An der Straße, die zum Berliner Tempodrom führt, gibt es Verwirrung. Gleich soll hier der türkische Premierminister Tayyip Erdoğan vor etwa 3.000 Deutschtürken auftreten. Ein junger Mann will wissen, auf welcher Straßenseite er stehen soll. "Bruder", spricht er einen älteren Mann auf Türkisch an. "Ist diese Straßenseite die Erdoğan-Seite?" Scheint so, denn hier laufen einige mit türkischen, einige mit deutschen Fahnen herum. Einige rufen auch "Allahü akber". Auf der gegenüberliegenden Seite sieht’s mau aus. Drei, vier junge Frauen protestieren, eine trägt ein Konterfei von Che Guevara, eine andere hält ein Blatt Papier in die Luft. Darauf steht "Çapulcu". Plünderer. So hatte der Premier die Demonstranten vom Gezi-Park genannt.

Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdoğan bei einem Deutschlandbesuch vor Tausenden "Landsleuten" in einer Arena: Das ist ein Déjà-vu-Erlebnis. 2011, 2010 und 2008 sprach er schon auf deutschem Boden, vor mehr als 10.000 Menschen in Köln, in der ganzen Stadt hingen wochenlang Plakate mit seinem Foto, er war nicht zu übersehen. Das Motto diesmal: "Berlin trifft den Meister." Dieses Jahr können die Türken zum ersten Mal ihren Präsidenten direkt wählen, und das auch im Ausland. In Deutschland locken 1,5 Millionen Wahlberechtigte, da lohnt sich die Reise für Tayyip Erdoğan Superstar.

2010 mahnte er: "Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit." 2011 warnte er vor einer Islamphobie in Deutschland. Bei vielen Deutschtürken konnte er damit punkten. Er stand für sie ein und stellte sich vor sie, ob sie das nun wollten oder nicht. Er fand einen Ton, den Deutschtürken von hiesigen Politikern nicht gewohnt waren. Thilo Sarrazins Sätze über Türken, Araber und "Kopftuchmädchen" trieben ihm Anhänger zu. Viele bewunderten ihn: Der erste islamisch-konservative Premierminister des Landes, ein Aufsteiger aus dem Istanbuler Arbeiterviertel Kasimpaşa, der es den alten Eliten gezeigt hatte: Ein Sohn Anatoliens hatte es bis an die Spitze des Staates geschafft. Er hatte auch viele liberale Intellektuelle begeistert – endlich einer, der Demokratie, Reformen und Minderheitenrechte versprach und die putschenden Generäle in die Kasernen zurückbeförderte. Einer von den Frommen zwar, den allerdings die Wirtschaft mehr zu interessieren schien als die Scharia.

Bei seinem letzten Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel 2010 in Ankara begegneten sich zwei Politiker auf Augenhöhe. Der türkische Premier trat selbstbewusst auf, in dem Wissen: Im Gegensatz zu ihr habe ich eine absolute Mehrheit. In seinem Land lief es gut.

Er ist jetzt ein anderer geworden. Da waren die Gezi-Proteste im vergangenen Jahr. Erstmals sagte ihm ein Teil der Bevölkerung: Wir sind nicht damit einverstanden, was du mit dem Land machst. Mitte Dezember erschütterten ihn die Korruptionsvorwürfe gegen die Söhne einiger seiner Minister. Und jetzt verliert auch noch die türkische Lira an Wert. Er ist noch nicht angezählt, aber geschwächt.

Und auch das Deutschland, das er nun besucht, ist ein anderes Land geworden. Zwar spricht die Bundeskanzlerin heute nicht einmal mehr von "privilegierter Partnerschaft", wenn es um die EU-Mitgliedschaft der Türkei geht. Sie sagt nur noch, schmallippig, dass die Beitrittsverhandlungen "ergebnisoffen" geführt werden. Dafür hat sie im Prinzip die doppelte Staatsbürgerschaft akzeptiert und die erste türkischstämmige Staatsministerin mit ins Kanzleramt gehoben. Und die schrillen Debatten um Integration und Loyalität von Migranten haben sich gelegt: Konflikte um Kopftücher oder Moscheebauten wirken mittlerweile veraltet. Also warum sollte sich ein türkischer Premier in Deutschland noch für "seine" Leute verkämpfen?

So ist denn auch der Erdoğan, der morgens einen Vortrag in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik hält, ein sehr zurückhaltender Mann, der sich sogar für kritische Fragen bedankt – Gezi-Proteste, Korruptionsaffäre, Pressefreiheit. Fast demütig bittet er um Unterstützung für den EU-Beitritt seines Landes. Er sagt zwar das, was er in den letzten Monaten immer gesagt hat: Es gebe da Gruppierungen, die den türkischen Staat unterwanderten, innere und äußere Feinde. Aber die Worte wollen nicht so recht mit dem sanften, staatsmännischen Auftritt zusammenpassen. Allein als er fordert, dass der Westen nicht länger die Augen vor dem Mord am syrischen Volk verschließen solle, scheint er für einen Moment der Alte zu sein.

Zehn Stunden später erwarten ihn die Deutschtürken im Tempodrom. Der Saal ist voll. Die Menschen jubeln, sie können es kaum abwarten, dass Erdoğan auf die Bühne kommt. Der Saal ruft: "Steh aufrecht, beuge dich nicht! Dieses Volk steht hinter dir!", immer wieder rufen sie seinen Namen. Er schreitet auf die Bühne, slow motion, er wirkt abgekämpft, er ist blass. Seine Frau schlendert an seiner Seite, sie winken den Zuschauern zu. Erdoğan beginnt zu sprechen, ganz langsam. Als Erstes dankt er der Bundeskanzlerin für ihre Gastfreundschaft, dann richtet er Grüße von Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier aus. Er beschwört die Liebe und Einigkeit unter den Türken überall. Er sagt, die Türkei gehe sicher und stabil in die Zukunft. Er fordert die Masse auf, stolz auf ihre Arbeit in Deutschland, ihre Fahne und ihre Nation zu sein. Die Menschen sind euphorischer als er. Sie rufen seinen Namen, wieder und wieder. Er verstummt. Dann verlässt er sein Pult und wird lauter.

"Wären wir so erfolgreich, wenn es bei uns Korruption gäbe?"

"Buhhhhhhh!" Er rattert Wirtschaftszahlen herunter. Jetzt wird es ohrenbetäubend.

"Wir sind ein Volk, das aus seiner Asche aufersteht!"

"Denen geht es nur um Lügen, nichts als Lügen!"

Der Meister ist wieder da.