere Einkommensmöglichkeiten. Damit schwindet die Notwendigkeit, sich als Frau an einen männlichen Versorger zu binden, was traditionell am nachhaltigsten mit vielen Kindern gelang. Bildung, insbesondere für Frauen, gilt unter Demografen als das wirkungsvollste Verhütungsmittel von allen. "Der Rückgang der Kinderzahlen", schreibt der Bevölkerungsforscher Timothy Dyson von der London School of Economics, "befreit Frauen von der Haushaltsdomäne, sodass sie immer mehr ein Leben wie Männer führen können. Und Männer kriegen keine Kinder."

Überall auf der Welt entwickeln sich die Gesellschaften nach dem gleichen Muster: Bildung, Wohlstand und mehr persönliche Freiheit führen dazu, dass die Menschen Kinder nicht mehr als Schicksalsfügung hinnehmen, sondern sie beginnen, ihre Familien zu "planen". Ab einem bestimmten Bildungsstand gehören zu solchen geplanten Familien im Schnitt weniger als zwei Kinder. Dann wird aus der Bevölkerungsexplosion eine Implosion.

Exponentielles Wachstum muss man sich wie den Zinseszins einer Bank vorstellen. Es beschleunigt sich dadurch, dass der prozentuale Zuwachs stets gleich bleibt, aber die Basis immer größer wird. Oder wie einen Seerosenteich: Verdoppelt sich die Zahl der Pflanzen in dem Gewässer täglich, bemerkt man lange Zeit nichts vom Wachstum. Irgendwann aber ist der Teich halb zugewachsen. Und dann dauert es nur noch einen einzigen weiteren Tag, und er ist komplett überwuchert.

2050 erreicht das Bevölkerungswachstum seinen Scheitelpunkt

In den rot gefärbten Regionen ist bis zum Jahr 2050 mit einer stark wachsenden Bevölkerung zu rechnen. In den hellroten Bereichen nimmt die Zahl der Einwohner nur noch leicht zu. In den blau markierten Staaten schrumpft die Zahl im Lauf der nächsten Jahrzehnte. © DIE ZEIT

Negatives exponentielles Wachstum funktioniert genauso, bloß umgekehrt: Aus einem anfänglich schleichenden Bevölkerungsrückgang wird ein sich selbst verstärkender Schrumpfungsprozess. Wo wenige Kinder geboren werden, wachsen nur wenige potenzielle Eltern heran. Diese wiederum bekommen genauso wenige Kinder wie ihre Eltern, und so setzt sich der Rückgang fort. Die Nachkommen müssten drei oder vier Kinder haben, um diesen Prozess aufzuhalten. Aber das ist in entwickelten Staaten höchst unwahrscheinlich. Ende der 1960er-Jahre bekamen die Frauen im globalen Mittel fünf Kinder. Heute sind es nur noch 2,5. Auch die Wachstumsrate der Menschheit hat sich seither von 2,1 auf unter 1,2 Prozent fast halbiert. Dies bedeutet noch nicht automatisch ein Ende der Bevölkerungszunahme: zum einen werden die Menschen älter, bleiben also länger Teil der Weltbevölkerung. Zum anderen geht das heutige "niedrige" Wachstum von einer Basis von 7,2 Milliarden Menschen aus und damit von mehr als doppelt so vielen Individuen wie in den 1960er-Jahren. Der große Dampfer Weltbevölkerung, der lange mit voller Fahrt unterwegs war, hat einen sehr, sehr langen Bremsweg. Bis er zum Stehen kommt, dürften noch ein paar Jahrzehnte ins Land gehen. Aber dass er es tun wird, gilt als sicher.

Die bekanntesten Schätzungen für die künftige Zahl der Menschen stammen von der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen. Sie beinhalten meist drei Varianten, um Entwicklungsoptionen aufzuzeichnen. In den jüngsten Schätzungen gehen die UN in ihrer mittleren Variante davon aus, dass sich 2050 etwa 9,6 Milliarden Menschen den Globus teilen – 2,4 Milliarden mehr als 2014. Irgendwann in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts dürfte das Bevölkerungswachstum ein Ende haben. Viele der heute existierenden Erdenbürger können also erleben, wie das Bevölkerungswachstum seinen Scheitelpunkt erreicht.

Weitergehende Prognosen über 2050 hinaus sind mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Dennoch haben die Vereinten Nationen vor einigen Jahren erstmals einen weiten Blick bis ins Jahr 2300 gewagt. Die Demografen nehmen dabei an, dass sich das Leben der Menschen immer weiter verlängert, sodass sie bis 2300 im weltweiten Mittel 96 Jahre alt werden. Und dass in allen Ländern nach und nach die Kinderzahlen zunächst unter das Ersatzniveau fallen, sich dann aber auf einen Wert von 2,05 Kindern pro Frau einpendeln (das wäre unter den dann noch besseren Lebensbedingungen das neue Ersatzniveau). Bei diesem mittleren Szenario würde die Zahl der Menschen zu Beginn des 22. Jahrhunderts auf einem Niveau von etwa neun Milliarden verharren.

Alternativ haben die UN-Forscher noch ein hohes und ein tiefes Szenario berechnet: Die hohe Variante geht davon aus, dass sich die Kinderzahlen nach 2100 in allen Ländern bei einem Wert von 2,35 je Frau (dem heutigen Wert von Argentinien) einspielen, die niedrige Variante geht von 1,85 aus (dem Wert von Dänemark). Im ersten Fall leben 2300 rund 36 Milliarden Menschen auf der Erde – also fünfmal so viele wie heute. Im zweiten Fall schrumpft die Weltbevölkerung bis 2300 auf 2,3 Milliarden – also auf nicht mal ein Drittel des heutigen Wertes. Danach würde sich die Menschheit bis 2550 nochmals halbieren und damit auf den Stand des Jahres 1850 fallen.

Anno 2297, sieben Generationen nach der Zuwanderung der ersten Neugrönländer, macht die Urbevölkerung aus Kalaallit-Nachfahren noch zwei Prozent der Einwohner aus. Auch sonst hat sich Grönland verändert – die Insel ist Grünland geworden. Während die globale Mitteltemperatur seit der Jahrtausendwende um 4,6 Grad angestiegen ist, hat Grönland eine Erwärmung um über 9 Grad hinter sich. Die Insel hat zwei Drittel ihres Eispanzers aus dem 20. Jahrhundert verloren – knapp zwei Millionen Kubikkilometer. Die Pegelstände der Weltmeere sind um viereinhalb Meter gestiegen. Für Grönlands Küstenstädte ist das kein Problem, denn trotz höherer Meeresspiegel entfernen sie sich immer weiter vom Strand. Grönland gilt als "Aufsteigerinsel", weil die drückenden Gletscherlasten immer geringer werden und sich die befreite Landmasse langsam aus dem Nordatlantik hebt. Geologen sagen voraus, dass dieser Prozess noch Jahrhunderte andauern wird.

Auch andernorts hat der Klimawandel das Gesicht des Planeten stark verändert. Weder die Malediven noch Sylt erleben das Jahr 2297. Auch viele der küstennahen Megastädte des 20. Jahrhunderts waren nicht zu halten; Shanghai, Tokio, New York, London verloren Stadtteil um Stadtteil. Am stärksten betroffen waren jene Städte, die im chinesischen Wirtschaftswunder der Jahrtausendwende am Chinesischen Meer aus dem Boden schossen.

Dennoch haben die Erdenbewohner von 2297 kaum noch Probleme mit dem Klimawandel. Das liegt daran, dass es nur knapp vier Milliarden von ihnen gibt. Nicht nur in Europa, überall waren im 21. Jahrhundert die Kinderzahlen gesunken, sodass die Weltbevölkerung das Wachstum einstellte. Die Vereinten Nationen hatten am 9. Oktober 2083 den neugeborenen Yousouf Arabagh aus Kano, einem nördlichen Teilstaat des früheren Nigerias, symbolisch zum Erdenbürger Nummer 9 173 391 677 erklärt – und damit zum letzten Kind, das zum globalen Bevölkerungswachstum beiträgt.

36 oder 9 oder 2,3 Milliarden – welches Szenario ist wahrscheinlich?

Die obere Variante der UN-Forscher ist auszuschließen. Diese Zahl lässt sich weder mit vorhandenen noch mit denkbaren künftigen Mitteln ernähren. Auf dem Weg in Richtung 36 Milliarden würden ökologische Krisen und politische Unruhen die Zahl der Menschen definitiv dezimieren. Auch die mittlere Variante bedeutet, dass sich die Völker der überwiegend in der Sahara gelegenen Staaten Tschad, Mali und Niger bis 2100 verdreifachten, vervierfachten respektive versechsfachten. Auch das ist angesichts der agrarischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten dieser Länder kaum vorstellbar. Wahrscheinlicher ist, dass die Menschen verhungern, sich gegenseitig umbringen, flüchten oder sich aus anderen Gründen weniger stark vermehren.

Es spricht also einiges für die niedrige Variante. Denn schon heute liegen die Fertilitätsraten in einem guten Teil der Welt, in Ostasien, Russland oder Europa, deutlich unter 1,85. Ob sich die Menschheit derart reduziert, hängt davon ab, ob die Geburtenraten in den weit entwickelten Ländern dauerhaft unter dem Ersatzniveau bleiben und ob sie in den heute armen und kinderreichen Ländern unter das Ersatzniveau sinken.

Bis jetzt spricht nichts dafür, dass die Kinderzahlen in den entwickelten Staaten wieder über einen Wert von 2,1 steigen. Viele Regierungen versuchen zwar, der Kindermüdigkeit mit Babyprämien oder Steuererleichterungen für Familien entgegenzuwirken. Sie bauen die Kinderbetreuung aus oder rufen in flammenden Appellen zur Erfüllung vaterländischer Pflichten auf. Aber nirgendwo haben sie damit die Raten wieder über das Ersatzniveau katapultiert. In Deutschland etwa liegen sie ungeachtet aller familienpolitischen Anstrengungen seit vierzig Jahren, wie in Zement gegossen, bei etwa 1,4.

Auf der anderen Seite steigen in den Schwellenländern immer mehr Menschen in die Mittelschicht auf. Sie kaufen sich Kühlschränke, Fernsehgeräte oder Autos schon bei einem weitaus geringeren Einkommen, als es seinerzeit die Menschen der Industrieländer getan haben. Diese Bedürfnisse führen auch dazu, dass Frauen und Männer einer bezahlten Arbeit nachgehen, um das für den Konsum notwendige Geld zu erwirtschaften. Hinzu kommen hohe Kosten für Kinder, insbesondere für deren Ausbildung. Fertig ist das Paket für eine rapide sinkende Fruchtbarkeitsrate.

Weil solcher Fortschritt auch vor Ländern, in denen das patriarchalische Familienbild dominiert, nicht haltmacht, werden diese sich nach dem sogenannten "Mittelmeer-Modell" entwickeln. Das ist die Theorie des australischen Demografen John Caldwell: Herrschen traditionelle Geschlechtervorstellungen, führt steigender Bildungsstand von Frauen zu extrem niedrigen Kinderzahlen. Gebildete Frauen bekommen dann lieber gar keine Kinder, als sich einem Modell zu fügen, bei dem sie schlecht wegkommen. Dies zeigen die Beispiele Spanien, Iran, Italien, Griechenland, Südkorea oder Japan.

Selbst China wird es kaum schaffen, mit der Lockerung der Einkindpolitik den längst eingeleiteten Schrumpfungsprozess aufzuhalten. Auch dort steigt das Bildungsniveau von Frauen deutlich an. Hochschulabsolventinnen bekamen nach den Daten des letzten chinesischen Zensus bloß 0,4 Kinder. Gleichzeitig steigen die Scheidungsraten, weil sich die Chinesinnen ungestört ihrer beruflichen Karriere widmen wollen. Zudem drängt die Regierung auf eine weitere Urbanisierung, die im Jahre 2030 bereits 70 Prozent erreichen soll.

In den hochverdichteten Stadtungeheuern, in denen Millionen auf engstem Raum in einem Meer aus Beton leben, bekommen die Chinesinnen schon heute sogar weniger Kinder, als sie nach der offiziellen Politik dürften. Selbst gering qualifizierte Wanderarbeiter, die aus ländlichen Gebieten nach Shanghai kommen, geben in Umfragen an, dass sie sich nur wenige Kinder wünschen: im Durchschnitt nicht mehr als 1,3 bis 1,4 Kinder. Der Wiener Demograf Wolfgang Lutz glaubt deshalb, dass sich in den ostasiatischen Ländern China, Taiwan, Südkorea und Japan langfristig eine "ultraniedrige" Geburtenrate einstellt, die noch unter jener Europas liegt. Schon für 2200 kann er sich eine Weltbevölkerung von vier Milliarden vorstellen. Langfristig könnte diese weiter schrumpfen – auf nur noch 1,5 Milliarden.

Thorfinn und Smilla haben das Weingut ihrer Eltern übernommen, die sich mit 90 aus dem Geschäft zurückgezogen hatten. Grönland ernährt sich nicht nur selbst, sondern ist eines der letzten Gebiete, in dem sich noch Eiswein ("snöviinni") produzieren lässt, weil in den klaren Winternächten die Temperaturen noch häufig unter den Gefrierpunkt fallen. Die Weinbauern pflanzen vor allem die Sorten Sémillon und Merlot, die mit Genen für die Produktion des Krebs und Alzheimer verhindernden Inhaltsstoffs Resveratrol angereichert sind. Grönländische Weine mit ihren eingekreuzten Wirkstoffen haben fast den Rang einer Medizin erlangt. Die Reben wachsen bestens auf den lehm- und sandhaltigen Schotterflächen, die der schmelzende Gletscher freigelegt hat. So arbeiten die Grönland-Winzer heute unter ähnlichen Bedingungen wie vier Jahrtausende zuvor die Römer und später die Franzosen, die im Médoc ihre Bordeaux-Weine pflanzten. Doch an den Ufern der Gironde ist die Rebenzucht schon im Jahr 2135 zum Erliegen gekommen. Der steigende Meeresspiegel hatte zuerst die Böden mit Salzwasser infiltriert und später das linke Flussufer bis zur Atlantikküste fortgeschwemmt.

Weniger Menschen verbrauchen weniger Ressourcen. Endet die ökologische Krise?

Demografen wie Wolfgang Lutz rechnen damit, dass im 21. Jahrhundert immer größere Weltregionen mit dem demografischen Schrumpfungsprozess beginnen. Aber bedeuten weniger Menschen auch weniger ökologische Schäden? Führt die Rückwärtsentwicklung zur Auflösung aller Wachstums-, Ressourcen- und Umweltprobleme?

Immerhin zeigt sich, dass in ausgereiften Volkswirtschaften, die nicht mehr an Bevölkerung hinzugewinnen, das Wirtschaftswachstum nur noch sehr kleine Hüpfer macht. Um dort den materiellen Wohlstand noch weiter zu mehren, müsste die Produktivität, der Motor des Wirtschaftswachstums, in Zukunft schneller steigen, als der Arbeitseinsatz zurückgeht. Aber das Gegenteil ist der Fall – die Produktivität steigt langsamer. Entsprechend wächst auch die Wirtschaft in solchen Ländern immer langsamer, im Zehnjahresmittel nur noch um maximal ein Prozent. In Deutschland etwa beträgt der Zuwachs heute nur noch ungefähr ein Drittel des Wertes der Phase zwischen 1970 und 2000. Und warum sollte sich dieser Trend umkehren, wenn bald schon die Babyboomer ins Rentenalter wechseln und sich einige Jahre später das Schrumpfen beschleunigt?

Ganz anders sieht es in vielen Entwicklungsländern aus. Sie befinden sich in einer Phase des Aufschwungs mit viel Nachholbedarf. Sie haben die Chance auf eine "demografische Dividende": Wenn dort die Kinderzahlen merklich sinken, wächst die Bevölkerung im Erwerbsalter anteilsmäßig schneller als die Gesamtbevölkerung. Die Menschen werden allein deshalb reicher, weil weniger Kinder nachrücken. Gelingt es in dieser Phase, die vielen jungen Menschen auch mit Jobs und wachsenden Qualifikationen auszustatten, ist ein Wirtschaftsboom gar nicht aufzuhalten. Die asiatischen Tigerstaaten haben diesen Prozess vorgemacht, später hat Lateinamerika nachgezogen, und jetzt folgen schon ökonomische Spätzünder wie Äthiopien, Bangladesch oder Laos.

Doch auf diesem Weg steigt mit dem Wohlstand unweigerlich auch der Energie- und Rohstoffverbrauch. Ohne Entwicklung gibt es keine sinkenden Geburtenraten, doch ohne Energie ist Entwicklung nicht vorstellbar. Und weil die armen Länder auf absehbare Zeit von fossilen Brennstoffen abhängig sind, dürften schon kleine Entwicklungsschritte die globalen Kohlendioxidemissionen deutlich steigen lassen. Hinzu kommt, dass mit dem sozialen Aufstieg auch die Einkommen und die Konsumwünsche steigen – und damit die negativen Begleiterscheinungen für die Umwelt.

Diese Folgen lassen sich im besten Fall abmildern, aber nicht komplett vermeiden. Sie sind der Preis für ein Ende des globalen Bevölkerungswachstums und deshalb ohne Alternative. Der Weg ins Paradies der Nachhaltigkeit wird deshalb mit Sicherheit durch eine Reihe von ökologischen und demografischen Krisen führen. Und die wird vor allem Afrika zu spüren bekommen, jener Kontinent, in dem das Bevölkerungswachstum am längsten anhalten wird. Stellt Afrika heute mit 1,1 Milliarden Menschen 15 Prozent der Weltbevölkerung, so könnten es – den gängigen Prognosen zufolge – zum Ende des gegenwärtigen Jahrhunderts mehr als 4,2 Milliarden respektive 39 Prozent sein. Afrikas Regierungen müssten deutlich mehr in Bildung und Arbeitsplätze investieren, wollten auch sie von der demografischen Dividende profitieren. Tun sie dies nicht, riskieren sie eine Katastrophe. Länder wie Niger, Mali, Nigeria oder Uganda sind schon auf dem Weg ins Desaster.

Ausgerechnet Äthiopien, das siebtärmste Land der Welt, das auf dem UN-Index für menschliche Entwicklung Platz 173 von 186 möglichen Plätzen belegt, könnte indes die Kurve kriegen. In Äthiopien tut sich Erstaunliches: Die Regierung unterstützt Programme zur Familienplanung und zur Schulbildung von Mädchen. Sie hat den Gesundheitssektor ausgebaut, Krankenschwestern und Hebammen ausgebildet. Obwohl das Land kaum über Rohstoffe verfügt, wächst die Wirtschaft seit 2005 im Schnitt um acht Prozent im Jahr. Trotz der Armut hat sich die Kindersterblichkeit seit den 1980er Jahren halbiert. Die Kinderzahl je Frau ist zwar landesweit noch immer hoch, aber trotzdem in nur zwanzig Jahren von 7 auf 4,8 gesunken. In der Hauptstadt Addis Abeba hat sie bereits das Ersatzniveau unterschritten und liegt bei 1,5 – so niedrig wie in der Schweiz.

Die ideale Welt: ein Paradies der Nachhaltigkeit

Die weniger als vier Milliarden Erdenbürger am Ende des 23. Jahrhunderts siedeln dort, wo es sich gut leben lässt. Sie sind gut ausgebildet und können sich einigermaßen an die von ihren Vorfahren angerichteten Umweltveränderungen anpassen oder ihnen ausweichen. Sie sind auch um einiges älter als diese und schon deshalb friedlicher und konservativer. Kriege zu führen erscheint ihnen absurd, weil in jedem Einzelnen ein erhebliches Humanvermögen steckt. Selbst die computergeführten Kriege des späten 21. Jahrhunderts hatten ihren Reiz verloren, als klar wurde, dass die Inbesitznahme von Land und Ressourcen in einer Wirtschaft, die sich immer weiter entmaterialisiert, keinen Sinn mehr ergab.

Längst haben die Menschen das Wachstum als Ziel ihres Wirtschaftens aufgegeben. Sie verbrauchen weniger Ressourcen, als in den natürlichen Kreisläufen entstehen. Sie leben in einem globalen Ökosystem, das mehr Kohlendioxid absorbiert, als seine Bewohner produzieren. Sie lassen zu, dass viele der erodierten und vergifteten Flächen der Landwirtschaft und Industriekultur sich zu Sekundärbiotopen entwickeln – zu Spielwiesen der Evolution, auf denen neue Arten zum Leben erwachen. Die Menschen sind, nach langen, krisenhaften Phasen, in einem Paradies der Nachhaltigkeit angekommen.

Demografie - Warum die Weltbevölkerung noch in diesem Jahrhundert zu schrumpfen beginnt Das starke Anwachsen der Weltbevölkerung könnte ausbleiben. In der ZEIT erläutert Forscher Reiner Klingholz, wie die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2300 auf die Hälfte von heute, rund 4 Milliarden Menschen, sinken könnte.

Nicht aus freien Stücken: Die Umwelt diktiert die Regeln

Der Weg in die "heile Welt", die Grönland und andere Weltregionen einmal erleben könnten, folgt keinem menschlichen Masterplan. Das Ende des Bevölkerungswachstums wird die Folge von Veränderungen innerhalb der Gesellschaft sein. Das Erlahmen des Wirtschaftswachstums ist wiederum eine Folge. Es verdeutlicht außerdem die Tatsache, dass sich die ökologischen Rahmenbedingungen für ein anhaltendes Wachstum verschlechtern. Es ist also eine Art von Automatismus, was uns das Ende allen Wachstums beschert. Weder Umweltbewusstsein noch Verantwortungsgefühl für kommende Generationen führen uns in diese Richtung. Es ist nicht der Homo sapiens, der am Steuer sitzt, sondern die Umwelt. Denn wir werden uns kaum aus freien Stücken dafür entscheiden, dem Wachstum Grenzen zu setzen.

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