Meine Universität ist zur Fabrik geworden. Sie verschluckt jährlich Tausende Studierende, dreht sie durch standardisierte Mühlen, um sie dann auf den Arbeitsmarkt zu spucken. Das kann nur schiefgehen.

"Error 503." Nichts umschreibt den Notstand meiner Uni besser als diese Fehlermeldung. Hunderte Jus-Studenten der Uni Zürich sahen sie anfangs Januar auf ihren Bildschirmen, als sie dabei waren, ihre allererste Prüfung abzulegen. Während neunzig Minuten wurde ihr Wissen über die Vorlesung Einführung in die Rechtswissenschaft geprüft.

Wie die Studenten den Test lösen, ist den Professoren egal. Wichtig ist ihnen nur, dass sie für die Korrektur nicht mehr Zeit aufwenden müssen als unbedingt notwendig. Und so dachten sie sich etwas Neues aus: Die Studenten sollten die Prüfung zu Hause am Computer lösen. Das Resultat würden sie wenige Stunden später erhalten. Wer nicht besteht, hat innert Tagen einen nächsten Versuch. Die Studenten machten mit. Nicht aber die Server der Uni. Sie stürzten ab: "Error 503. Zugriff nicht möglich!"

Die missglückte Prüfung an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät zeigt drei große Probleme meiner Uni. Erstens: Sie ist überfüllt. In gewissen Vorlesungen stehen sich die Studenten selbst in den größten Hörsälen auf den Füßen rum. Prüfungen, bei denen die Studenten ihr Wissen tatsächlich anwenden müssen, sind unmöglich geworden. Stattdessen prüft man sie mit Multiple-Choice-Tests: das richtige Kreuz am richtigen Ort. Diese Klausuren lassen sich maschinell korrigieren und auswerten.

Zweitens: Meine Uni unterscheidet sich kaum von einer Schule. Mit Präsenzlisten wird kontrolliert, ob wirklich jeder Student brav auftaucht. Vorgefertigte Stundenpläne geben das Curriculum vor, und viele meiner Kommilitonen kümmern sich mehr um die Semesterendprüfungen als um den Inhalt der Vorlesungen. "Ist das prüfungsrelevant?" ist zu einer der wichtigsten Fragen geworden, die ein Student heutzutage seinem Professor stellt. Sagt er Nein, atmet man auf und streicht die entsprechende Stelle in den ausgedruckten Power-Point-Präsentationen. Niemand kann uns das verübeln. Denn wer am Ende des Semesters bis zu zwölf Prüfungen ablegen muss, der hat weder Zeit noch Geisteskraft, sein Wissen zu vertiefen.

Drittens: Meine Uni wird durch das European Credit Transfer System (ECTS) in ein Korsett gezwängt, das ihr die Luft abschnürt. In ganz Europa werden ECTS-Punkte für besuchte Kurse nach einheitlichen Kriterien verteilt. Die Bedingung ist ein Leistungsnachweis, meist eine Alibi-Prüfung oder eine schriftliche Arbeit, manchmal auch ein Vortrag. Dabei genügt es, wenn man sich an Formalien hält wie die geforderte Seitenzahl oder die Dauer der Präsentation von zehn, fünfzehn, zwanzig Minuten. Das Ziel dieses Systems ist es, möglichst viele einheitlich ausgebildete Fachkräfte für den europäischen Arbeitsmarkt zu formen. Mich als Studenten degradiert es zum Bildungskonsumenten, der in sich hineinfrisst, was man ihm vorsetzt. Raum für Reflexion bleibt nicht.

Verdammt, Herr Humboldt, wo stecken Sie?

Heute ist das eingetreten, wovor der große Alexander von Humboldt im 19. Jahrhundert gewarnt hat: "In einem Zeitalter, wo man Früchte oft vor der Blüte erwartet, vergisst man, dass Wissenschaften einen inneren Zweck haben, und verliert das Streben nach Erkenntnis, als Erkenntnis, aus dem Auge."

Was also müsste sich ändern an meiner Uni? Sie müsste elitärer werden.

Überlasst die Berufsausbildung den Fachhochschulen! Schon heute haben sie einen höheren Zulauf. Das ist gut. Baut sie weiter zu spezialisierten Zentren der Berufsausbildung aus! An den Universitäten aber sollen sich die Studenten aus Leidenschaft mit wissenschaftlichen Inhalten auseinandersetzen. Hier werde ich Akademiker. Das ist kein Beruf, das ist ein geistiges Werkzeug, das ich später im Berufsleben anwenden kann.

Schafft die Alibi-Prüfungen ab, fordert mehr von den Studenten, und beurteilt deren Leistungen strenger! Viele machen es sich zu einfach. Kaum einer kniet sich freiwillig in ein Thema rein. Das liegt sowohl an den Rahmenbedingungen als auch an der inneren Motivation.

Die überfüllten Hörsäle leeren sich von selbst, wenn nur noch eine Elite an den Universitäten studiert, die dies aus Freude an der Wissenschaft tut. Eine Elite, die sich diese Freiheit mit ihrer Leidenschaft selbst erarbeitet hat. Und zu der auch finanziell schwächer gestellte, motivierte junge Menschen gehören, die von einem gut ausgebauten Stipendiensystem profitieren.

Im Herbst 2012 habe ich meine Wunsch-Uni selber erlebt. Zusammen mit einer Studentin, einem Tutor, einem Doktoranden und dem Professor diskutierte ich über den Völkermord an den Armeniern. Zwei Stunden pro Woche, ein ganzes Semester lang. Woche für Woche las ich mich ausführlich ein und bereitete einen Input für die Sitzung vor. Natürlich war dieses komfortable Betreuungsverhältnis nicht beabsichtigt. Offenbar interessierte sich aber kaum jemand für das Thema. Zum Glück. Die Diskussionen waren intensiv und angeregt. Nie habe ich in den sechs Jahren, in denen ich an der Uni studiere, mehr von einem Kurs profitiert.

An einer Universität, an der nur noch solche kleinen Seminare stattfinden würden, könnten die Hörsäle für anderes genutzt werden. Öffentliche und frei zugängliche Vorträge würden darin stattfinden, die Forscher könnten ihr Wissen und Denken in die Gesellschaft hinaustragen.

Alexander von Humboldt soll einmal gesagt haben: "Denken und Wissen sollten immer gleichen Schritt halten. Das Wissen bleibt sonst tot und unfruchtbar." An meiner Uni, wie ich sie heute erlebe, ist das Denken auf der Strecke geblieben.