Im Kölner Dom steigt in dicken Schwaden Weihrauch auf, und es sieht aus, als schwebe Joachim Kardinal Meisner auf einer Wolke durch das mächtige Hauptportal in die dunkle Kathedrale hinein. Das festliche weiß-goldene Messgewand, der walnussgroße Ring an der Hand, der Hirtenstab, den er wie ein Zepter hält – dem Erzbischof folgen die ehrfürchtigen Blicke von 1.500 Gläubigen.

Es ist eine der letzten Gelegenheiten, Meisner bei einer Predigt zu erleben, bevor der Papst in diesen Tagen seinen Rücktritt vom Amt des Erzbischofs annehmen wird. Ein Vierteljahrhundert hat die Ära Meisner in Köln gedauert, in einer Region, die so katholisch geprägt ist wie kaum eine andere in Deutschland.

In die Stille der voll besetzten Kirche hinein predigt Meisner ganz leise. Doch plötzlich, bei den Worten "Globalisierung der Gleichgültigkeit", bebt seine Stimme. Er reißt die Arme in die Höhe, als wolle er seine Worte in den Himmel tragen. Meisner wettert: "Unsere Wohlstandskultur vermindert offenbar unser Gespür für unsere gegenseitige Verantwortlichkeit." Er prangert die rastlose Gesellschaft mit ihrem ständigen "Schneller, höher, weiter" an, er will alldem ein Motto entgegensetzen, das auch und besonders für die Kirche gelte: Einfachheit. "Gerade eine wohlhabende Kirche steht in besonderer Verantwortung vor Gott und den Menschen: Auch wir sind immer wieder in Versuchung, Äußerlichkeiten zu wichtig zu nehmen."

Unsere Wohlstandskultur vermindert offenbar unser Gespür für unsere gegenseitige Verantwortlichkeit
Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln

In welche Versuchungen ist Meisner selbst in seinen 25 Kölner Jahren geraten? Wie ist er mit dem Geld des Erzbistums und mit der daraus erwachsenden Verantwortung umgegangen? Wer genauer hinsieht, stößt auf Vorgänge, Institutionen und Einstellungen, die man nicht unbedingt mit christlichen Werten in Verbindung bringt. Er stößt auf fragwürdige Immobiliengeschäfte und Briefkastenfirmen, auf eine große Nähe zum Geld und eine große Entfernung von den Bedürftigen.

Seit dem Skandal um den überteuerten Bau des neuen Limburger Bischofssitzes steht der Umgang der katholischen Kirche mit ihrem Geld zur Debatte. Das Erzbistum Köln ist viel reicher als das Bistum Limburg – es gilt als die reichste Diözese Deutschlands, möglicherweise ist sie sogar eine der reichsten weltweit. Allein ihr jährlicher Haushalt beläuft sich auf knapp eine Milliarde Euro.

Zahlen zu seinem Vermögen veröffentlichte das Erzbistum Köln bisher nicht. Nach dem Limburger Skandal gewährte es jedoch erstmals einen Einblick. Von 166,2 Millionen Euro Immobilienvermögen war in einer Presseerklärung die Rede. "Aus diesem Vermögen wurden im Jahr 2012 knapp 9,6 Millionen Euro Erträge erzielt", hieß es. "Die Erträge sind wie in den Vorjahren in den Bistumshaushalt eingeflossen." Die Vermutung, dass es sich dabei nur um einen winzigen Ausschnitt handeln kann, liegt nahe. Der Haushalt speist sich zum größten Teil aus Kirchensteuern und staatlichen Zuschüssen, aber eben nicht nur. Das Erzbistum hat 92 Millionen Euro selbst eingebracht. Wenn es aber nur 9,6 Millionen Euro Gewinn gemacht hat – woher kommt dann der Rest?

Im Haushaltsbericht ist von "sonstigen Erträgen" und Gewinnen aus Finanzgeschäften die Rede. Zu Details aber schweigt die Kirche.

Zu Franz-Peter Tebartz-van Elst schweigt Meisner nicht. Dem Kardinal obliegt die Aufsicht über das Bistum Limburg, er ist sozusagen Tebartz-van Elsts Vorgesetzter, und als einer der Letzten hält er treu zu seinem Untergebenen. Kurz nach Auffliegen der Affäre platzierte Meisner ihn bei den Feierlichkeiten zum 1.700-jährigen Bestehen des Erzbistums demonstrativ in der ersten Reihe seines Doms. Es sei unfair, wie man Tebartz-van Elst in die Ecke stelle, sagte Meisner. "Er ist der ärmste Hund unter den Bischöfen."

Das ist sehr viel Verständnis für einen Glaubensbruder, der dem Luxus frönte.

Welcher Art die Versuchungen sind, denen Meisner in seiner Amtszeit nicht widerstehen konnte, das erzählt die Geschichte des Hauses am Domkloster 3 in Köln. Sie beginnt vor langer Zeit: 1991, zwei Jahre nachdem Meisner vom Papst zum Erzbischof ernannt worden war. Es ist eine kleine Versuchung, der viele weitere, größere folgen werden, je länger Meisner sein Amt ausfüllt.

An einem Tag im Jahr 1991 also klingelt im Düsseldorfer Büro von Hans Kempen das Telefon. Kempen ist zu diesem Zeitpunkt Vorstand der Isenbeck Deutsche Immobilien AG, am anderen Ende der Leitung meldet sich der damalige Finanzdirektor des Erzbistums Köln, Helmut Schmelz. Direkt und schnörkellos, so erinnert sich Kempen an das Geschäft seines Lebens, sagt der Anrufer, was sein Anliegen ist: Das Bistum will die Immobilie am Domkloster 3 erwerben. Nur 100 Meter vom Dom entfernt, in perfekter Lage also, ist sie eine der wertvollsten, vielleicht sogar die teuerste Immobilie in Köln.

79 Millionen Euro für eine Immobilie am Kölner Dom

Das Gebäude ist imposant, ein ehemaliges Bankgebäude mit Glasdach und einem Lichthof, der sich im Inneren über alle fünf Etagen erstreckt. Isenbeck hat es nur wenige Monate vor dem Anruf für 50 Millionen Mark gekauft, um es in ein Shoppingcenter zu verwandeln. Der Denkmalschutz hat den Umbau jedoch unmöglich gemacht. Davon hat Schmelz gehört.

Für 79 Millionen, erinnert sich Kempen, bietet er dem Bistum die Immobilie an. Und Schmelz sagt auf der Stelle zu. "Das war eine schnelle Entscheidung", sagt Kempen heute. Schmelz habe ihm damals gesagt: "Glauben Sie ja nicht, dass wir solche Summen zahlen, weil wir dumm sind. Für uns ist das eine einmalige Gelegenheit." Man traf sich kurze Zeit später mit den Anwälten beim Notar in Köln und unterschrieb den Kaufvertrag. Isenbeck musste nicht auf sein Geld warten. Bezahlt wurde umgehend.

Inzwischen ist aus dem Haus gegenüber dem Dom das "Domforum" geworden: ein viel besuchtes Begegnungszentrum des Erzbistums. Hierher kommen pro Jahr mehr als 300.000 Besucher. Das Domforum organisiert jährlich mehr als 400 Veranstaltungen und 8.000 Domführungen.

Lässt man sich heute im Kölner Grundbuchamt am Reichenspergerplatz die Grundbuchakte des Domklosters geben, die Akte Nr. 50035, sucht man das Erzbistum als Eigentümer der Immobilie allerdings vergeblich. Eingetragen ist eine Gesellschaft namens BRD Domkloster Cologne B.V. mit Geschäftssitz in Amsterdam.

Was macht das Bistum in den Niederlanden?

Isenbeck hatte das Haus Domkloster 3 im Jahr 1990 gekauft und in eine niederländische Gesellschaft überführt. Um es nun zu erwerben, musste das Erzbistum ebendiese Gesellschaft kaufen. Das war die Bedingung, die Isenbeck stellte: Denn so konnte die Immobilienfirma Gewerbesteuern sparen, die bei dem Weiterverkauf des Gebäudes eigentlich auf die Gewinne erhoben worden wären. Niederländische Gesellschaften sind in Deutschland nicht gewerbesteuerpflichtig. Das Bistum akzeptierte diesen Deal, und so entgingen der öffentlichen Hand mehr als vier Millionen Mark.

Privater Reichtum, öffentliche Armut

Das könnte nun das Ende einer kleinen Geschichte über die Bedingungen der Globalisierung sein, denen eben leider auch die Kirche unterworfen ist. Es kann aber auch der Anfang einer größeren Geschichte sein – über die Verantwortung der Kirche, diesem Zwang Grenzen zu setzen.

Die Frage, wie groß die Macht der globalisierten Wirtschaft über die Kirche ist, muss Jorge Mario Bergoglio heftig umgetrieben haben, als er sich im vergangenen Jahr an seinen Schreibtisch setzte und die 180 Seiten niederschrieb, die er Ende November an alle Bischöfe und Priester versandte. In seinem Apostolischen Schreiben prangert er die Diktatur des Geldes an, die wachsende Ungerechtigkeit zwischen Oben und Unten sowie die Gleichgültigkeit, die durch die Globalisierung entsteht. Es ist jener Gedanke, den Meisner später in seine Predigt übernehmen wird.

Jorge Mario Bergoglio ist unter dem Namen Franziskus seit gut einem Jahr das Oberhaupt der katholischen Kirche. Er schreibt: "Wir müssen heute Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen sagen. Diese Wirtschaft tötet." An einer anderen Stelle heißt es: "Die Gier nach Macht und Besitz kennt keine Grenzen."

Man habe das Gebäude am Domkloster 3 damals unbedingt haben wollen, auch wenn es völlig überteuert gewesen sei. Das sagt ein ehemaliger Mitarbeiter der Finanzabteilung des Bistums Köln. Immerhin habe nicht nur Isenbeck, sondern auch das Erzbistum selbst etwas Geld sparen können. Hätte es die Immobilie direkt gekauft, dann hätte das Erzbistum Grunderwerbsteuer zahlen müssen. Die Grunderwerbsteuer wird aber nur fällig, wenn ein Gesellschafter mehr als 95 Prozent hält. Das Bistum übernahm 90 Prozent des Domforums, der Dom als eigene Körperschaft des öffentlichen Rechts die restlichen zehn Prozent. Durch diesen Steuertrick des Erzbistums entgingen den öffentlichen Kassen noch einmal knapp zwei Millionen Mark.

Warum macht die Kirche so ein Geschäft? Ein Bistum, das seinen Haushalt zum großen Teil aus Steuermitteln bestreitet?

Um den Umgang des Erzbistums Köln mit Geld etwas besser zu verstehen, hilft ein Blick auf die Biografie von Joachim Meisner. Der einst aus Schlesien Vertriebene ist gelernter Bankkaufmann. Er hat in Erfurt und Ost-Berlin jahrzehntelang Katholizismus unter den Augen der SED betrieben. In der DDR wurde seine Kirche kleingehalten, sie war eine Randerscheinung, eine Kirche des Mangels und der Not. In Köln übernahm Meisner die Kontrolle über eine mächtige Institution. Er konnte nun ein großes, wichtiges Erbe bewahren und ausbauen. Er konnte demonstrieren: Hier sind wir, und hier bleiben wir. Menschen, die lange für den Bischof gearbeitet haben, sind überzeugt, dass es Meisner nie um Luxus für sich selbst ging. Im 7er-BMW, sagen sie, lässt er sich nicht chauffieren, weil er schöne Autos liebt, sondern weil BMW das mit Abstand günstigste Angebot gemacht hat. Meisner sei es immer nur wichtig, etwas für seine Kirche zu hinterlassen, das auch noch in Jahrzehnten da ist und strahlt.

Und das Domforum strahlt. Weit über Köln, weit über Deutschland hinaus.

Die Spur führt in die Niederlanden

Fährt man nach Amsterdam und sucht die Adresse, die im Grundbuchamt für die BRD Domkloster Cologne B.V. angegeben ist, dann landet man vor einem silbergrün schimmernden Hochhaus mitten im schnell wachsenden Geschäftsviertel Zuidoost. Nach einer Klingel für die BRD Domkloster Cologne B.V. hält man hier vergeblich Ausschau. Stattdessen steht in meterhohen Buchstaben "TMF Group" an der Fassade. TMF ist laut Eigenwerbung ein international expansion expert , ein Unternehmen, das Konzernen und Banken dabei hilft, die Vorteile der Globalisierung auszunutzen.

Die TMF Group gründet und verwaltet Briefkastenfirmen für Konzerne, damit diese ihre Gewinne ganz legal am Fiskus vorbeimanövrieren können. Für Banken managt die TMF Group Zweckgesellschaften, in die diese zum Beispiel hohe Verluste ausgliedern können, um ihre Bilanzen zu schönen. Bei deutschen Konzernen sind die Niederlande die beliebteste aller Steueroasen, nirgendwo gibt es mehr Tochtergesellschaften deutscher Firmen. Ihre Zahl hat sich allein seit dem Jahr 2000 versechsfacht.

Von insgesamt mehr als 20.000 niederländischen Briefkastenfirmen sind allein rund 3.000 bei verschiedenen Adressen der TMF Group registriert. Zu den Kunden gehören die russischen Energieriesen Gazprom und Lukoil, der weltweit größte Zigarettenhersteller Altadis sowie die Großbanken J.P. Morgan, HSBC, Bank of Tokyo-Mitsubishi und Morgan Stanley.

Vor dem Eingang des Hochhauses in Zuidoost stehen vier Männer in tadellos sitzenden Anzügen und rauchen still und hastig ihre Zigaretten. Drinnen an der Rezeption sitzen zwei Damen, die im Sekundentakt in perfektem Englisch Anrufe entgegennehmen. Eine von ihnen bestätigt nach einem Blick in den Computer, dass die BRD Domkloster Cologne B.V. hier ihren Geschäftssitz hat.

Dann könne man ja sicher mit einem Vertreter der Gesellschaft sprechen?

"Nein, das geht nicht".

Warum denn nicht?

"Weil hier niemand von dieser Gesellschaft sitzt."

Aber die TMF Group hat doch bestimmt einen Pressesprecher?

"Den gibt es nicht. Wir sind ein Trust-Office, ein, nun ja, eher verschwiegenes Unternehmen."

Mehrere Billionen Euro transferieren ausländische Konzerne jedes Jahr in die Niederlande – ein Vielfaches des dortigen Bruttoinlandsprodukts. Die TMF Group verdient mit ihren Diensten sehr gut an diesem Geld. Das Unternehmen hat von Amsterdam aus ein weltumspannendes Netz geschaffen, mit 4.500 Beschäftigten in 100 Büros in mehr als 75 Ländern, nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in Deutschland, den USA, Russland, China, auf den Cayman Islands, auf Curaçao, in Hongkong und der Schweiz. Die Mitarbeiter erledigen für die Konzerne und Banken den Papierkram rund um deren Briefkastenfirmen und Zweckgesellschaften. Buchhaltung, Kontoführung, Post, Behördengänge.

Die BRD Domkloster Cologne B.V. teilt sich den unbeschrifteten Briefkasten rechts neben der Eingangstür mit mindestens 1600 anderen Gesellschaften. TMF ist so etwas wie ein Sekretariat der internationalen Steuervermeidung. Ohne Firmen wie TMF gerieten die weltweiten Finanzströme ins Stocken.

Eines der Unternehmen, die die Adresse von TMF in Amsterdam-Zuidoost nutzen, ist Energias de Portugal (EDP), einer der größten Energiekonzerne des südeuropäischen Krisenstaats. EDP versteuert wesentliche Teile seiner Gewinne zu Dumpingsätzen in den Niederlanden – wie 16 weitere der 20 im portugiesischen Börsenindex PSI-20 gelisteten Unternehmen. Die Milliarden fehlen im stark angeschlagenen Staatshaushalt Portugals, den Regierungschef Pedro Passos Coelho gerade zu sanieren versucht: mit höheren Steuern und schmerzhaften Kürzungen im öffentlichen Sektor, bei der Bildung, der Gesundheit und den Renten.

Privater Reichtum, öffentliche Armut: Das ist die Nachbarschaft, in die sich das Erzbistum Köln mit dem Kauf der Immobilie Domkloster 3 begeben hat. Und in der es bis heute geblieben ist. Noch immer besitzt das Erzbistum die Gesellschaft in den Niederlanden. "Warum sollten wir sie nun auflösen? Das würde unnötig Geld kosten, für das wir bessere Verwendung finden", sagt der aktuelle Finanzdirektor des Bistums, Hermann Josef Schon, dazu. Bei einer Auflösung der Gesellschaft müsste die Grunderwerbsteuer nachgezahlt werden.

Die Kirche hat sich Richtlinien für ihre Anlagepolitik gegeben

Ist also klug, wer sich die Mechanismen der Globalisierung zunutze macht, und dumm, wer moralisch und uneigennützig handelt?

Die Hauptabteilung Finanzen des Erzbistums befindet sich in einem repräsentativen, denkmalgeschützten Gebäude in der Marzellenstraße 32 in Köln. Fischgrätparkett, gediegene Möbel, Kunst an den Wänden. Hier im Generalvikariat wird entschieden, wie das Geld des Erzbistums investiert, wie es vermehrt wird.

Jeder, der über Geld verfügt, muss sich überlegen, wie er es einsetzt – wer davon profitieren soll und wer nicht. Besonders kompliziert und weitreichend sind solche Fragen, wenn man an der Börse aktiv ist. Deshalb hat die Kirche, deshalb hat das Bistum Köln für so etwas Fachleute. Deshalb hat es seinen Finanzdirektor Schon, der sich jetzt in seinem Bürostuhl aufrichtet und skeptisch durch seine randlose Brille blickt. "Der Mensch steht immer im Fokus unserer Bewertung", sagt er, "unsere Anlagen stimmen immer und zuallererst mit den Grundsätzen der katholischen Kirche überein."

Früher war Schon Banker: Bei der Deutschen Bank kümmerte er sich um Firmenkunden und das Kreditgeschäft. Er nennt die Kirche ein Unternehmen, das er nach vorne bringen müsse. Es gibt ein Gremium, das den Rahmen für die Investments festlegt, aber im Grunde ist Schon im Erzbistum eine Ein-Mann-Show. Er kümmert sich um alle Anlagen selbst, bereits seit 18 Jahren. Sein Chef ist der Generalvikar, der zweite Mann im Bistum – über dem Generalvikar steht nur noch der Erzbischof: Kardinal Meisner.

Bei der Auswahl der Anlagen hat die Kirchengemeinde die ethischen und moralischen Normen der katholischen Kirche zu beachten
Amtsblatt des Erzbistums zu Köln

Schon benutzt Begriffe wie Asset-Liability und strategische Allokation. Das Erzbistum habe gegenüber den Kirchenmitgliedern, aber auch den 5.350 Beschäftigten und mehr als 1.000 Pensionsberechtigten die Pflicht, Geld zu verdienen. Rund zwei Dutzend Mal im Jahr, so schätzt Schon, sitzt er in den diversen Anlageausschüssen und entscheidet darüber, was mit dem Kapital des Bistums geschehen soll. Der Kardinal übrigens, sagt Schon, sei "interessiert an den Finanzen. Er fragt auch regelmäßig nach, was mit dem Geld am Markt gemacht wird."

Geld ist nie neutral. Deshalb hat sich die Kirche Richtlinien für ihre Anlagepolitik gegeben. Darin weist sie immer wieder auf ihre ethischen und moralischen Normen hin. In seinem Amtsblatt vom 1. Januar 2011 schreibt das Bistum: "Bei der Auswahl der Anlagen hat die Kirchengemeinde die ethischen und moralischen Normen der katholischen Kirche zu beachten." Das heißt: Die Kirche will nicht, dass ihr Geld in Rüstungsunternehmen investiert wird oder etwa in Firmen fließt, die Verhütungsmittel produzieren.

Der Kardinal ist interessiert an den Finanzen. Er fragt regelmäßig nach, was mit dem Geld am Markt gemacht wird
Hermann Josef Schon, Finanzdirektor des Erzbistums

Aber wie ernst meint es das Erzbistum mit seinen eigenen Richtlinien?

Am 25. April 2013 schreibt Schon an alle Gemeinden. Die Kirchenvorstände hätten an das Erzbistum immer wieder den Wunsch herangetragen, Anlagemöglichkeiten aufzuzeigen. Nun habe die Pax-Bank in Köln, ein genossenschaftliches katholisches Geldinstitut, an dem das Bistum beteiligt ist, diese Idee aufgegriffen. In Köln nennt man die Bank den "Tresor des Bistums". Vor dem Domforum, jener Immobilie, die Meisners Leute 1991 erworben haben, steht ein Geldautomat der Bank. In ihrem Aufsichtsrat sitzt Schon zusammen mit 14 anderen Kirchenleuten.

Diese Bank also habe, schreibt Schon, gemeinsam mit Warburg Invest, einem Unternehmen des Bankhauses M.M. Warburg & Co., "einen institutionellen Publikumsfonds exklusiv für kirchliche Institutionen aufgelegt". Das Erzbistum, erläutert Schon in seinem Brief weiter, habe sich bereits mit einem nicht unerheblichen Betrag an diesem Fonds beteiligt. Schon wirbt dafür, dass die Gemeinden es dem Bistum nachtun: "Strategisch" würden "durch eine sinnvolle Streuung der Anlage über verschiedene Anlageklassen der reale Kapitalerhalt sowie die Erwirtschaftung von attraktiven Erträgen angestrebt".

Der Warburg-Fonds belief sich Ende 2013 bereits auf 53 Millionen Euro. Ein Manager von Warburg Invest in Hamburg entscheidet, welche Aktien er kauft und welche er verkauft. Die große Linie jedoch bestimmt der Anlageausschuss des Fonds, in dem auch Schon sitzt. Es gibt eine siebenstufige Risikoskala. Das Erzbistum hat sich für die Stufe vier entschieden, was so viel bedeutet wie: Man will kein zu hohes Risiko eingehen, aber man will auch Geld verdienen.

Der Fondsmanager sollte die Anlagerichtlinien der Kirche kennen.

Er investiert das Geld des Erzbistums in VW, Daimler und BMW, da kann er sicher sein, dass das Geld für die Produktion von Autos ausgegeben wird, er kauft Telekom-Aktien und solche der Deutschen Post, auch dabei weiß man ziemlich genau, wohin das Geld fließt. Der Fondsmanager von Warburg steckt das Geld zudem in Pariser Flughäfen, in die Bierbrauerei Heineken und in McDonald’s. Den Flugverkehr, Bier und Burger unterstützen – vielleicht nicht gerade etwas, das man von einer Kirche erwartet. Noch weniger aber erwartet man von der katholischen Kirche, dass sie in Verhütungsmittel investiert. Im Gespräch über die Anlagepraxis der Kirche bekräftigt Schon: Der Beginn und das Ende des Lebens seien besonders wichtig.

Irgendwann zwischen April und August des letzten Jahres hatte der Fondsmanager 600 Aktien der Pharmafirma Novartis sowie 700 Aktien von Sanofi im Portfolio. Novartis lässt sein Tochterunternehmen Sandoz Antibabypillen herstellen – und hat mit NorLevo Uno auch eine "Pille danach" im Angebot. Und Sanofi vertreibt über das Tochterunternehmen Zentiva die Präparate BonaDea, Chloee, Juliane, MyWy, Seculact und Sidretella – also gleich sechs verschiedene Antibabypillen.

Auch wenn man nichts gegen Verhütung hat: Wundern muss man sich über diese Anlagen. Ganz besonders, wenn man sich die Kölner Ereignisse vom 15. Dezember 2012 in Erinnerung ruft. Damals wurde ein 25-jähriges Vergewaltigungsopfer von zwei katholischen Kliniken in Köln abgewiesen, weil die Ärzte befürchteten, dass man der jungen Frau möglicherweise die "Pille danach" geben müsse.

Ist die Kirche dem Geld gegenüber gütiger als dem Menschen gegenüber?

Hermann Josef Schon bestätigt den Kauf der Sanofi- und Novartis-Aktien im Wert von insgesamt 82.000 Euro. Es habe sich aber um einen Irrtum gehandelt, der korrigiert worden sei. Der Erwerb unerwünschter Titel sei seither durch ein Computerprogramm ausgeschlossen.

Nicht unerwünscht ist offenbar, dass die Kirche, die einen Kapitalismuskritiker an ihrer Spitze hat, in Finanz- und Versicherungswerte investiert. Also auch in Banken.

Welche Produkte will die Kirche unterstützen?

Welches Produkt stellt eine Bank her? Welche Wertschöpfung unterstützt das Bistum mit seinem Geld? An dieser Stelle wird es unübersichtlich, denn das einzige Produkt, das eine Bank interessiert, ist wiederum Geld und wie man noch mehr Geld daraus machen kann. Der Bank ist es egal, ob damit Autos, Cola oder Atomkraftwerke hergestellt werden, sie fragt nur, ob und wie erfolgreich sich ihr Einsatz vermehrt. Wenn Autos, Cola und Atomkraftwerke gute Renditen versprechen, dann lässt sie das Geld dorthin wandern. Wenn nicht, müssen andere Investments gefunden werden.

Der Fondsmanager von Warburg Invest legt im Jahr 2013 insgesamt 21 Millionen Euro im Finanzsektor an – 40 Prozent der ihm zur Verfügung stehenden Summe. Darunter in die Bank of America, die Allianz und HSBC, eine der Banken, die von der niederländischen TMF Group in Amsterdam eine Zweckgesellschaft managen lassen.

Welche Anlagen erachten diese Banken als besonders lukrativ? In den USA steckt laut einer Studie der Nichtregierungsorganisation ICAN kaum ein Investor so viel Geld in die Atomwaffen- und Rüstungsindustrie wie die Bank of America. Auch die Allianz taucht in dem Report auf, unter anderem als Aktionär der Rüstungskonzerne Lockheed Martin und Alliant Techsystems. Zudem gehört die Bank of America in den USA zu den fünf Banken, die am meisten mit Agrar-Rohstoffen spekulieren. Die Allianz wiederum investiert über fünf verschiedene Fonds mit einem Volumen von 20 Milliarden Euro in Rohstoffderivate. In diesen Kasinowetten, nach Ansicht von Experten mitverantwortlich für den weltweiten Anstieg der Nahrungsmittelpreise und damit für den Hunger in armen Ländern, steckt nun also indirekt das Geld des Erzbistums Köln. Dabei hat eine Expertengruppe der Deutschen Bischofskonferenz noch im Mai 2012 alle Banken dazu aufgefordert, aus der Nahrungsmittelspekulation auszusteigen und ihre Warentermingeschäfte am Gemeinwohl auszurichten.

Und es ist ja nicht nur das Geld aus diesem einen Fonds, das das Bistum investiert. Es sind auch die 1,5 Millionen Euro aus der Kardinal-Höffner-Stiftung, die 15 Millionen Barvermögen des Erzbischöflichen Schulfonds und die 47 Millionen, die von der Bank Sal. Oppenheim im OCM EBK II UI-Fonds AEC verwaltet werden. Außerdem lässt das Erzbistum mindestens acht Fonds vom Finanzdienstleister Universal Investment in Frankfurt managen. Im Jahr 2009 lagen allein in zwei Universal-Fonds Anleihen und Aktien im Wert von 1,1 Milliarden Euro – unter anderem Papiere von Sanofi und Novartis. Auch bloß ein Irrtum?

Wenn das Erzbistum Köln als Investor auftritt, wenn es solche Summen bewegt, dann verändert es die Welt. Die Frage ist: Welche Welt will die Kirche? Welche Unternehmen, welche Produkte will sie unterstützen? Und auf wie viel Geld ist sie bereit zu verzichten, um die Einhaltung ihrer eigenen moralischen Maßstäbe zu gewährleisten?

Schon hält den Apostolischen Brief von Papst Franziskus für "ein sehr gutes Schreiben". Er sagt auch: "Unsere Art, Geld anzulegen, empfinden wir nach der Lektüre weiterhin als sehr vertretbar."

Neben Hermann Josef Schon gibt es in Köln noch einen zweiten Mann, der sich die längste Zeit seines Berufslebens mit dem Geld des Bistums befasst hat. Zu ihm muss man von Schons Büro aus nicht weit laufen, gerade einmal 300 Meter. Hinter der unscheinbaren Tür eines Rotklinkerhauses verbergen sich ein schön angelegter Hofgarten sowie eine zweite, diesmal schmuckvolle Haustür. Norbert Feldhoff sitzt in Hemd und schwarzem Pullover unter dunklem Sakko am runden, gläsernen Tisch seines Büros. Wenn er aus dem Fenster blickt, sieht er den Dom und das Domforum.

Knapp 30 Jahre lang hatte Feldhoff als Generalvikar die Aufsicht über die Finanzen des Erzbistums, 15 Jahre davon unter Kardinal Meisner. Er hat damals den ersten Fonds des Bistums auflegen lassen. Heute ist er nicht nur Dompropst und damit der oberste Herr der Kathedrale, er steht auch dem Aufsichtsrat der Pax-Bank vor – kaum jemand im Erzbistum verfügt über so viel Einfluss wie Feldhoff. Sein Wort ist auch bei der Suche nach Meisners Nachfolger wichtig. An der Wand seines Büros hängt ein Siebdruck des Kölner Doms. "Das ist ein Andy, den habe ich einmal für das Erzbistum gekauft", sagt er. "Den genauen Preis kenne ich nicht mehr, vielleicht 10.000 Mark." Eigentlich günstig, für einen echten Warhol.

Sieht Feldhoff wie der Papst in der Freiheit der Märkte eine Gefahr? Fürchtet er wie Franziskus das Auseinanderfallen der Gesellschaft?

Feldhoff hört sich die Frage ruhig an, er nickt, faltet die Hände ineinander. Er ist ein sympathischer, lebensfroher Mensch, der begeistert erzählen kann, wie er als junger Priester durch die USA reiste. Die Ungleichheit sei natürlich ein Problem, sagt Feldhoff. So stark sei das Bistum allerdings gar nicht am Markt engagiert, und außerdem "ist es natürlich schwer möglich, eine 100 Prozent ethisch korrekte Anlage zu machen. Deshalb sollten wir ehrlich sein und sagen: Wir bemühen uns." Denn eine der Aufgaben der Kirche müsse es sein, "Respekt vor dem Erbe zu haben, vor dem, was die Vorfahren hinterlassen haben".

Spielt die Kirche selbst auf den globalisierten Märkten mit?

Kann die Kritik an den globalisierten Märkten womöglich eine Falle sein, in die die Kirche nicht tappen darf, weil sie selber auf diesen Märkten mitspielt? Und muss sie mitspielen, weil sie sonst irgendwann nichts mehr zu verteilen hätte?

Vielleicht muss man sich etwas genauer ansehen, was das Bistum mit dem Geld macht, das die Banken in seinem Auftrag vermehren. Wie verteilt es seine Mittel? Wo zeigt das Bistum seine Wohltätigkeit?

Peter Thome seufzt laut. Er ist Beigeordneter der Stadt Gummersbach, zuständig für Jugend und Soziales, ein großer Mann mit grauem Schnauzer und grauen Haaren, ein Diplom-Kommunalbeamter, keiner, der sich übermäßig Emotionen hingeben würde. Thome sitzt in seinem Büro voller Blumentöpfe. Er hat schon viel erlebt, wenn es ums Geld ging, aber wie sich die Kirchenführung damals in der Sache mit dem Kindergarten verhalten hat, "das trifft mich noch heute", sagt er.

Auf dem höchsten Punkt einer lang gezogenen Wohnstraße im Westen der oberbergischen Stadt liegt die St.-Klemens-Kirche, ein funktionaler Waschbetonbau ohne jeden Prunk aus den siebziger Jahren. Man hat von hier einen wunderbaren Blick auf Gummersbach, die vielen Fachwerkhäuser, die Aggertalsperre und die dichten Wälder, die diese Gegend prägen. Viele Jahre lang war im Erdgeschoss von St. Klemens ein katholischer Kindergarten untergebracht, mit insgesamt 50 Plätzen. Helle, große Räume, holzvertäfelte Decken, draußen ein eingezäunter Bereich zum Spielen. Man sollte meinen: ein idealer Ort für Kinder. Auch aus Sicht der Kirche, denn wo gibt es das noch, dass die Kleinen quasi direkt in der Kirche betreut werden und so an das Gemeindeleben herangeführt werden können?

Doch 2009 strich das Bistum die 50 Plätze, genau wie es kurz zuvor die Mittel für drei weitere Gruppen in der 50.000-Einwohner-Stadt gestrichen hatte. Insgesamt zog sich die Kirche in Gummersbach aus der Finanzierung von 125 Plätzen zurück. Im gesamten Erzbistum war es ein Vielfaches. Von den ehemals 2.500 Kindergartengruppen wurden zwischen 2004 und 2010 mehr als 800 geschlossen – etwa 16.000 Kinder brauchten einen neuen Platz. Das Bistum dürfte auf diese Weise rund sieben Millionen Euro gespart haben.

Zwar hatte Kardinal Meisner 2004 in seinem Hirtenwort versichert, dass es im Erzbistum trotz anstehender Sparmaßnahmen weiterhin für jedes katholische Kind einen Kindergartenplatz geben werde. Aber man müsse das Angebot an Plätzen nun einmal daran anpassen, wie viele katholische Kinder es gebe. Denn nur so "können wir gewährleisten, dass unsere Einrichtungen ihr besonderes katholisches Profil bewahren bzw. entwickeln können. Nur wenn Eltern sich wegen der besonderen kirchlichen Prägung unseres Angebots für katholische Tageseinrichtungen entscheiden, haben diese auch eine Zukunft."

Oben wird investiert und unten gespart

Hatte Gummersbach also einfach zu wenig Nachwuchs für die Kirche?

Das Erzbistum hatte argumentiert, dass es in Gummersbach nur 100 katholisch getaufte Kinder gebe, mehr Plätze müsse man also nicht finanzieren. Tatsächlich waren es laut Einwohnermeldedaten mehr als doppelt so viele Kinder von drei bis sechs Jahren. "Die haben aber nur die Kinder bis drei gezählt, dabei werden viele ja auch später erst getauft", sagt Thome. Die Kirche habe sich das zurechtgebogen. "Man hat uns nicht einmal angehört", sagt Thome.

Gummersbach zählt trotz eines hohen Gewerbesteueraufkommens zu den armen Kommunen Nordrhein-Westfalens, das Haushaltsdefizit liegt bei 13 Millionen Euro. Trotzdem übernahm die Stadt immerhin zwei Gruppen.

Die katholischen Kindergärten von Gummersbach waren einem radikalen Sparpaket von Kardinal Meisner zum Opfer gefallen. "Zukunft heute" hatte er das Programm genannt, mit dem das Bistum von 2004 an auf die zu erwartenden schwindenden Kirchensteuermittel reagieren wollte. 90 Millionen Euro sollten so eingespart werden – unter anderem 6 Millionen bei der Caritas, 10 Millionen bei Schulen und außerschulischen Bildungseinrichtungen, 56 Millionen in der Seelsorge sowie 10 Millionen in der Verwaltung. Die Zahlen dazu hatten Unternehmensberater von McKinsey geliefert.

Hat den Kardinal geschmerzt, dass er so sehr sparen musste? Wie ein ehemaliger Vertrauter berichtet, soll Meisner gesagt haben: "Sie sollen ruhig spüren, dass wir Mangel haben. Das weckt Berufung."

Der Bewilligung von 43 Millionen Euro für den Neubau des Kolumba-Kunstmuseums des Erzbistums, der in seinem kühlen, abweisenden Stil sehr an den Skandalbau von Franz-Peter Tebartz-van Elst erinnert, stand das Sparprogramm nicht im Wege. Um das Erbe zu bewahren, war ausreichend Geld da.

Dagegen hatte auch der Kirchensteuerrat nichts einzuwenden. Er ist so etwas wie ein Aufsichtsrat: Ihm werden zwei- bis dreimal pro Jahr die Finanzentscheidungen des Bistums vorgelegt. Zum Kirchensteuerrat gehören neben zwei Pfarrern, drei Vertretern des Generalvikariats und fünf Experten, die der Kardinal persönlich beruft, auch 21 Laien. Sie werden von den Gemeinden gewählt. Man liegt wahrscheinlich nicht falsch, wenn man annimmt, dass diese Laien einen großen Einfluss darauf haben, was mit dem Geld des Bistums passiert. Im aktuellen Rat sind als Laien sechs Rechtsanwälte vertreten, fünf Wirtschaftsprüfer, drei Steuerberater, zwei Finanzwirte, zwei hohe Verwaltungsbeamte, ein Bankkaufmann, ein Diplom-Kaufmann und ein pensionierter Lebensmitteltechniker. Sie nicken Investitionen in hochpreisige Seniorenresidenzen ab, in Shoppingcenter und Luxusimmobilien: in ein Geschäftshaus an der Düsseldorfer Königsallee, in dem Armani edle Anzüge verkauft; in ein Gebäude am Hamburger Neuen Wall, in dem Louis Vuitton teure Taschen anbietet; in einen Bau in der Kölner Fußgängerzone, für den Media Markt im Jahr 2012 fast 100.000 Euro Miete zahlte – pro Monat. Alle diese Immobilien sind Teil eines Fonds, der im Besitz deutscher Bistümer ist und an dem das Erzbistum 41,5 Prozent hält. Die Mitglieder des Kirchensteuerrats lassen zu, dass oben investiert und unten gespart wird.

Die Kirche als Helfer in der Not?

Wie nahe steht die Kirche den Wohlhabenden? Und wer geht heute überhaupt noch regelmäßig zum Gottesdienst? 2005 gab das Erzbistum Köln beim Heidelberger Institut Sinus Sociovision die erste Milieustudie der katholischen Kirche in Auftrag. Kardinal Meisner, so erzählt es einer, der bei der Vorstellung des Projekts dabei war, sei von Anfang an gegen diese Studie gewesen, als "völlig unnötig" habe er sie abgetan. "An unserer Botschaft hat sich doch nichts geändert!", soll er gerufen haben. Die Untersuchung wurde schließlich an Meisner vorbei durchgeführt – und das Ergebnis war niederschmetternd: Dort, wo die Kirche am dringendsten gebraucht wird, als moralischer Beistand und Sinnstifter, als Helfer in der Not, da erreicht sie kaum mehr jemanden. Im unteren Drittel der Gesellschaft ist sie einfach nicht mehr präsent – und auch in der Mittelschicht spielt sie eine immer kleinere Rolle.

Die Heidelberger Forscher untersuchten zehn soziale Milieus – und fanden heraus, dass in gerade mal zweien die Kirche überhaupt noch wichtig ist. Das eine Milieu ist das der Konservativen. Sie sind fast durchweg akademisch geprägt und sehr vermögend. Drei Viertel von ihnen sind älter als 50. Das Christentum sehen sie als Fundament der Zivilisation. Das zweite Milieu stellen die Traditionsverwurzelten. Sie sind 60 Jahre und älter und wollen den hart erarbeiteten Lebensstandard bewahren. Sie haben ein gutes Auskommen, sind familienbewusst und besonders im ländlichen Raum oft in der Gemeinde engagiert. Bei ihnen ist die Kirchenbindung am stärksten.

Wenn die Kirche ein Unternehmen ist, wie der Finanzdirektor und Ex-Banker Hermann Josef Schon sagt, dann sind die Kunden die Wohlhabenden, die Alten, die Gebildeten, die Besitzstandswahrer.

Und das Unternehmen Kirche bemüht sich sehr sorgsam um einen guten Service für seine Klientel. Als Klaus Esser, Ex-Vorstandsvorsitzender von Mannesmann, im Jahr 2000 seine fragwürdige Abfindung von 30 Millionen Euro erhielt, um die später ein jahrelanger Untreue-Prozess geführt werden sollte, ließ er beim Erzbistum anfragen, ob man ihm für dieses eine Jahr eventuell die Kirchensteuer erlassen könne. Das Erzbistum hatte großes Verständnis. Es befreite ihn von der Hälfte der Steuer. Vor Gericht sagte Esser damals den Satz: "Ich bin mit mir und dem lieben Gott im Reinen."

In seinem Apostolischen Schreiben klagt Papst Franziskus an: "Die soziale Ungleichheit tritt immer klarer zutage. Man muss kämpfen, um zu leben – und oft wenig würdevoll zu leben." Man ahnt, wie sehr es diesen Papst schmerzt, dass in einem Land wie Deutschland vor allem die Etablierten und Vermögenden noch in die Kirche gehen.

Und was macht Meisner?

Er streicht der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung das Geld. Er streicht der Karl Rahner Akademie, die sich mit ethisch-sozialen Fragen beschäftigt, das Geld – sie ist nun die einzige katholische Akademie Deutschlands, die ohne Unterstützung irgendeiner kirchlichen Institution arbeiten muss. Und auch der Gemeinde St. Cornelius in Köln-Heumar streicht Meisner erhebliche Mittel. Sie wird im Rahmen des Sparprogramms "Zukunft heute" mit drei anderen Pfarrgemeinden zusammengelegt – ein Schicksal, mit dem St. Cornelius nicht alleine dasteht.

In Heumar soll neben dem Kindergarten auch das Pfarrheim geschlossen werden, in dem die Caritas, der Jugendtreff, die Seniorengruppe und 33 weitere Projekte untergebracht sind. Aber die Heumarer haben eine Idee, um die Grundpfeiler ihrer Gemeinde zu retten: 2008 gründen sie eine Bürgerstiftung. Seither bringen die Kirchenmitglieder das Geld für den Kindergarten und das Pfarrheim selbst auf. Auf ihrer Website bedankt die Bürgerstiftung sich nun bei ihren neuen Unterstützern: der Sparkasse, dem Montageschreiner Kiefer, den Eheleuten Rita und Karl Heinz Hoppmann.

In Köln-Heumar führt der Weg in die Kirche heute über Sponsoren. Sie sollen das Geld aufbringen, das das reichste Bistum Deutschlands nicht mehr ausgeben will.