In der deutschen Wissenschaft mag es eine Nische sein, sich mit Aserbaidschan zu beschäftigen – für Eva-Maria Auch aber ist es ein Lebensthema. Die Historikerin hat in den siebziger Jahren fünf Jahre lang in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku Orientalistik studiert und sich später, nach Studienabschluss und Promotion, im Fach Osteuropäische Geschichte habilitiert. Ihr Thema: die deutsch-kaukasischen Beziehungen. Auch leitete Forschungsprojekte, erhielt Lehraufträge und insgesamt vier Lehrstuhlvertretungen. Nebenbei führte sie eine Firma, die Geschäftsleute beriet und Reisen in den Kaukasus vermittelte. Im Herbst 2010 wurde die heute 58-Jährige dann an die Berliner Humboldt-Universität (HU) berufen, als Professorin für die "Geschichte Aserbaidschans". Jetzt endlich hat sie es geschafft, ihr Forschungsgebiet zu etablieren.

Das Problem ist nur: Nicht die Universität, und damit der deutsche Staat, zahlt für Auchs Professur, sondern die Botschaft des Landes Aserbaidschan. Dass Unternehmen oder Stiftungen Lehrstühle finanzieren, ist seit Jahren üblich und, trotz mancher Kritik, weitgehend akzeptiert. Aber dass ein ausländischer Staat dies tut, ist ungewöhnlich. Zumal es hier um einen Staat geht, dem Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch eklatante Demokratiedefizite und Menschenrechtsverletzungen vorwerfen.

Aserbaidschan gilt als Unrechtsstaat. Demonstrationen werden gewaltsam niedergeschlagen, Regierungskritiker eingeschüchtert und verfolgt. Nach Einschätzung des Auswärtigen Amtes ist die Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit im Land erheblich eingeschränkt. Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Aserbaidschan weltweit auf Platz 156. Das Land im südlichen Kaukasus, am Kaspischen Meer gelegen, hat große Erdöl- und Erdgasvorkommen, die dazugehörenden Unternehmen werden von einer kleinen Machtelite beherrscht. Korruption ist weitverbreitet. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International rangiert das Land neben Mali und Pakistan auf Platz 127.

Die Regierung des autoritär herrschenden Präsidenten Ilcham Alijew betreibt massive Lobbyarbeit, auch in Deutschland. Sie scheut keinen Aufwand, Politiker und andere Entscheider auf ihre Seite zu ziehen. 2012 enthüllte die Europäische Stabilitätsinitiative (ESI), ein von Stiftungen finanzierter Thinktank für Südosteuropa, dass EU-Abgeordnete mehrfach auf Reisen nach Baku eingeladen und mit üppigen Gastgeschenken bedacht wurden, unter anderem mit Kaviar und Seidenteppichen. Ein eigener Begriff wurde dafür geprägt: Kaviar-Diplomatie. Das Regime will sein Image im Westen aufpolieren. Dabei soll offenkundig Eva-Maria Auch helfen.

Die Historikerin hat etwa die Redaktion der deutschsprachigen Ausgabe der Zeitschrift Irs-Erbe übernommen. Sie ist Teil der aserbaidschanischen Öffentlichkeitsarbeit. Es geht um Musik, Kunst und Natur. Aber auch um Politik – einseitig und schönfärbend. Die Zeitschrift, sagt Auch, sei ein wunder Punkt. Sie habe lieber ein eigenes Magazin machen wollen, dafür habe es aber kein Geld gegeben. Bei manchen Aussagen in der Zeitschrift habe sie selbst Bauchschmerzen.

Eva-Maria Auch empfängt in ihrem kleinen Büro an der Humboldt-Uni. Sie schenkt Jasmintee ein und antwortet freundlich auf Fragen. Sie präsentiert sich als Wissenschaftlerin, die für ihr Thema brennt und die dafür bereit ist, Kompromisse zu machen. Die meisten Zitate, mit denen sie ihr Handeln erklärt und auch rechtfertigt, will sie allerdings hinterher nicht veröffentlicht sehen.

Eingeworben hat die Gastprofessur der Geschichtsprofessor Jörg Baberowski, der über Aserbaidschan habilitiert hat. Der aserbaidschanische Botschafter sei mit dem Angebot auf ihn zugekommen. "Ich habe sehr klargemacht, dass wir keine Professur annehmen werden, die, statt Wissenschaft zu betreiben, vor allem für ein besseres Image Aserbaidschans sorgen soll", sagt Baberowski. Im sechsseitigen Kooperationsvertrag steht allerdings: Die Professur solle neben Forschung und Lehre "zum Bekanntheitsgrad der Geschichte Aserbaidschans" beitragen. "Die Botschaft erhält Gelegenheit, Anregungen für die inhaltliche Arbeit der Stiftungsgastprofessur zu geben." Immerhin: "Die Freiheit in Forschung und Lehre darf dadurch jedoch nicht berührt werden." Der Botschaftsrat Rizvan Nabiyev beteuert auf Nachfrage: "Wir haben keine Erwartungen an die Professur gerichtet."