DIE ZEIT: Herr Hengartner, Wissenschaftler klagen darüber, dass sie vor lauter Büroarbeit keine Zeit mehr für die Forschung hätten. Sie sind nun Rektor der Universität Zürich und müssen Ihr Labor ganz schließen. Wieso tun Sie sich das an?

Michael Hengartner:Why are we on this earth? Ich möchte die Welt in einem besseren Zustand verlassen, als ich sie angetroffen habe. Ich war fünf Jahre lang Dekan der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät. In dieser Zeit konnte ich mehr für gute Forschung und gute Ideen bewirken, als ich dies als Forscher je gekonnt hätte.

ZEIT: Sind Sie ein Idealist?

Hengartner: Ein pragmatischer Idealist. Sehen Sie, ich bin chronisch und in alle Richtungen neugierig. Als Forscher ist das eine Schwäche, da muss man sich immer mehr spezialisieren, um an der Spitze mittun zu können. Aber als Dekan oder jetzt als Rektor kommt mir dieser Charakterzug zugute. Ich darf mich für die spannende Arbeit von 541 Professoren interessieren.

ZEIT: Was braucht ein Uni-Rektor?

Hengartner: Sie müssen eine klare Vision haben, überzeugen können, belastbar, offen sein und über eine gewisse Extrovertiertheit verfügen – sowie das Business verstehen.

ZEIT: Ist ein Molekularbiologe dazu der richtige Mann? Brauchte es hier nicht einen richtigen Manager?

Hengartner: Eine Universität ist eine Expertenorganisation. Unser Job ist die Forschung und die Lehre. Wir versuchen nicht, wie dies eine Firma tut, unseren Gewinn zu maximieren. Wir müssen nicht auf Teufel komm raus unsere Kosten drücken. Unsere Produkte sind Absolventen und neues Wissen. Organisatorisch sind wir wie ein Verband von KMU. Jeder Professor hat seine eigenen Mitarbeiter, seine eigenen Entwicklungen, seine eigenen Produkte, er muss die eigenen selbst Gelder beschaffen. Diesen KMU-Patrons können Sie nichts diktieren, die müssen Sie überzeugen, und dafür brauchen Sie "cheibe" gute Argumente. Wenn deshalb eine Entscheidung zur Hochschulentwicklung ein Semester länger dauert, dann ist das halt so. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich auch ein "richtiger" Manager bin – um mich auf mein Amt als Dekan vorzubereiten, habe ich einen MBA abgeschlossen.

ZEIT: Die Langsamkeit wurde der Uni im Fall Mörgeli oder beim Sponsoringvertrag mit der UBS zum Verhängnis.

Hengartner: Das waren nicht akademische Prozesse – da müssen wir uns in der Tat verbessern. Wenn ein Buschfeuer ausbricht, und es wird auch in Zukunft bei uns wieder mal brennen, dann müssen wir es schnell löschen können. Wir brauchen einen professionellen Stab, der in Krisen handlungs- und entscheidungsfähig bleibt.

ZEIT: Nicht nur Professoren, auch Politiker wollen an der Uni mitreden. Stört Sie das?

Hengartner: Politiker schreiten ein, wenn sie eine Möglichkeit sehen, an der Uni politisch zu punkten. Da muss man etwas großzügig sein. Oder sie schreiten ein, wenn sie eklatante Mängel erkennen. An einer Universität, die gut läuft und klar geführt wird, wird die Politik viel weniger Interesse haben, Mikromanagement zu betreiben.

ZEIT: Naturwissenschaftler und Politiker denken aber völlig anders: Den einen geht es um das Rationale, den anderen um Macht und Einfluss.

Hengartner: Auch der wissenschaftliche Prozess ist ein menschlicher Prozess. Auch in den naturwissenschaftlichen Labors wird teilweise "Politik" gemacht: Wer wird an einen Kongress als Hauptredner eingeladen, wer nicht?

ZEIT: Sie waren bis vor Kurzem Schulpfleger, politische Vorgänge interessieren Sie also?

Hengartner: Wenn man ein pragmatischer Idealist ist, muss man innerhalb des Systems mitspielen. Sie können eine staatliche Universität nicht von der Politik abschotten, dann werden Sie den Karren an die Wand fahren.

ZEIT: Sie sagten "spielen". Sind Sie ein Gambler?

Hengartner: Auf keinen Fall, aber ich bin Experimentalwissenschaftler. Ich bin bereit, zu sagen: Okay, wir probieren es. Wenn der erste Wurf noch nicht optimal ist, dann machen wir später eine Version 1.1 und eine Version 1.2.