Yasmina Reza © Pascal Victor/ArtcomArt

Yasmina Reza ist begabt, klug, instinktsicher und erfolgreich. Aber alle ihre Bücher – bis auf eines, wir kommen darauf zurück – haben ein Trivialitätsproblem. Sie entwerfen stets eine durchdesignte Hochglanzwelt, um dann an dieser geschickt und leichthändig in Szene gesetzten Oberfläche zu kratzen, und siehe da: Darunter kommen Elend, verdrängte Aggression, Gekränktheit und Einsamkeit hervor. Rezas Figuren sind perfekte Selbstdarsteller, die es zu etwas gebracht haben, doch hinter der kultiviert-bürgerlichen Fassade fauchen die Dämonen. Aber ist das wirklich schon eine Erkenntnis?

In ihrem berühmtesten Theaterstück, Kunst aus dem Jahr 1994, schlagen sich drei Freunde die Köpfe ein, weil sich der eine von ihnen für 200.000 Franc "ein weißes Bild mit weißen Streifen" gekauft hat. Dieses Bild, das für das Potenzial steht, sich mithilfe moderner Kunst selbst in Szene zu setzen, wirkt wie ein Katalysator für alle angestauten Aggressionen, Ressentiments und innerlichen Verrenkungen, die sich jetzt endlich Luft verschaffen. Der Moment der Wahrheit ist bei Reza immer der Moment der Bestialität – allerdings einer Bestialität, die ihre Figuren nie wirklich aus der Bahn wirft: Der Bluthund hat einmal kurz mit den Zähnen gefletscht, trollt sich aber wieder in seine Hütte.

In ihrem Theaterstück Der Gott des Gemetzels gehen zwei Ehepaare, die sich ihrer moralischen Vorbildlichkeit wohl allzu sicher waren, wie wütende Hyänen aufeinander los, nachdem einmal am Lack ihres Selbstbildes gekratzt wurde. Ihre Söhne hatten eine Schulhofkeilerei, nun wollen die Erwachsenen, Bilderbuch-Verkörperungen des zeitgemäßen Kinderprotektionismus, den Konflikt kommunikativ entschärfen, stattdessen steigern sie sich selbst hinein in eine Spirale der Gewalt. Rezas Eskalationsdialoge schnurren in solchen Szenen wie geölt.

So ist der Mensch – immer hässlicher als die Meinung, die er von sich hat. In Borges’ Universalgeschichte der Niedertracht würde man die Figuren von Reza, die selbst eine große Verehrerin des argentinischen Schriftstellers ist, gleichwohl nicht finden: Wegen Unerheblichkeit wurde von einem Eintrag abgesehen.

Natürlich hat jeder Mensch eine Außen- und eine Innenseite, und natürlich sieht es innen immer schlimmer aus als außen. Aber man muss sich schon vorsätzlich naiv stellen, damit einem diese Entdeckung Schauer über den Rücken jagt. Bei genauerem Hinsehen sind es ohnehin eher Wonneschauer, die Rezas Stücke beim Zuschauer auslösen, der in ihrem Personal mit Befriedigung sein eigenes Milieu wiedererkennt: Nichts bringt unsere Seelenkräfte so zum Leben wie ein bisschen Selbstgrusel!

Der Ausraster ist Yasmina Rezas beliebtester dramaturgischer Effekt in ihren gekonnt arrangierten Choreografien der Selbstdemontage: Eben sah noch alles nach gesitteten Verhältnissen aus, plötzlich tobt da einer. Ihr neuer Roman, Glücklich die Glücklichen, setzt gleich ein mit einer solchen Szene, deren boulevardeske Möglichkeiten Reza bis zum letzten Tropfen auskostet. Das Ehepaar Toscano, Eltern zweier hochbegabter Kinder, kriegt sich im Supermarkt in die Haare. Natürlich ist der Anlass des Streits, dass Odile nämlich einen Schweizer Käse möchte, Robert aber einen Morbier in den Einkaufswagen getan hat, nur ein vorgeschobener. In Wahrheit entlädt sich hier in routinierter Edward-Albee-Nachfolge die ganz normale Gereiztheit des Zusammenlebens. Robert fuchtelt jetzt mit seinem Handy rum, er ist Reporter und hat angeblich seinen Chefredakteur in der Leitung, Odile höhnt: "Und wen interessiert’s?" Als sich Odile, eine erfolgreiche Anwältin, erneut an der Käsetheke einreiht, zerrt Robert sie mit Gewalt am Handgelenk zur Kassenschlange, während die Umstehenden seinen Wutausbruch pikiert beobachten.