Mike Mohring (CDU) und Anja Siegesmund (Grüne) kennen sich, duzen sich – können sich aber auch befehden.

Die beiden treffen sich, acht Monate vor der Landtagswahl, auf neutralem Boden – im Café Nüsslein an Erfurts Krämerbrücke: Mike Mohring, Chef der Thüringer CDU-Fraktion und Schwarz-Grün-Fan, und Anja Siegesmund, die die Grünen im Landtag anführt. Wird dieses Duo von September an eine Regierung bilden? Siegesmund, 37, ist skeptisch. Lange hat sie überlegt, ob sie sich auf das Doppelinterview einlassen soll. Mohring, 42, will sie für sich gewinnen. Das wird man spüren, das gesamte Gespräch über: wie er den Arm auf ihre Stuhllehne legt. Als Gentleman auftritt. Ihr ist das nicht geheuer. Vor dem Interview haben beide verabredet, sich hier zu duzen. Wie sonst auch

DIE ZEIT: Frau Siegesmund, seit Monaten stellt Mike Mohring den Grünen nach. Ist da schon der Tatbestand der politischen Belästigung erfüllt?

Anja Siegesmund: Ich sehe, dass er und seine Partei die eine oder andere Lockerungsübung veranstalten. Das begann, als CDU und Grüne nach der Bundestagswahl Sondierungsgespräche geführt haben. Und setzte sich in Hessen fort.

ZEIT: Wo CDU und Grüne jetzt regieren.

Siegesmund: Ausgerechnet! Obwohl Schwarze und Grüne sich früher nirgendwo mehr gezofft haben als dort. Aber es ist eine Zweckehe. Manchmal müssen wir Grünen solche Bündnisse eingehen, damit Politik wenigstens etwas nachhaltiger und ökologischer wird. Das finde ich spannend.

Mike Mohring: Geht doch!

ZEIT: Herr Mohring, dessen Partei in Thüringen immerhin mit der SPD regiert, profiliert sich bundesweit als Freund von Schwarz-Grün. Im September ist Landtagswahl in Thüringen. Also, fühlen Sie sich umworben, Frau Siegesmund?

Mohring: Wenn du jetzt Nein sagst, Anja, war alles umsonst!

Siegesmund: Ich nehme wahr, dass die CDU auch mal einen Blick auf die Grünen wirft. Auch dass Mike Mohring das tut. Aber ihr macht das auch, Mike, weil ihr euch um eure eigene Zukunft sorgt. Es geht der CDU vor allem um ihre Regierungsmehrheit. Schon die Tatsache, dass wir uns mal auf Twitter austauschen, beunruhigt ja manche.

Mohring: Neulich twitterte Anja: Noch acht Monate bis zur Wahl – noch acht Monate Stillstand. Ich antwortete: Nee, Anja, noch acht Monate bis Schwarz-Grün!

ZEIT: In einem Film würde an dieser Stelle ein Geiger den Raum betreten ...

Mohring: ... und der Rosenverkäufer! (lacht)

Siegesmund: Moment! So weit sind wir nicht. Im Film winken 99 Prozent der Leute dem Rosenverkäufer ab. Im Ernst, es wird interessant im Herbst.

ZEIT: Herr Mohring, wie aufrichtig ist Ihr Interesse an den Grünen?

Mohring: Mein Interesse an Schwarz-Grün ist sehr ehrlich. Das kann ich Ihnen schon anhand meiner Biografie beweisen. Politisch aktiv wurde ich im Herbst 89 im Neuen Forum. Viele von uns dort landeten später bei den Grünen. 1990, bei der ersten Landtagswahl, hatten wir mit Bündnis 90 und Demokratie Jetzt eine gemeinsame Listenverbindung. Wir bekamen 6,5 Prozent. Nie haben die Grünen in Thüringen mehr Stimmen geholt. Und wer war damals der Wahlkampfkoordinator?

ZEIT: Sie?

Mohring: Ja.

ZEIT: Sie sind ein verkappter Grüner?

Siegesmund: Nee, das ist er ganz bestimmt nicht!

Mohring: Ich fühle eine gewisse Nähe, kenne viele Bürgerrechtler. Erst 1993 kam ich zur CDU. Ich trage Schwarz-Grün schon lange in mir. Ich will in meiner Partei ein Fundament dafür bauen. Man geht nicht zweimal Kaffee trinken, umarmt sich, schließt den Koalitionsvertrag. Es muss eine persönliche Basis geben.

ZEIT: Was sind Ihre grünen Werte, Herr Mohring?

Mohring: Das christliche Menschenbild eint uns. Wir bewahren die Schöpfung, wollen Politik nachhaltig gestalten. Sehr grün, oder?

ZEIT: Frau Siegesmund, Sie blicken skeptisch.

Siegesmund: Mike Mohrings persönliche Herleitung aus der Wendezeit finde ich durchaus beeindruckend. Man darf nur nicht vergessen, dass uns bei vielen meiner Herzensthemen Welten trennen.

ZEIT: Zum Beispiel?

Siegesmund: Herr Mohring steht ja für eine solide, seriöse Finanzpolitik ...

Mohring: ... klingt doch gut!

Siegesmund: Moment, das ist nur der schöne Schein. Wir Grünen sind 2009 nach 15 Jahren erstmals wieder in den Landtag eingezogen. Und was fanden wir vor?

Mohring: Mich.

Siegesmund: (lacht) Im Ernst: Ihr habt 16 Milliarden Euro Schulden angehäuft. Generationengerechtigkeit geht anders.

Mohring: Inzwischen sparen wir. Wir haben seit Jahren ausgeglichene Haushalte. Bald können wir jährlich nur noch 7,5 Milliarden Euro ausgeben. Auf der neu zu wählenden Regierung wird deswegen eine Riesenlast liegen.

Siegesmund: Zustimmung. Aber zurzeit gibt Thüringen noch neun Milliarden aus. Die CDU hat keinen Plan, wie sie anderthalb Milliarden sparen soll. Wir liegen über Kreuz in der Frage: Wofür Geld ausgeben? Die Grünen würden gern Landkreise, Gemeinden zusammenlegen – Herr Mohring weigert sich. Und ihr habt die Schuldenbremse nicht in der Verfassung verankert!

Mohring: Wollten wir.

Siegesmund: Ihr habt die Schuldenbremse als Gesetz fixiert, nicht in die Verfassung geschrieben!

Mohring: Wollte ich aber! Wäre es nach uns gegangen. Aber es gab im Landtag keine verfassungsändernde Mehrheit, wegen Linken und SPD. Immerhin haben wir die Schuldenbremse zum Gesetz gemacht. Klar locken FDP und Grüne damit, sie in die Verfassung zu schreiben. Aber jetzt, in der Regierung mit der SPD, zwingt uns die Koalitionsdisziplin, nicht zuzustimmen. Wir können das gern für unsere Koalition verabreden, Anja!