Im Februar 1914 schickt Albert Einstein aus Zürich einen Brief an seine Geliebte Elsa Löwenstein in Berlin: "Ich komme nicht zum Schreiben, weil ich mit wirklich großen Dingen beschäftigt bin. Tag und Nacht grüble ich an der Vertiefung der Dinge, die ich in den letzten zwei Jahren allmählich gefunden habe und die einen unerhörten Fortschritt in den Grundproblemen der Physik bedeuten."

Einige Tage später schreibt er: "Mein kleiner Junge hat Keuchhusten, Mittelohrentzündung und Grippe und ist sehr heruntergekommen. Der Arzt verlangt, daß man mit ihm für einige Zeit nach dem Süden geht, sobald es sein Zustand erlaubt. Dies hat sein Gutes. Denn Miza (Einsteins Frau Mileva – d. Red.) muß mitgehen, und ich werde einige Zeit allein in Berlin sein." Am 29. März trifft Einstein in der deutschen Hauptstadt ein und vergnügt sich zwei Wochen lang mit Elsa.

In Berlin, wo sich damals die Crème der Physik versammelte, soll er das noch zu gründende Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik leiten. Die kaiserliche Forscherzunft hat dem 33-Jährigen ein unwiderstehliches Angebot gemacht: die Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Wissenschaften und eine Professur ohne Lehrverpflichtung. Der Umzug des schweizerischen Staatsbürgers nach Berlin ist bereits beschlossen.

Dort angekommen, arbeitet Einstein von 1914 bis 1915 an der mathematischen Formulierung der Allgemeinen Relativitätstheorie. Es ist ein alle Kräfte fordernder Kampf, auch ein Konkurrenzkampf mit dem legendären Göttinger Mathematiker David Hilbert. Über den Krieg ist aus seiner Korrespondenz nicht viel zu erfahren; im August 1914 schreibt er immerhin an den Physiker Paul Ehrenfest: "In solcher Zeit sieht man, welch trauriger Viehgattung man angehört. Ich döse ruhig hin in meinen friedlichen Grübeleien und empfinde nur eine Mischung von Mitleid und Abscheu."

Einstein ist nun also ein preußischer Beamter. Ist er auch Deutscher? Das bleibt in der Schwebe. Geboren ist er zwar 1879 in Ulm, doch von 1896 bis 1901 ist er staatenlos, danach Schweizer, zwischenzeitlich Bürger Österreich-Ungarns. Als 1922 die Frage auftaucht, ob der schweizerische oder der deutsche Botschafter zur Verleihung des Nobelpreises reisen soll, denn Einstein selbst ist verhindert, reklamieren die Deutschen dieses Recht und bekommen es auch. Einstein selbst ist die Zugehörigkeit zu einer Nation egal. Er gibt an, dazu das gleiche emotionale Verhältnis zu haben wie zur Mitgliedschaft in einer Versicherung. 1933, nachdem er Deutschland für immer verlassen hat, beantragt er die Beendigung seiner preußischen Staatsangehörigkeit. Stattdessen beschließen die Nazis die "Strafausbürgerung".

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Als er 1914 nach Berlin kommt, ist er freilich nur einem kleineren Kreis bekannt, obwohl sein wissenschaftliches annus mirabilis schon etwas zurückliegt. Das war 1905, als Einstein eine der Grundlagen der Quantenphysik schuf (Licht kann als eine Menge von Teilchen interpretiert werden) und seine Spezielle Relativitätstheorie formulierte: In dieser büßen Raum und Zeit ihren absoluten Charakter ein, Masse und Energie werden einander gleichgesetzt. Es folgte in den Jahren darauf die Allgemeine Relativitätstheorie, die die Schwerkraft als Eigenschaft der gekrümmten Raumzeit interpretiert.

In seiner Berliner Zeit ist Einstein weniger ein Aktivist als jemand, der bei Gelegenheit Memoranden gegen den Krieg unterschreibt – mal entschiedene, dann wieder recht verhaltene. Mit kriegsbegeisterten Kollegen wie Fritz Haber, der, ebenfalls in Berlin, sein Giftgas entwickelt, pflegt Einstein weiterhin Umgang. Durch die wilhelminisch-chauvinistische Gesellschaft bewegt er sich wie ein Tropfen Öl im Wasser. Aber Einstein bleibt er selbst und tut nicht mit – auch das ist keine Selbstverständlichkeit inmitten der allgemeinen Kriegspsychose von 1914.

1914 endet Einsteins zerrüttete Ehe

Überschattet ist das Jahr eher von einer persönlichen Krise. Zwei Wochen nach Albert Einstein kommt seine Frau Mileva mit den Kindern nach Berlin. Die Ehe ist längst zerrüttet. Einsteins schriftliche Anweisungen an Mileva können nur als Aufforderung zur Trennung verstanden werden: "Du sorgst dafür, [...] daß ich die drei Mahlzeiten IM ZIMMER ordnungsgemäß vorgesetzt bekomme. [...] Du verzichtest auf alle persönlichen Beziehungen zu mir [...] Du hast eine an mich gerichtete Rede sofort zu sistieren, wenn ich darum ersuche." Es ist derselbe Kasernenhofstil, der ihm die Deutschen von Jugend an so verhasst gemacht hatte.

Ende Juli 1914 trennt sich das Ehepaar, nach enervierenden Auseinandersetzungen; währenddessen schreibt Einstein an Elsa: "Besuchen darf ich Dich nicht. Wir müssen sehr heilig thun in dieser Zeit." Fünf Jahre später, nach vollzogener Scheidung, heiratet Einstein seine Geliebte – nicht ohne Zögern, denn auch mit der Tochter hat er angebandelt. Doch er wählt die Mutter. Nun beginnt überhaupt erst seine polygame Phase. Es ist die Zeit, in der seine Relativitätstheorie experimentell bestätigt wird und ein weltweiter Einstein-Rummel einsetzt. In den nun folgenden Jahrzehnten wird er diese Berühmtheit nutzen, um immer wieder für seine pazifistischen Ideen zu werben.

1916 veröffentlichte Albert Einstein ein leidenschaftliches Plädoyer für Europa und drückte sein Entsetzen über den Ersten Weltkrieg aus. Sein Beitrag erschien im "vaterländischen Gedenkbuch", eine Art Poesiealbum, in dem Militärs, Politiker, Dichter, Denker und Wissenschaftler aus Deutschland und Österreich zum Krieg Stellung nahmen: "Das Land Goethes 1914–1916". Lesen Sie Einsteins Beitrag hier.