Wollten Sie nicht auch schon einmal ein Gesetz zu Ihren Gunsten ändern? Wie wäre es, wenn Sie veranlassten, als Autofahrer nur noch den halben Einkommensteuersatz bezahlen zu müssen – oder als Student das Bafög verdoppelt zu bekommen?

Wer lernen will, wie so etwas geht, muss nach Brüssel reisen. Mindestens 15.000 Lobbyisten verstopfen dort Restaurants und Empfänge; besonders viele sind es, wenn Gesetzesänderungen anstehen, die Banken und Versicherungen betreffen. Vom 13. Februar an kann man ihnen bei der Arbeit zusehen, bei der vierten sogenannten Public-Affairs-Konferenz – hübscher Titel, nicht? Es ist ein Tummelplatz für alle, die EU-Gesetzesmacher beeinflussen wollen: PR-Agenturen, Industrieverbände, Anwälte. Eigentlich ist schon der Begriff "Public Affairs" eine Anmaßung, bedeutet er doch: "öffentliche Angelegenheiten". Also, Lektion eins, auch für den Bürger, der Einfluss nehmen will: Nimm dich wichtiger, als du bist!

Weitere Lehrstunden gibt es im Tagungszentrum The Hotel Mitte Februar von den Experten selbst – gegen Gebühr von 1.100 Euro. Das sollte es Ihnen schon wert sein. Der erste Tag beginnt ganz soft: Europaparlamentarier erzählen, was sie bei der "Interessenpflege" gerade noch goutieren oder was dann doch zu auffällig ist. Am zweiten Tag aber wird dann das große Rad gedreht. Gleich morgens soll die Frage gestellt werden: Wie sorge ich als Lobbyist dafür, dass schon im Gesetzes vorschlag meine Interessen berücksichtigt sind? Die Antwort steht im Programm, hier also Lektion zwei: Am besten schon Stimmung machen, bevor das Gesetz überhaupt geschrieben wird!

Gestern erinnerten die Veranstalter schon wieder per Mail an ihre Konferenz. Lektion drei: Lobbyisten sind verdammt hartnäckig.

Genug gelernt.