Der Mann, der der Blase ihren Namen gegeben hat, ist ein Niemand. Kein gläserner Tower unterstreicht seine Bedeutung, kein ehrwürdiger Lehrstuhl verleiht ihm Renommee. Er hat nicht einmal ein eigenes Büro. Bloß einen knappen Quadratmeter in einem Co-Working-Space, eingepfercht zwischen Freelancern.

Er heißt James Leaton und sieht ein bisschen aus wie der Whistleblower Edward Snowden: jung, kurze Haare, Brille, schmales Gesicht. Im Gespräch mit ihm hat man bald das Gefühl, dass er möglichst schnell zurück zu seinem Laptop will. Leaton ist kein Mann großer Worte. Er ist einer, der sich wochenlang in Datenbergen vergräbt. Und die Ergebnisse dann für sich sprechen lässt.

Kann so einer es wirklich mit den mächtigsten Finanz- und Energiekonzernen aufnehmen, sie vielleicht sogar zum Umdenken zwingen?

Leaton ist kein Umweltschützer im klassischen Sinn. Er ist ein akribischer Zahlenmensch, der sein Handwerk bei den Wirtschaftsprüfern von PricewaterhouseCoopers gelernt hat. Heute arbeitet er für die Carbon Tracker Initiative, eine Londoner Nichtregierungsorganisation (NGO), gegründet von Finanzanalysten. Sie treibt die Angst vor dem, was Leaton die carbon bubble nennt: eine gewaltige Rohstoff-Blase, die für Milliardenverluste sorgen könnte.

Was passiert, wenn den Anlegern die Tatsachen klar werden?

Um zu verstehen, was sich da zusammenbraut, muss man sich Leatons Zahlen anschauen. Rund 900 Gigatonnen CO₂ kann die Menschheit bis 2050 noch in die Atmosphäre blasen, wenn sie das Ziel einer Erderwärmung um maximal zwei Grad noch erreichen will. Zahl Nummer zwei drückt aus, wie viel CO₂ in den nachgewiesenen Kohle-, Öl- und Gasreserven dieser Welt schlummert, was also freigesetzt würde, wenn Unternehmen und Staaten ihre fossilen Rohstoffe wie geplant verbrennen. Das Problem: Zahl Nummer zwei ist mit 2.860 Gigatonnen mehr als dreimal so hoch wie das, was unser Klima maximal noch verträgt.

Was das bedeutet? Leaton erklärt es nüchtern. Doch seine Logik ist scharf. Entweder die Erde heizt sich um deutlich mehr als zwei Grad auf, was einer Katastrophe gleichkäme. Oder große Teile der fossilen Reserven, die sich Unternehmen und Staaten gesichert haben, müssen unter der Erde bleiben. Sie seien dann, wie Leaton sagt, unburnable, nicht zu verbrennen. Also, kurz gesagt, wertlos.

Die HSBC, Großbritanniens größte Bank, hat ausgerechnet, dass Unternehmen wie Shell, BP, Eni, Total oder Statoil 40 bis 60 Prozent ihres Marktwertes verlieren könnten, wenn sie die Rohstoffe, die sie sich gesichert haben, unter der Erde lassen. Die Bank of England sieht eine mögliche Gefahr für die Stabilität des Finanzmarktes. Und der frühere US-Vizepräsident Al Gore ist sich sicher: "Wir haben eine carbon bubble. Und sie wird platzen."

Selbst wenn die Regierungen die hinzunehmende Erwärmung des Klimas auf drei Grad lockern sollten, säßen Staaten und Unternehmen immer noch auf viel zu vielen nicht nutzbaren Reserven. Nicholas Stern, der frühere Chefökonom der Weltbank, der heute an der London School of Economics lehrt, sieht deshalb eine "krasse Inkonsistenz zwischen der Bewertung fossiler Brennstoffe und den Klimazielen der Regierungen".

Die Frage ist: Was passiert, wenn das irgendwann auch den Investoren klar wird? Vermutlich würden sie ihr Kapital so schnell wie möglich abziehen. Die Blase könnte dann mit einem großen Knall platzen.

Eigentlich müssten die Alarmglocken der Konzerne und Investoren längst läuten. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. 2012 haben die 200 größten Energieunternehmen zusammen 674 Milliarden Dollar für das Aufspüren und Explorieren neuer Quellen ausgegeben. Die Blase wird also nicht kleiner, sie pumpt sich weiter auf.

Sind die Konzerne und Investoren schlicht zu blöd, um die Gefahr zu erkennen? Oder wetten sie auf die Untätigkeit der Politiker, also darauf, dass diese ihren CO₂-Zielen wie zuletzt beim Klimagipfel in Warschau kaum Taten folgen lassen?