Früher war die akademische Welt vielleicht nicht besser, aber übersichtlicher. Jeder wusste, wo die besten Universitäten liegen: in Europa und den USA. Klar, auch in Singapur oder Shanghai, Abu Dhabi oder Riad studierten junge Menschen. Aber eine Konkurrenz waren ihre Universitäten nicht. Bis die Regierungen in Asien und Arabien erkannten: Wissen ist Macht. Seither pumpen sie Milliarden in neue Universitäten und Forschungsanstalten. Es herrscht ein weltweiter Wettbewerb um die klügsten Köpfe. Wie können die Schweizer Unis da mithalten?

Rankings: Kleine forschen effizienter als Große. Also stärkt sie

Alle verspotten und verfluchen sie. Trotzdem zählt für Hochschulpräsidenten nur eine Währung: der Platz ihrer Institution in einer Uni-Rangliste. Vor gut zehn Jahren berechnete die Shanghaier Jiaotong-Universität erstmals ihr Ranking. Maßgebend waren die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen und die Zitierungen in Fachpublikationen. Die Top Twenty teilen sich seither Unis aus den USA und Großbritannien, mit einer Ausnahme: Auf Platz 20 rangiert die ETH Zürich. Doch als Vorbild taugt der Bildungsleuchtturm des Bundes nur bedingt. Die Rankings messen vor allem Größe und Geld einer Uni, schreiben Ökonomen der Uni Freiburg in einer neuen Studie. Aber die kleinen kantonalen Hochschulen forschen effizienter. Sogar in den teuren Naturwissenschaften produzieren sie mehr Zitate pro ausgegebenem Franken. Die Studie liest sich wie ein Loblied auf den Bildungsföderalismus. Stärkt die Kleinen, fordern die Autoren. Und darin ist die Schweiz bekanntlich Weltspitze.

Finanzierung: Private sollen zahlen, aber nicht mitreden

Jammern gehört zum Geschäft. Auch im Bildungswesen. Kein Uni-Rektor, kein ETH-Präsident, der nicht mehr Geld von den Kantonen oder vom Bund will. Doch viel mehr ist da nicht zu holen, also suchen die Hochschulen das Geld bei Privaten. Doch da gibt es ein Problem. Das Geld von Firmen und Stiftern schafft Abhängigkeiten – oder zumindest den Anschein davon. Die Millionen, die fast immer an einen bestimmten Zweck gebunden sind, zerstören das größte Kapital der Unis: ihren guten Ruf.

Was tun? Die Hochschulen müssen selbstbewusster werden. Gegenüber der Politik, dem größten Geldgeber, pochen sie schon heute auf ihre Autonomie. Das sollten sie auch gegenüber privaten Gönnern, Mäzenen und Sponsoren tun. Die staatlich finanzierten Unis haben, da Hochschulbildung weltweit zum großen Geschäft wird, etwas zu bieten, was von unschätzbarem Wert ist: Unabhängigkeit. Um diese zu bewahren, braucht es Regeln für den Umgang mit privatem Geld. Wer Gutes tun will, der soll in eine Stiftung einzahlen – und die Uni entscheidet, was mit dem Geld passiert. Und wer als Uni-Forscher ein Gutachten, eine Studie oder klinische Tests für eine private Firma erstellt, muss seine Resultate publizieren, egal, ob sie ihm oder dem Auftraggeber gefallen.

Bologna: Zerschlagen geht nicht. Also sachte umbauen

Eigentlich wollte die Bologna-Reform die archaischen Strukturen an den Universitäten zerschlagen. Erreicht hat sie eine Vertechnisierung und Verknöcherung der Hochschulen. Oder, wie ein Zürcher Soziologieprofessor sagt: "Die Universität ist heute die Fortsetzung der Schule mit anderen Mitteln." Dies zu ändern braucht Zeit, mühselige Kleinarbeit am Curriculum – und eine Rückkehr zu alten Bildungstugenden: Neugier, kritischem Denken und der zweckfreien Auseinandersetzung mit Themen, die zurzeit nicht en vogue sind. Relevant ist nicht nur, was Kreditpunkte oder einen Arbeitsplatz bringt. Das kunterbunte Fächerangebot an den Schweizer Universitäten ist ihre Stärke. Hier sollen keine Fachidioten, sondern Absolventen mit weitem Horizont ausgebildet werden. Nur sie sind einer immer komplexeren Welt gewachsen.

Forschung: Weniger Projekte und Programme. Mehr Neugierde

Mit riesigen Forschungsprogrammen will die Politik an den Universitäten Lösungen für ihre Probleme von morgen erkaufen. Auch in der Schweiz. Dafür übergießt sie Wissenschaftler mit Millionen. Doch dieser Gigantismus schafft Fehlanreize, die erzielten Resultate stehen häufig in keinem Verhältnis zum finanziellen Aufwand. Denn die beste Forschung ist von der wissenschaftlichen Neugierde getrieben, sie entsteht nicht in Politikerköpfen. Wie man diese Neugierde am besten fördert, zeigt der Nationalfonds: Wissenschaftler erarbeiten Konzepte, ein Expertengremium befindet darüber, und klingt eine Idee erfolgversprechend, wird sie unterstützt. Dazu aber braucht es Vertrauen und Gelassenheit.

Onlinekurse: Das Ende der Massenuniversität. Keine Sparübung

Die Revolution! Nichts Geringeres versprechen die sogenannten Massive Open Online Courses (MOOC). Und so funktioniert’s: Professoren filmen ihre Vorlesungen und stellen sie gratis ins Netz – auf dass das Wissen der klügsten Köpfe der Welt bis in die abgelegensten Ecken des Planeten gelange. Im schlimmsten Fall sind die Onlinekurse ein Sparinstrument. Wer weltweit Vorlesungen bei den berühmtesten Professoren einkauft, der muss weniger Geld in die eigenen Lehrkräfte investieren. Im Idealfall aber stehen die MOOC für das Ende der Massenvorlesungen – und für mehr Zeit, die fürs Wesentliche bleibt. Ob Einführungskurs oder Überblicksveranstaltung: Hierfür müssen sich in Zukunft nicht mehr Hunderte in stickige Hörsäle drängen. Und die Professoren haben mehr Zeit für Diskussionen mit ihren Studenten.

Dank Technik zurück nach Arkadien.