London, 20. Juli 1914. Der Generaldirektor der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft, der Hapag, trifft in der britischen Hauptstadt ein. Business as usual: der Chef der größten Reederei der Welt auf Geschäftsreise. Doch tatsächlich soll Albert Ballin diskret sondieren, wie sich die Briten im Fall eines kontinentalen Krieges verhalten werden. Für den 56-jährigen Hamburger eine entsetzliche Mission, denn er hat jahrelang versucht, genau das zu verhindern, was jetzt bevorsteht. "Krieg ist Dummheit, die explodiert", meint Ballin, und obwohl ein glühender Patriot, ist "der Freund des Kaisers" zu klug, um Chauvinist zu sein.

Wie sein engster Vertrauter, der zehn Jahre jüngere Hamburger Bankier Max Warburg, übt Ballin sich im schwierigen Spagat des jüdischen Großbürgertums zwischen deutschem Patriotismus und aufgeklärtem Weltbürgertum. Warburg führte das bekannte Bankhaus in der vierten Generation. Der Geldmann, der gerne Kavallerieoffizier geworden wäre, zeigte sich riskanten außenpolitischen Abenteuern nicht immer abgeneigt. Doch den großen europäischen Krieg hielten beide nicht für den Weg zur Weltmacht, sondern für den in die Katastrophe.

Ausgerechnet Ballin, der britischen Konkurrenten mehr Marktanteile abgenommen hatte als irgendjemand sonst, war "in London zuhause" und mit britischen Staatsmännern befreundet. Er wünschte sich zwischen beiden Ländern ein Verhältnis, wie es die Handelsschifffahrt dank seines diplomatischen Geschicks bereits erreicht hatte: scharfer Wettbewerb ja, aber fair, und im Konfliktfall Verhandlungen statt Krieg. In vernünftigen Verhandlungen ließen sich auch die schwierigsten Fragen lösen.

Ballin versucht zwischen Briten und Deutschen zu vermitteln

Markantester Streitpunkt zwischen England und Deutschland blieb die rasant wachsende deutsche Kriegsflotte, das geliebte Prestigespielzeug Wilhelms II., deren Bau auch Ballin zunächst unterstützt hatte. Doch um 1908 sah er das Ziel, Sicherheit für Deutschland und deutsche Schiffe auf hoher See, erreicht, und Rüstungskontrolle, so mahnte er, sei die wichtigste Aufgabe des 20. Jahrhunderts. Wilhelm und sein Admiral Alfred von Tirpitz sahen das ganz anders. Ihre Devise hieß "Weltgeltung", ihre Maxime: erst aufrüsten, dann verhandeln.

Max Warburg war es, der Ballin eine erste konkrete Vermittlungsmöglichkeit eröffnete: 1908 machte er ihn mit Sir Ernest Cassel bekannt, dem deutschstämmigen Bankier und Vertrauten König Edwards VIII. Über diesen Weg wurden nun diskrete Signale ausgetauscht, denn auch die Reichskanzler, zunächst Ballins Freund Bernhard von Bülow, dann Theobald von Bethmann Hollweg, wünschten Verständigung mit Großbritannien.

1912 schließlich entsandte die britische Regierung auf Vermittlung von Ballin, Warburg und Cassel ihren Kriegsminister, Lord Richard Haldane, nach Berlin. Verhandelt wurde über deutsche Rüstungsbeschränkung zur See gegen ein Neutralitätsabkommen mit Großbritannien. Als die Verhandlungen ins Stocken gerieten, wurde Ballin miteinbezogen, später nach Paris geschickt, um den französischen Standpunkt zu erkunden, dann zu Gesprächen nach London. Voll strahlender Hoffnung kehrte er zurück: "Euer Majestät, ich bringe das Bündnis mit England!" Der Erfolg schien in der Tat zum Greifen nahe, doch am Ende scheiterte alles an einem letzten Detail: Die Deutschen wollten von einer geplanten Mannschaftsverstärkung nicht abweichen, die Briten waren in diesem Punkt zu keinerlei Konzessionen breit.

Der Kaiser mag die Händler nicht

"Ich habe erkennen müssen, dass die obwaltenden Verhältnisse und Einflüsse viel stärker sind, als ich es zu sein vermöchte", lautete die bittere Erkenntnis Ballins, die auch für Warburg galt. Wie andere Geschäftsleute wurde der "Freund des Kaisers" in Berlin zwar huldvoll angehört, "Krämern" – und dann auch noch "jüdischen Krämern" aus einer Stadtrepublik! – echten Einfluss zu gewähren blieb aber undenkbar. Mit dem Auswärtigen Amt verband Ballin eine tiefe gegenseitige Abneigung: Er hielt es für ein Reservat unfähiger adliger Mumien, und die Herren, so schrieb Theodor Wolff später, "benutzten ihn gern in delikaten Fällen, aber wenn er sich dabei den Hals gebrochen hätte, hätte man sich sehr gefreut".

Die Welt ist friedlos geworden.
Albert Ballin

"Die Welt ist friedlos geworden", lautete Ballins bitteres Fazit. "Die Rüstungen zu Lande und zu Wasser müssen schließlich zum Zusammenstoß führen." Doch noch gab er nicht auf: Die glänzende Kieler (Segel-)Woche war eher eine Hapag-Veranstaltung, und dort, so schlug er Wilhelm II. vor, ließen sich von Tirpitz und sein britischer Gegenpart Winston Churchill doch sicher einmal zusammenbringen, um alle Differenzen zwanglos zu besprechen.

Diese Chance im Juni 1914 scheiterte an Protokollfragen. Es wäre die letzte gewesen: Während der Kieler Woche 1914 fielen die Schüsse von Sarajevo. Vier Wochen später dann Ballins Reise für das Auswärtige Amt nach London. Der deutsche Botschafter ist nicht unterrichtet, und Ballin erfährt so auch nicht, wie der Diplomat die Situation einschätzt. Der ist sich sicher, England werde einen deutschen Angriff auf Frankreich unter keinen Umständen dulden.