Der preußische General Paul von Lettow-Vorbeck gilt als Legende. Bis heute feiert die Bundeswehr ihn als Kriegshelden – obwohl sein Fanatismus ein ganzes Land verheerte. Sein Einsatzort: die Kolonie Deutsch-Ostafrika, das heutige Tansania.

Zur Lettow-Vorbeck-Saga gehören schon die ersten Tage des Krieges: Als die Nachricht vom Kriegsbeginn – leicht verspätet – am 5. August 1914 in Deutsch-Ostafrika eintrifft, kommt es zwischen dem 44-Jährigen und seinem direkten Vorgesetzten, Gouverneur Heinrich Schnee, zum ersten Streit. Es geht um die Art der Kriegsführung. Schnee will die Kolonie erhalten und ist bereit, dafür gegebenenfalls Zugeständnisse an die Briten zu machen. Lettow-Vorbeck dagegen befiehlt den im Norden stationierten Einheiten per Telegramm, die benachbarten britischen Kolonien im heutigen Kenia und Uganda anzugreifen: "Sofort antreten, englische Grenztruppen vernichten, Bahn bei Voi zerstören, äußerste Initiative."

Lettow-Vorbeck ist ein Wilhelminer wie aus dem Geschichts-Bilderbuch: ehrgeizig, mit national-konservativem Weltbild und allein in militärischen Kategorien denkend. Mit 18 Jahren ist er in die preußische Armee eingetreten und hat dort überdurchschnittlich schnell Karriere gemacht. Mit Kriegen auf kolonialisiertem Gebiet kennt er sich aus: 1900 hat er den Boxeraufstand in China bekämpft, von 1904 an zwei Jahre in Deutsch-Südwestafrika gedient. Bei seiner Ernennung zum Kommandeur der "Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika" im Dezember 1913 zählt er zu den jüngsten Oberstleutnants im Reich.

Zu Beginn des Kriegs verfolgt Lettow-Vorbeck eine klare Strategie: Durch ständige Offensivaktionen möchte er Großbritannien zwingen, Truppen nach Afrika zu verlegen. Er ist überzeugt, damit einen wichtigen Kriegsbeitrag zu leisten, weil so die Front in Europa entlastet wird. Doch er macht einen ähnlichen Fehler wie die Befehlshaber in Europa: Er greift mit Schutztruppen, die aus afrikanischen Söldnern – sogenannten Askari – bestehen, auch Belgisch-Kongo und Portugiesisch-Ostafrika (das heutige Mosambik) im Süden an. Damit hat er gleich einen Mehrfrontenkrieg vom Zaun gebrochen.

Das eigenmächtige Vorgehen Lettow-Vorbecks lässt den Konflikt zwischen ihm und Gouverneur Schnee eskalieren. Wiederholt kommt es vor, dass der Gouverneur eine Anordnung erlässt, die der Kommandeur umgehend für ungültig erklärt – und umgekehrt. Beide drohen, den jeweils anderen nach Kriegsende vors Kriegsgericht stellen zu lassen.

In diesem Machtkampf hat Schnee zunächst die besseren Karten. Anders als in vielen Städten des Deutschen Reichs herrscht in Ostafrika keine Kriegsbegeisterung unter den rund 4.000 dort lebenden Deutschen. Sie wollen ihren luxuriösen kolonialen Lebensstil nicht für den Krieg opfern. Viele unterstützen deshalb die abwartende, auf Verhandlungen mit dem Gegner setzende Haltung Schnees. Selbst innerhalb der "Schutztruppe" stößt Lettow-Vorbecks Programm auf Ablehnung. Einige hochrangige Offiziere fordern gar seine Absetzung. Doch dazu reichen Schnees Befugnisse nicht aus.

Am 2. November 1914 kommt Lettow-Vorbeck der Zufall zu Hilfe. Britische Truppen beginnen eine groß angelegte Offensive. 8.000 britische und indische Soldaten landen in der Nähe der Hafenstadt Tanga, des Endpunkts der Usambara-Bahn. Gegen den ausdrücklichen Befehl Schnees, die Stadt nicht zu verteidigen, organisiert Lettow-Vorbeck den Widerstand und lässt alle verfügbaren Kompanien per Eisenbahn heranschaffen. Obwohl die Verteidiger zahlenmäßig weit unterlegen sind, flüchten die gelandeten Soldaten nach zwei Tagen heftiger Kämpfe zurück auf die Schiffe und lassen, neben 360 Gefallenen, fast ihre gesamte Ausrüstung zurück. Vor allem wegen der Arroganz und der Unfähigkeit des britischen Befehlshabers, Brigadegeneral Arthur Aitken, wird Tanga für Historiker zu einem der "bemerkenswertesten Fehlschläge" in der britischen Militärgeschichte.

Der unerwartete Triumph lässt die Stimmung in der Kolonie kippen. Nun befürwortet eine Mehrheit Lettow-Vorbecks offensive Kriegsführung, während Gouverneur Schnee so gut wie entmachtet ist. Doch der Erfolg ist nicht von Dauer. Zwar greifen die Briten erst anderthalb Jahre später erneut an. Aber von 1916 an drängen sie die deutsche "Schutztruppe" immer weiter ins Landesinnere zurück.

Die Deutschen hinterlassen bei ihrem Rückzug eine Spur der Verwüstung. Sie plündern die Zivilbevölkerung aus und zerstören das Land. Direkte Kämpfe meiden sie. Selbst als die Briten Deutsch-Ostafrika im November 1917 vollständig erobert haben, weigert Lettow-Vorbeck sich, zu kapitulieren. Dabei glauben nicht einmal mehr seine Mitstreiter, dass ihre kleine Armee noch etwas ausrichten kann.

So entwickelt sich der Krieg in Deutsch-Ostafrika immer mehr zum "Ego-Trip" des Kommandeurs, wie es der Historiker Eckard Michels formuliert. Erst als Lettow-Vorbeck am 13. November 1918 vom Waffenstillstand in Europa erfährt, endet das Blutvergießen. Fast eine Million Menschen, in der Mehrzahl Afrikaner, bezahlen das sinnlose Kämpfen mit ihrem Leben.