Viel wissen wir nicht über den Professorensohn Fritz Niebergall aus Heidelberg. Einer von Hunderttausenden Soldaten ist er, die 1914 eingezogen werden, als das große Morden beginnt. "Lieber Vater", schreibt er am 1. Oktober des Jahres aus der Kaserne in Karlsruhe, "der Dienst dauert zwar nur von 7–11 und von 2–7, aber man hat doch immer zu tun und ist dauernd in Anspannung." Seine "Löhnung", berichtet er, setze er in einer Konditorei in Süßigkeiten um. "Im Ganzen" mache ihm "die Sache doch Spaß".

Alle paar Wochen schickt er während des kommenden Jahres Briefe an die Eltern. Rund 20 sind erhalten, seine Cousine hat sie, nebst dem Tagebuch, das Fritz Niebergall von 1915 an führte, der Onlineplattform "Europeana 1914–1918" zur Verfügung gestellt, einer Art kollektivem Kriegsgedächtnis im Netz. Hier sind Niebergalls Notizen zugänglich, so wie die von Hunderten weiterer Unbekannter; hier lässt sich nachlesen, wie einfache Soldaten und ihre Angehörigen erlebten, was sonst meist nur aus der Perspektive der politischen Führung und der Intellektuellen bekannt ist.

Der Krieg in persönlichen Dokumenten – doch wie individuell ist das Erleben wirklich? Oft ist das Persönliche stark durchwirkt von Propaganda. Es ist weniger der Einzelne, der von sich erzählt, als der Geist der Zeit, der durch ihn spricht. Wie viele kann es Fritz Niebergall kaum erwarten, an die Front zu kommen – wenngleich er ahnt, welche Tortur ihm bevorsteht. "Dort in den Schützengräben scheint viel Elend zu sein. Viel Granaten, wenig Schlaf, alles dreckig und naß. Man fault buchstäblich an", schreibt er Ende Januar 1915. "Junge Leute sollen das alles zwar leichter ertragen; [...] sind gar nicht so unzufrieden mit diesem Leben. [...] Nun, ich werde ja bald aus eigener Anschauung urteilen können."

Bereits den nächsten Brief verfasst er in Nordfrankreich, "3 m unter der Erde": "Wir sind in Fricourt, einem elend zusammengeschossenen Nest; pfeilförmig schiebt sich unsere Stellung in die französische ein, bei einem Vorstoß gäbe es Flankenfeuer von beiden Seiten." Er fühle sich allerdings "schon ganz heimisch in unserer unterirdischen Stadt", berichtet er. "Das regelmäßige Schlafen" müsse man sich "freilich abgewöhnen, dafür döst man am Tag oft in einer Art Halbschlaf. Nachts beginnt das eigentliche Leben: da leuchten die Raketen, die Posten machen auf; da kommt vor allen Dingen die Post und warmes Essen."

Der Krieg wird dem 20-Jährigen zu einem Labor der Selbsterforschung. Anfang Februar teilt Niebergall seinen Eltern mit: "In mir selbst fühle ich eine Veränderung vor sich gehen, die sicher viele mit mir erfahren. Das rein geistige Leben, das ich in meinem letzten Jahre zu fühlen bekam, leidet unter diesen Verhältnissen und der Umgebung Not. Dafür tritt das Empfinden und unmittelbare Erleben in den Vordergrund. [...] Wenn die Granaten sausen, hört das Denken einfach auf."

Hin und wieder zweifelt er zwar, ob der "nationale, vaterländische Gedanke" in ihm "recht Wurzel gefaßt" habe. Doch: "Die Größe der Zeit verstehe ich natürlich vollkommen; ich sehe alles mehr in größeren Zusammenhängen, den Krieg als Reinigungsmittel für die Menschheit."

Mit der Zeit vergeht ihm allerdings die heroische Gesinnung. "Von etwas Besonderem kann ich nicht berichten", heißt es in einem Brief vom September 1915. "Unser Höhlenleben ist ja bis ins Kleinste wohl geordnet [...]. Alles, auch das hitzigste Gefecht, der gewagteste Patrouillengang, gewinnt allmählich den Anschein mühselig vorbereiteter und schwer vollbrachter Arbeit."

Fritz Niebergalls Briefe illustrieren eindringlich, wie sämtliche kriegslüsternen Erbauungsphrasen unter ebenjenem Geschützdonner zerbröseln, den sie heraufbeschworen haben. Nach etwas mehr als acht Monaten an der Front ist Niebergall wie viele andere nicht mehr als ein menschlicher Apparat, reduziert auf Muskeln, Sinne, Reflexe, eine Überlebensmaschine, eine Vernichtungsmaschine, eine fleißige Ameise der Zerstörung. "Wenn für einige Zeit die unruhigen Mächte der primitiven Zustände aufhören, scheint uns etwas zu fehlen, man wird verkehrt und unruhig, [...] bis die Erlösung in Gestalt von einigen gut sitzenden Granaten von einem Feuerüberfall in der Nähe kommt."

Die Todesgefahr als Lebensreiz. Fritz Niebergall ist aus den Höhen eines naiven Idealismus in der Kältezone der reinen Tat angekommen. "Ich lerne allmählich: etwas anderes ist die Tat, etwas anderes das Wort, den Unterschied von Wissen und Erleben", schreibt er am 20. September 1915. Im Widerspruch dazu stehe, dass er überhaupt schreibe. Der Eintrag endet mit den Worten: "Aber ich tue das nur, um es los zu werden [...], weil es mich belästigt."

Danach werden seine Aufzeichnungen spärlich. Hat er tatsächlich, die Welt des Wortes hinter sich lassend, aufgehört, sich mitzuteilen? Oder sind seine weiteren Briefe und Tagebuchkladden nur nicht überliefert? Erhalten blieben immerhin einige Hinweise auf Stationen seines weiteren Weges durch die Hölle des Krieges. Seine Angehörigen haben sie zusammengestellt: "Juli 1916: Fritz mit Grenadier-Regiment 109 nach der Champagne / Dezember 1916: Fritz kommt als Urlauber zu Weihnachten nach Hause / August 1917: Fritz kommt wieder zur Front."

Schließlich erreicht folgende Nachricht die Familie: "Sehr geehrter Herr Professor! Leider muß ich Ihnen die traurige Mitteilung machen, daß Ihr Herr Sohn [...] seit dem 18.7.18 [...] vermißt wird." Bis 1919 fehlt von Fritz Niebergall jede Spur. Dann kommt per Post die Meldung, dass er an jenem 18. Juli "morgens bei Dormieres durch Kopfschuß gefallen" sei. Ein Kamerad bezeugt es an Eides statt. Den "Heldentod" sei er gestorben, heißt es im offiziellen Anschreiben – einen "Heldentod" wie mehr als neun Millionen Soldaten auf allen Seiten dieses Krieges.