Sie hat tatsächlich alle Umzüge überstanden. In der hintersten Ecke der untersten Schublade. Meine Thomas-Bernhard-Andenken-Schatulle. Anfang der neunziger Jahre hatte ich mit einer Pinzette aus ungefähr dreißig Bernhard-Büchern (Bernhard und Handke ja! Alle anderen nein!) meine Lieblingsprägungen vorsichtig herausgelöst und sie in ebendiese Schatulle gebettet, um sie jederzeit bewundern zu können. Später hatte ich nicht mehr so häufig hineinsehen wollen und sie in die hinterste Ecke verbannt und irgendwann schließlich vergessen. Und jetzt steht sie wieder auf dem Schreibtisch, geöffnet und offenbar vollständig. Wahnsinn! Alle Bernhard-Edelprägungen sind noch da, etwas matt und ohne Glanz inzwischen, aber sonst gut erhalten. Den meisten ist nicht einmal das Ausrufezeichen abgebrochen. Ein Skandal! Kleinbürgerliche Popanze! Tauben immer gehaßt! Und hier: Naturgemäß. Gewissermaßen. Einerseits. Andererseits. Und: Ein Gedankenscheitern! Fortwährend in die entgegengesetzte Richtung! Mit Daumen und Zeigefinger ziehe ich meinen absoluten Liebling unter dem Ohrensessel hervor und halte ihn gerührt ins Licht: Utzbach! Utzbach wie Butzbach!

Ach.

Erinnert sich noch jemand? An die Zeit, als das Wörtchen bernhardesk fast so gebräuchlich wie kafkaesk war und junge Männer tatsächlich glaubten, sie könnten Frauen verführen, indem sie ihnen aus Bernhards Auslöschung vorlasen, wie es Alexa Hennig von Lange mal amüsiert beschrieb.

Thomas Bernhard starb am 12. Februar 1989 in Gmunden, Oberösterreich. Aber das stimmt natürlich nicht. Bernhard starb, aber das war noch lange nicht sein Tod. Im Gegenteil. Da ging es mit der Bernhard-Manie noch einmal richtig los. Bernhard hat ja seit den sechziger Jahren nicht nur ungefähr jedes Jahr ein Buch veröffentlicht oder ein Stück geschrieben und/oder einen Skandal provoziert. Bernhard hat dabei auch unendlich viele Autoren beeinflusst, wahrscheinlich so viele wie sonst keiner, und das natürlich schon zu Lebzeiten. Österreicher wie Josef Winkler oder Norbert Gstrein und eine oder zwei ganze Autorengenerationen der österreichischen Zeitschrift Wespennetz. Aber auch Nichtösterreicher, wie zum Beispiel Gert Hofmann und den unvergessenen Hermann Burger, der sich zwei Wochen nach Bernhards Tod das Leben nahm und stark von Bernhards mäanderndem Schreiben geprägt war, ohne ihn je imitiert zu haben. Aber genau das Bernhard-Imitieren wurde um 1990 regelrecht Mode. Und wer damals mit dem Schreiben begann, kam um Bernhard als "Prosalehrer", wie Burger ihn tatsächlich nannte, kaum herum.

Für Jungdichter war Bernhard ein Segen, vor allem, wenn man schreiben wollte, aber noch keine Ahnung hatte, worüber. Als Erstes einmal passte Bernhards Grundsetting wunderbar zum Lebensgefühl eines Zwanzigjährigen. Ein Ich (ohnmächtig und größenwahnsinnig) wütet gegen die (nationalsozialistische, korrupte, dummkatholische, also durch und durch falsche) Welt. Das noch wesentlich Faszinierendere war: In Bernhard-Büchern stand sonst kaum was drin. Es gab nicht das, was wir unter Handlung verstehen, keine atmosphärischen Beschreibungen, null realistischen Budenzauber. Die Erregung selbst war ihr Gegenstand! Vor allem die späten Prosawerke Bernhards bestehen, wie der Literaturwissenschaftler Uwe Betz einmal treffend schrieb, nur noch aus einem "erzählerischen Gerüst", zusammengehalten von einem reduzierten "Minimal-Vokabular". Schreiben ohne Stoff, das ging also doch. Bernhard löste das verdammte Form-Inhalt-Problem. Er lieferte eine fix und fertige Schreibweise, die zur Nachahmung geradezu einlud. Man setzte sich hinein und sauste mit ihr wie in einem Bob die Seiten hinunter. Man erfand einfach einen Aufgewühlten, der monologisierend durch die Stadt lief, dann lief der Aufgewühlte monologisierend in die entgegengesetzte Richtung – fertig war der Roman.

Ich bin dem Dichter Werner Söllner noch heute dafür dankbar, dass er mit einem einzigen Satz meine glühende Bernhard-Phase abrupt beendete. Während eines Jungdichtertreffens in einem hessischen Kurhotel (nicht weit von Butzbach entfernt!) sagte er nach meiner Lesung nur: "Hier sitzt Thomas Bernhard." Ich schrieb nie wieder naturgemäß, zumindest in keinen literarischen Text.

Bernhard ist ein Fluch. Sein Ton kriecht in dich hinein, setzt sich fest wie ein Virus. "Ein Teufel hat sich in meinen Schiffsbauch eingeschlichen: T.B. Ich habe aufgehört, ihn zu lesen, um die Vergiftung aufzuhalten", schrieb der Franzose Hervé Guibert 1991 in Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat, und man kann die Arbeit dieses Virus bei einigen deutschsprachigen Autoren gut verfolgen. Steffen Kopetzky wurde ihn nach Einbruch und Wahn (1998) schnell wieder los, Birgit Vanderbeke schrieb nach dem Erfolg ihres Debüts Das Muschelessen (1990) munter mit ihm weiter. Andreas Maier, dessen erste Bücher Bernhard fast alles verdanken, musste erst eine Teufelsaustreibung an sich selbst vornehmen, indem er eine Doktorarbeit schrieb, die kaum ein gutes Haar an Bernhard ließ. Nur Ernst-Wilhelm Händler blieb ungerührt. In Fall (1997) lässt er Figuren aus Auslöschung, unter anderem den berühmten Gambetti, auftreten, ohne dass dies zu stilistischen Abfärbungen geführt hätte.