Der Erfinder chemischer Waffen war er nicht. Doch durch ihn wurde der Weltkrieg zu einem chemischen Krieg auf industrieller Basis. Sein Name ist für immer mit dem großen Giftgaseinsatz im belgischen Ypern verbunden. Seine stärkste Kritikerin lebte unterdessen mit ihm unter einem Dach: Clara Immerwahr, Habers Ehefrau, lehnte chemische Massenvernichtungswaffen vehement ab.

Von Anfang an war der spätere Nobelpreisträger Fritz Haber ein militärisch denkender Wissenschaftler. Schon vor dem Krieg erkannte der Professor für Elektrochemie der Technischen Hochschule Karlsruhe, dass Deutschland durch eine Seeblockade von einem wichtigen Rohstoff abgeschnitten werden könnte: dem Salpeter aus Chile, unabdingbar für die Herstellung von hochbrisanten Sprengstoffen und künstlichem Dünger. Rastlos arbeitete Haber daher an einem Verfahren, um das aus dem Salpeter gewonnene Ammoniak mithilfe von Luftstickstoff herzustellen. Die Testreihen zogen sich über Jahre hin, die erste nennenswerte Menge Ammoniak, die 1909 aus der Apparatur rann, wurde als Durchbruch gefeiert.

Haber war mit großer Intuition beim Entwickeln chemotechnischer Lösungen gesegnet, hinzu kam sein Organisationstalent. Er brachte die Wissenschaft, die Industrie, den Staat und später das skeptische Militär an einen Tisch. Mit ihm als Mentor begann die Zeit wissenschaftlich-industrieller Großprojekte.

Im Mittelpunkt steht nur Fritz Haber

Sein Gespür für Menschen, das er bei seiner Karriere an den Tag legte, ging ihm als Ehemann und Vater allerdings völlig ab. Jeder, der ihm nahestand, sprach von der erdrückenden "Wucht" seiner Persönlichkeit, allen voran seine Ehefrau Clara Immerwahr. Wie er entstammte sie dem Bildungsbürgertum und war vom Judentum zum Protestantismus konvertiert, auch sie war Chemikerin. Doch für ein gemeinsames Leben reichte das nicht aus. Bereits nach einem Jahr war die 1901 geschlossene Ehe an ihrem Nullpunkt angelangt: getrennte Schlafzimmer, ein Nebeneinanderher, die Atmosphäre kühl.

Haber suchte als Professor eine Ehefrau, die seinem Hang zur Repräsentation entgegenkam; Clara Immerwahr, als erste Frau an der Universität Breslau promoviert und von hochsensiblem Gemüt, widmete sich jedoch nur widerwillig den ihr zugedachten repräsentativen Pflichten. In ihrem Beruf konnte sie nur sporadisch arbeiten. 1909 beklagte sie sich bei ihrem Doktorvater Richard Abegg über "Fritzens erdrückende Stellungnahme für seine Person [...], neben der einfach jede Natur, die nicht noch rücksichtsloser sich auf seine Kosten durchsetzt, zugrunde geht. Und das ist mit mir der Fall."

1911 gründete die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Berlin-Dahlem neue Forschungseinrichtungen. Als Direktor des Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie wurde Fritz Haber auserkoren, mit Zustimmung von ganz oben. Zur Eröffnung des Hauses im Oktober 1912 schritt Wilhelm II. würdevoll vorneweg.

Die Gegebenheiten in Berlin waren generös: Ein repräsentatives Institutsgebäude unterstrich den internationalen Rang deutscher Naturwissenschaften, Haber selbst bezog eine stattliche Dienstvilla in unmittelbarer Nachbarschaft. Doch es war, als ob das Haus seine Aufgabe noch suchte. In der Villa blieb die Stimmung gedrückt. Die Dame des Hauses empfing ihre Gäste in Küchenschürze, man konnte sie für das Dienstmädchen halten.

Im Sommer 1914 steht für Haber fest, dass die Forschung der Wehrkraft Deutschlands zu dienen habe. Unverzüglich meldet er sich als Kriegsfreiwilliger. Am 4. Oktober 1914 veröffentlichen etliche Zeitungen im Reich den Aufruf An die Kulturwelt!, in dem 93 Wissenschaftler die Gräueltaten der deutschen Truppen in Belgien wortreich bestreiten. Auch Haber unterzeichnet die vor falschen Behauptungen strotzende Propagandaschrift. Mit größter Energie widmet er sich dem Aufbau der Ammoniakproduktion der BASF, mit der Deutschland große Mengen Sprengstoff und Kunstdünger herstellen und den Krieg über Jahre durchhalten konnte. Für das dabei eingesetzte Haber-Bosch-Verfahren wird er 1919 den Nobelpreis für Chemie erhalten – eine bis heute umstrittene Entscheidung.

Plädoyer für das Chlorgas

Schon im September 1914 beginnt im Westen der Stellungskrieg. Haber sucht nach einem Mittel, die erstarrenden Fronten auf breiter Linie zu durchbrechen. Chemiker testen Granaten, denen Reizstoffe beigemischt werden, doch die Geschosse detonieren, ohne dass der Gegner die Reizstoffe bemerkt. Als wissenschaftlicher Berater des Kriegsministeriums plädiert Haber dafür, mit giftigem Chlorgas gefüllte Stahlflaschen an der Front eingraben und abblasen zu lassen. Mit Skepsis beäugen die Generäle die neuartige Waffe, Chemikalien als Kampfmittel sind ihnen suspekt.

Immerhin wird Haber ein Großversuch zugestanden. Er wirft sich geradezu auf seine neue Aufgabe. Er berät, organisiert, erprobt, er überwacht das Abfüllen der Stahlflaschen mit Chlor, führt in Wahn bei Köln erste Versuche durch.